Von Daniel Geiselhart

Der Rapper Fofo Adom'Megaa, bekannt unter dem Namen Rost, hätte einer von ihnen werden können und spricht im Interview über die Randalierer in Frankreich.

In den Städten Frankreichs revoltieren Jugendliche gegen den Staat. Fofo Adom'Megaa, bekannt unter dem Künstlernamen Rost, hätte einer von ihnen sein können. Als Sohn afrikanischer Immigranten wuchs er im Osten von Paris auf, im 19. und 20. Arrondissement, wohin sich Touristen selten verirren.

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"Die großen Brüder können den Kleinen die Schule überhaupt nicht mehr schmackhaft machen." (© )

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Vor zehn Jahren gründete er sein eigenes Unternehmen - den Musikverlag CMP, ein erfolgreiches Rap-Label. Die Ausschreitungen kommen für ihn nicht von ungefähr: Sein erstes Soloalbum "La Voix du Peuple" (Die Stimme des Volkes) enthält das Lied "Rêv'S'olution". Das Wortspiel verbindet rêve (Traum) mit solution (Lösung) zur Revolution.

SZ: Wie analysieren Sie die Ereignisse der vergangenen Tage?

Rost: Sie sind logisch. Seit einigen Jahren spitzt sich die Lage der einfachen Familien dramatisch zu. Viele haben ihre Arbeit verloren. In den ärmsten Vierteln gibt es Familien, die zu zehnt auf 50 Quadratmetern hausen. Jahrelang haben die Eltern für wenig Geld in einer Fabrik gearbeitet und bekommen heute eine lausige Rente. Die ältesten Kinder besuchten noch alle die Schule, manche haben sogar studiert, doch nur wenige finden einen Job.

Die großen Brüder können den Kleinen die Schule überhaupt nicht mehr schmackhaft machen. Sie selbst haben es ja trotz ihrer Schulausbildung zu nichts gebracht. Diese Jugendlichen sind es, die heute Autos anzünden. Sie haben keine Chance, keine Perspektiven. Hinzu kommt, dass vielen Eltern die Kraft fehlt, ihre Kinder korrekt zu erziehen, sie lassen sie nachts auf die Straße, können sich tagsüber nicht um sie kümmern.

Die Autorität der Eltern ist gebrochen - und der Respekt der Kinder ist verloren. Sie merken, dass sich keiner für sie interessiert und dass in der modernen Welt kein Platz für sie ist.

SZ: Wo liegen die Wurzeln für dieses soziale Unbehagen?

Rost: Es schwelt schon jahrelang in der französischen Gesellschaft. Seit langem bedeutet das, was Integration sein sollte, im Grunde genommen Ausschluss. Valéry Giscard d'Estaing hat 1974 mit seinem Projekt, die Armen in eigens für sie bestimmte Wohngebiete unterzubringen, all das in die Wege geleitet.

Solange das einfache Volk unter sich bleibt und niemals das Vorbild eines sich erfolgreich entwickelnden Menschen vor Augen hat, kann es sich nur schwer aus dem Schlamm ziehen. Es ist wie mit den Ghettos in den Vereinigten Staaten, nur dass die amerikanische Regierung für ihr Verhalten den Armen gegenüber nicht einmal Skrupel kennt.

SZ: Hat dieses Unbehagen auch kulturelle Gründe?

Rost: Nein, und genau darüber täuschen sich die meisten französischen Medien. Viele revoltierende Jugendliche sind keine Ausländer, die erst seit ein paar Jahren in Frankreich leben. Es sind richtige Franzosen mit französischer Kultur. Ob ihre Eltern nun aus Algerien, Marokko oder Zentralafrika stammen, spielt dabei kaum eine Rolle.

Anders als man allgemein glaubt, sind es auch keine organisierten Banden von Straßenkindern, die auf diese Weise bequemer Waffen und Drogen verkaufen könnten. Das will uns Innenminister Nicolas Sarkozy einreden, um seiner brutalen Unterdrückungspolitik eine Basis zu geben. Damit wird er dasselbe Ergebnis erzielen wie die Vereinigten Staaten. Unterdrückung bringt nichts, Vorbeugen ist besser.

Ich erinnere mich an ein Projekt unter Lionel Jospin. Da gab es in manchen Vierteln die "Police de proximité", Polizisten, die sich jeden Tag mit den Jugendlichen unterhielten, sogar kulturelle oder sportliche Events für sie organisierten. Sarkozy hat das alles abgeschafft, weil er der Meinung ist, solche Spielereien lösten das Problem nicht, und Polizisten seien keine Sozialarbeiter.

Ganz Unrecht hat er nicht, heute wären diese Maßnahmen tatsächlich Spielereien. Hätte man allerdings von Anfang an mit den Jugendlichen geredet, über ihre Lebensverhältnisse und beruflichen Vorstellungen, wären solche Ausschreitungen wohl nicht passiert.

SZ: Mangelt es an der Kommunikation zwischen Volk und Regierung?

Rost: Wir leben in einer Gesellschaft der immer schnelleren Kommunikation und der unterschiedlichen Kulturen. Es sieht aber allmählich so aus, als fürchteten sich die Leute vor fremden Kulturen. Sie weichen davor zurück und setzen sich nicht damit auseinander.

Im Übrigen haben die Leute in der Regierung keine Ahnung, mit wem sie es zu tun haben, sonst hätte Sarkozy französische Staatsangehörige niemals als "racaille", als Gesindel, bezeichnet. Das ist haarsträubend. Weiß er denn überhaupt, dass die meisten Menschen dieser Wohngebiete, die er mit dem Dampfstrahler säubern will, arbeiten und Steuern zahlen? Sarkozy respektiert das Volk nicht.

SZ: Sehen Sie als Rapper, der für viele Jugendliche ein Vorbild ist, einen anderen Weg?

Rost: Gewalt ist keine Lösung. Wer das glaubt, hat nichts verstanden. Dennoch behaupte ich, selbst auf die Gefahr hin, falsch interpretiert zu werden: Gewalt ist und war schon immer ein Mittel, Aufmerksamkeit zu erregen. Natürlich ein schreckliches Mittel, doch die Situation, in der sich viele dieser Leute befinden, ist viel schrecklicher.

Besser aber sind soziales Engagement und Reformen. Diese Leute müssen aus den schwierigen Vierteln herausgeholt und mit anderen Gesellschaftsschichten zusammengebracht werden. In einem positiven Gefüge lernen sie, konstruktiv zu sein.

Man muss mit den Jugendlichen reden und immer wieder reden. Viele von ihnen haben Pläne, nur fordert sie niemand auf, etwas daraus zu machen. Die Rapper wollen dagegen den Jugendlichen zeigen, dass es in unserer Gesellschaft für jeden einen Platz gibt.

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(SZ vom 7. November 2005)