Interview Rafik Schami: "Die Deutschen sind offener geworden"

"Die Tatsache, dass man nichts über uns weiß und uns gleichzeitig für Barbaren hält, war ein Schock", erzählt Rafik Schami über seine Ankunft in Deutschland.

(Foto: Regina Schmeken)

Als er vor 45 Jahren aus Syrien nach Deutschland kam, fühlte er sich gut vorbereitet- und wurde doch erst einmal enttäuscht.

Von Julia Rothhaas

Pünktlich auf die Minute steht Rafik Schami im Foyer seines Hotels in Freising. Am Abend wird er in einer Buchhandlung lesen, die Veranstaltung ist seit Monaten ausverkauft. Doch wer glaubt, der Schriftsteller würde auch nur einen einzelnen Satz aus seinem aktuellen Buch "Sophia oder Der Anfang aller Dinge" vorlesen, irrt.

Schami ist als Märchenerzähler bekannt und wahrlich: erzählen kann er. Nach zwei Stunden Interview hätte er eigentlich noch ein wenig Zeit, sich auf den Abend vorzubereiten oder sich kurz auszuruhen. Braucht er nicht, sagt er, und bestellt noch einmal einen doppelten Espresso.

Flucht vor dem Militär

Genau vor 45 Jahren, am 19. März 1971, kam Rafik Schami nach Deutschland. Als Student der Chemie musste der damals 25-Jährige seine Heimat Syrien vor dem Einzug ins Militär verlassen. "Als Chemiker wäre ich sofort in die Abteilung 'Chemische Waffe' gekommen", sagt Schami im Interview mit der SZ. "Wer da drin ist, kommt nicht mehr heraus, weil man dann als Geheimnisträger gilt." Sein Vater half ihm dabei, einen Reisepass zu bekommen, indem er jemanden bestach.

Nach seiner Ankunft in Deutschland habe Schami einen Kulturschock bekommen, und zwar im umgedrehten Sinne. Während er die europäischen Philosophen und Schriftsteller, die Sitten und Gebräuche kannte, habe sich hier niemand je groß mit der syrischen Kultur befasst. "Die Tatsache, dass man nichts über uns weiß und uns gleichzeitig für Barbaren hält, war ein Schock. Damals musste ich erklären, dass Syrien nicht in Afrika liegt."

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Ernsthaftigkeit nehme den Deutschen die Leichtigkeit

Auch von der deutschen Gastfreundschaft sei der heute 69-Jährige enttäuscht gewesen. "Bei uns lernt man schon von klein auf, großzügig zu sein." Gäste zu bewirten würde als etwas Lebensrettendes betrachtet. "Vieles, was unsere Kultur prägte, hat mit der Wüste zu tun. Im übertragenen Sinne rettet der Gastgeber noch heute seinen Gast vor Hunger oder Durst," so Schami. Das sei immer positiv belegt und nicht mit der Angst, jemand könne einen ausrauben oder die Gesellschaft aufmischen. Die Gastfreundschaft habe sich allerdings verändert, "die Deutschen sind offener geworden".

Das Leben hier habe ihn ernster gemacht. Alles laufe Schlag auf Schlag, das Beschäftigtsein zwinge zur Ernsthaftigkeit und nehme den Deutschen ihre Leichtigkeit. "Gleichzeitig habe ich in Deutschland Dinge in mir entdeckt, die lange unterdrückt waren, und die sich erst hier entfalten konnten. Dass ich mich nicht mehr umsehen muss, wenn ich offen auf der Straße rede - diese Freiheit hat mich geprägt."

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