Von Interview: Doris Kuhn

Der Jugendbuchklassiker "Die Welle" kommt ins Kino. Warum Faschismus auch heute noch funktionieren würde und weshalb mehr Freiheit keine Lösung ist, erzählen Regisseur Dennis Gansel und Hauptdarsteller Jürgen Vogel.

SZ: In Ihrem Film beginnt alles mit einer Projektwoche zum Thema "Autokratie". Aber der zuständige Lehrer, der Herr Wenger, der ist gar nicht so ein diktatorischer Anführer und er ist auch kein Demagoge. Also ist der Prozess, dem man beiwohnt, eher ein gruppendynamischer. Heißt das, dass die Gruppe, oder eine Gruppenzugehörigkeit, allein schon fatal ist?

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Projektwoche zum Thema "Autokratie" mit Lehrer "Rainer" (Jürgen Vogel). (© Foto: dpa)

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Dennis Gansel: Nein, das hängt natürlich von den Gegebenheiten ab. Hier ist es ja so, dass die Schüler zuerst überzeugt sind, dass so etwas wie Faschismus nicht mehr möglich wäre. Sie beginnen das Experiment, um etwas Gutes zu bewirken, um für alle eine Gruppenzugehörigkeit zu schaffen zum Beispiel. Das zeigt der Film anfangs: Schüler reden auf einmal miteinander, Außenseiter werden integriert, unterschiedliche Cliquen arbeiten zusammen. Man streicht die positiven Sachen heraus, und dann will man erzählen, wie sie umkippen. Das geht zurück auf die Diskussionen, die ich mit meiner Oma immer hatte, wenn wir aufs Dritte Reich kamen, bei denen sie dann sagte, es sei ja eigentlich auch ganz schön gewesen, mit BDM und Lagerfeuer und Reisen nach Kärnten. Genau das versucht der Film zu zeigen, dass das Ganze sehr verführerisch sein kann.

SZ: Muss Gruppe notwendigerweise umschlagen in Mission, Gewalt, Unterdrückung?

Gansel: Nein, natürlich gibt es ganz viele Gruppen, wo es nicht umschlägt. Und für einen Film wäre es ungeschickt, wenn man von Anfang an merkt, dass furchtbare Dinge passieren werden. Also zeigen wir, dass es sich um eine Gruppe handelt, bei der zunächst alles super läuft, und irgendwann schlägt es um.

SZ: Woran liegt es, dass es bei manchen Gruppen umschlägt?

Jürgen Vogel: Das ist immer eine Frage der Autorität, wer sie ausübt, wie sie ausgeübt wird.

Gansel: Es liegt daran, dass ein Sportverein zum Beispiel unpolitisch ist. Weil es da nicht so ein extremes Reglement gibt. Weil ich nicht meinen Sportverein für das einzig Wahre halte. Und das ist doch das, was der Politik zugrunde liegt: Politik will, wie Religion, für das einzig Wahre gehalten werden. Das ist das Gefährliche daran.

Vogel: Vielleicht liegt es bei der "Welle" auch daran, dass es nichts außerhalb der Schule gibt, was die Kinder auffängt. Wenn man in deren Elternhäuser guckt, bekommt man das Gefühl, dass sich eigentlich keiner richtig für sie interessiert. Sie sind einsam, sie sind vernachlässigt, trotz ihres Wohlstands. Wenn diese Projektwoche auf einer Klassenfahrt stattgefunden hätte, wo der Lehrer Wenger alle Kinder 24 Stunden am Tag unter Kontrolle gehabt hätte, dann, glaube ich, wäre das so nicht passiert.

SZ: Wäre im Gegenteil mehr Freiheit nicht ein Weg?

Vogel: Der antiautoritäre Weg? Da gab es doch genug Versuche. Die sind alle gescheitert. Kinder sehnen sich nach Regeln, nach Grenzen, weil sich nur durch Erfahrungen mit Grenzen eine Persönlichkeit entwickelt.

SZ: Was führt dazu, dass man sich radikalen Bewegungen anschließt?

Vogel: Wenn Menschen keine Perspektive haben, schließen sie sich allem an, was ihnen in die Quere kommt, ob das jetzt Drogen sind, Sekten, Radikalismus, egal. Sämtliche Gefahren spielen immer dann eine Rolle, wenn man sich nicht mehr für eine Generation interessiert.

SZ: Gibt es kein Interesse an dieser Generation, an den Jugendlichen?

Vogel: Jugendliche sind nicht wichtig, sie werden nicht als Bestandteil der Gesellschaft gesehen, sondern eher als Rentenabsicherung. Oder, auf der anderen Seite, als Kriminelle, als Menschen, die man disziplinieren muss. Darüber hinaus spielen Jugendliche hier keine Rolle. In der Gesellschaft, in der wir leben, sind Menschen zwischen 25 und 40 wichtig - alles was darunter ist und alles was darüber ist, nicht.

SZ: Aber das war doch früher genauso, und trotzdem hat es prima Jugendbewegungen gegeben.

Vogel: Ich bin mir nicht sicher, ob das genauso war. Wurde früher über Jugend nur im Zusammenhang mit Kriminalität gesprochen?

Gansel: Man konnte sich früher jedenfalls besser abgrenzen. Ich finde, dass heutzutage viele Eltern gar nicht mehr den Mut haben, Eltern zu sein. Wenn du heute 17 bist, kann es sein, dass dein Vater die Turnschuhe trägt, die du tragen möchtest, oder dass deine Mutter sagt, pass mal auf, ich habe gerade die Arctic Monkeys aus dem Internet runtergeladen. Da fragt man sich doch, wo der Unterschied zwischen Kind und Eltern ist. Und der war früher ganz klar. Mein Vater hat sich von meinem Großvater radikal unterschieden - 68er von Kriegsgeneration. Ich hab mich schon sehr viel weniger von der Generation meines Vaters unterschieden. Und Kumpels von mir, die jetzt zehnjährige Söhne haben, laufen fast genauso herum wie ihre Kinder. Ich glaube, da liegt eher das Problem. Jugendliche suchen immer eine eigene Welt, eine Welt, in der sie sich abgrenzen können. Wenn sie sich also nach der einen Richtung nicht mehr absetzen können von ihren Eltern, weil die extrem liberal und aufgeschlossen sind, in welche Richtung werden sie dann gehen?

SZ: Glauben Sie nicht, dass Bildung in solchen Fällen ein Heilmittel ist?

Vogel: Die Schule kann nicht ausgleichen, was in der Gesellschaft falsch läuft.

Gansel: Selbst wenn das Niveau hoch wäre, glaube ich, dass Bildung nicht vor Faschismus schützen würde.

SZ: Warum nicht?

Gansel: Vor dem, was den Faschismus so gefährlich macht, vor diesen sozialen Mechanismen, schützt keine Art von Bildung. Im Dritten Reich haben alle gesellschaftlichen Schichten mitgemacht. Da war jemand wie Baldur von Schirach dabei, ein weltgewandter Mann, das war wirklich jemand, der belesen war, und von ihm reichte die Spanne bis hin zu den Arbeitern, die in die SA eingetreten sind. Das Gefährliche am Faschismus ist, dass er niedere Instinkte anspricht. Die Schüler sagen: Das wissen wir alles, wir haben es tausend Mal durchgenommen, Faschismus ist hier nicht mehr möglich. Und dann funktioniert es eben trotzdem.

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(SZ vom 12.03.2008/ehr)