sueddeutsche.de: Warum brauchen wir überhaupt noch professionelle Journalisten? Man bekommt alle Informationen schließlich gratis im Internet, man braucht bloß zu googeln ...

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Jonathan Landman arbeitet seit mehr als 20 Jahren bei der "New York Times". (© Foto: Stephan Weichert)

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Landman: ... Gratisinformation und professioneller Journalismus sind doch zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Die New York Times gibt es online gratis, aber sie liefert ein professionelles Produkt. Ich glaube, es gibt im Journalismus - wie überall - genug Platz für Profis und für Amateure. Das bedeutet aber nicht, dass sie das Gleiche tun. Ich habe überhaupt kein Problem mit Amateurmusikern, die ein Streichquartett in ihren Wohnzimmern spielen. Aber das ist natürlich nicht dasselbe wie Berufsmusiker, denen Tausende Menschen in einer Konzerthalle begeistert zuhören. Genauso sind professionelle Journalisten, die über besondere Talente und eine Ausbildung verfügen, besonders gut in manchen Dingen, in denen Amateure nicht so gut sind. Folglich sind die Ergebnisse vollkommen automatisierter News-Angebote wie Google News nicht wirklich befriedigend. Die Idee, dass das Internet irgendwie Amateure zusammenbringt, die dann auf magische Weise qualitativ hochwertige Nachrichten produzieren, kann gar nicht funktionieren. Professor Jay Rosen von der New York University hat beispielsweise eine sehr interessante Kombination von Profis und Amateuren entwickelt, die vielversprechend ist.

sueddeutsche.de: Sie meinen das Format "Off the Bus" das Jay Rosen für die Online-Zeitung Huffington Post entwickelt hat.

Landman: Genau, dort beaufsichtigen professionelle Redakteure Amateurreporter und produzieren gemeinsam mit ihnen Videos und News-Beiträge. Was ich Ihnen an diesem Beispiel illustrieren möchte: Beiträge von Amateuren sind nicht zu unterschätzen. Sie können sich Amateurfotos auf der Online-Plattform flickr ansehen, Texte von Amateuren in der Huffington Post lesen und so weiter. Und ein kleiner Teil davon ist gut, ein großer sehr schlecht. Die Trefferquote bei professionellen Journalisten ist naturgemäß höher, weil sie dafür entlohnt werden. Das ist bei Amateuren anders, was aber nicht heißt, dass sie nichts beitragen können. Manchmal berichten Amateure wirklich sehr gut. Es gab beispielsweise einen Blog, in dem Amateure über den Prozess gegen Lewis Libby, den ehemaligen Sicherheitsberater von Dick Cheney, berichteten. Keiner von ihnen wurde dafür bezahlt, sie waren aber trotzdem überaus engagiert. Ich weiß nicht, wie diese Leute ihren Lebensunterhalt verdienen, denn irgendjemand muss ja schließlich die Miete bezahlen. Aber wie auch immer sie das geschafft haben: Sie haben sehr gut berichtet. Ich finde so etwas großartig, nur darauf alleine kann sich eine Demokratie nicht verlassen.

sueddeutsche.de: Wir alle wissen, dass es immer schwieriger wird, junge Menschen davon zu überzeugen, für guten Journalismus zu bezahlen. Wie wollen Sie als reines Verlagshaus im digitalen Zeitalter neue Geschäftsmodelle finden?

Landman: Das tun wir täglich. Aber noch einmal: Print ist nicht tot. Also lassen Sie uns die Todesanzeige nicht zu früh aufsetzen. Klar, Print könnte eines Tages aussterben, möglich ist alles. Aber momentan verdienen wir mehr Geld mit unseren Abonnements als jemals zuvor. Die Auflage der Zeitung ist in den vergangenen paar Jahren marginal gesunken, für uns war das jedoch im Ergebnis effizient, weil die Leser am Rande der Auflagenskala sehr teuer sind: Man muss sie ständig bewerben und ihnen Prämien schenken. Wir haben jetzt ungefähr 800.000 Abonnenten, die die Times seit mindestens zwei Jahren beziehen und sie nach Hause geliefert bekommen, sie also nicht am Kiosk kaufen. Das ist bedeutsam, weil sich in der Vergangenheit gezeigt hat, dass Leser, die unsere Zeitung zwei Jahre abonniert haben, Abonnenten auf Lebenszeit werden - oder zumindest annähernd. Das sind also 800.000 loyale Leser bei einer Gesamtauflage von über einer Million, die über 500 Dollar für ein Jahresabo zahlen. Für uns und unsere Werbekunden sind diese Leute sehr wertvoll, weil sie gebildet, wohlhabend und neugierig sind, viele Interessen haben, reisen, konsumieren. Dieses Geschäftsmodell ist also noch lange nicht tot. Es ist bedroht, soviel steht fest. Und die Abwanderung der Kleinanzeigen ist natürlich ein großes Problem. Aber es gibt ja noch unsere Online-Umsätze, die stark ansteigen und derzeit bei elf Prozent liegen. Sie sehen also, es werden neue Geschäftsmodelle entwickelt, allerdings sind sie nicht wirklich neu, sondern basieren immer noch auf Werbung.

Jonathan Landman, 1952 in New York geboren, studierte Geschichte in Amherst und Journalismus an der Graduate School of Journalism der Columbia University. Nachdem Landman für verschiedene Zeitungen gearbeitet hatte, begann er vor mehr als 20 Jahren seine Karriere bei der New York Times, für die er unter anderem als stellvertretender Leiter des Washingtoner Büros und verantwortlicher Redakteur des New-York-Ressorts tätig war. Seit zwei Jahren ist Landman Deputy Managing Editor der New York Times und verantwortlich für digitalen Journalismus. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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(sueddeutsche.de/sst)