Interview mit Walter Moers Warum Walter Moers die Anonymität bevorzugt

Warum legen Sie eigentlich so einen großen Wert darauf, nicht erkannt zu werden? Haben Sie Angst?

Ja, vor Prominenz. Ich kann mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen, als prominent zu sein, kein wirkliches Privatleben mehr zu haben. Ich weiß wirklich nicht, was beglückend daran sein soll, in der Öffentlichkeit von wildfremden Menschen erkannt zu werden. Das empfinde ich als einschränkend. Ich habe das anfangs am eigenen Leib erlebt, als ich noch öffentlich aufgetreten bin und Fotos von mir kursierten. Ich empfand es als unnatürlich, der Einzige in einem Raum voller Menschen zu sein, den alle kennen, während ich niemanden kannte. Deswegen habe ich aufgehört, mich fotografieren zu lassen. Und schon hörte das auf. So einfach war das. Aber das muss man rechtzeitig machen, von einem gewissen Zeitpunkt an kann man das nicht mehr abstellen. Mehrere Prominente haben mir schon gesagt, dass sie mich um meine Nichtprominenz beneiden.

Sie haben offenbar großen Spaß an der Camouflage. Der Blaubär erzählt "Seemannsgarn", in Ihrem ersten Roman gibt es die Figur des Stollentrolls, in ihrem jüngsten die des Havarius Opal, beides große Flunkerer. Kann man Ihnen denn irgendetwas glauben?

Ich weiß auch nicht, warum das Lügen in meiner Arbeit eine so große Rolle spielt. Vielleicht weil ich im wirklichen Leben ein sehr schlechter Lügner bin. Ich kann mich nicht gut verstellen und verfüge über keinerlei schauspielerische Fähigkeiten. Vielleicht versuche ich, das in meiner Arbeit zu kompensieren. Wahrscheinlich wäre ich gerne ein großer Lügner, begnadeter Trickbetrüger oder Politiker. Aber ich kann ja auch keine Witze erzählen und bin trotzdem Humorist geworden.

Wie muss man sich eine Zusammenarbeit mit Ihnen vorstellen? Sitzen Sie wochenlang mit Ihren Ko-Autoren zusammen oder geht das auch alles nur per E-Mail, so wie dieses Interview?

Es gibt ja neuerdings diese praktischen Kommunikationsgeräte mit einem Bildschirm und einer Tastatur, deren Handhabung mir meine Frau jeden Tag neu erklären muss. Mit denen kann man auch größere Informationen über extreme Entfernungen austauschen, selbst in andere Städte oder auf andere Planeten. Die haben mir in den letzten Jahren die Teamarbeit stark erleichtert, auch wenn ich ihre Funktionen nie verstanden habe. Irgendwas mit Geheimstrahlen, vermute ich.

Konkret: Wie war denn Ihre Rollenaufteilung mit Florian Biege?

Ich habe die Textarbeit übernommen und ein Szenario gezeichnet, während Florian die ganze malerische Arbeit alleine gestemmt hat. Das heißt konkret, dass ich zunächst meinen Roman zum Comic umgetextet habe. Dann habe ich das Szenario gezeichnet, also eine skizzenhafte Vorzeichnung der Comicseiten - natürlich ohne Farbe. Und von da an hat Florian übernommen und alles sehr aufwändig ins Reine gemalt.

Welches der beiden aktuellen Projekte ist Ihnen wichtiger: der neue Roman oder die Graphic Novel?

Ich habe da keine Präferenzen. Für mich ist das alles ein großes Puzzle, in das ich jeden Tag ein paar Stückchen einsetze. Welches Puzzleteil dran ist oder als nächstes fertig wird, ist mir egal. Und ganz fertig werde ich hoffentlich nie.

Die meisten Verfilmungen von Romanen funktionieren nicht richtig beim Publikum, da die Vorstellungen der Leser von den Filmemachern nicht getroffen werden. Haben Sie nicht Angst, dass sie mit der Comic-Fassung Ihres Romans in die gleiche Falle laufen und Ihre Fans enttäuschen?

Nö. "Erwartungen werden grundsätzlich nicht erfüllt!" Ich glaube, Helge Schneider hat das mal so oder ähnlich gesagt. Ich würde noch hinzufügen: "Nur meine eigenen".