Interview mit Walter Jens "Ich war lange Jahre angepasst"

Der bekannte deutsche Literaturwissenschaftler über seine völkische Jugend, "entartete Literatur" und die Frage seiner NSDAP-Mitgliedschaft.

Walter Jens, 1923 in Hamburg geboren, ist einer der wichtigsten Autoren der Nachkriegsliteratur. Zwar war er im Hauptberuf Professor für Klassische Philologie und Allgemeine Rhetorik in Tübingen, aber durch die Gruppe 47 nahm er maßgeblich Einfluss auf den Literaturbetrieb. Das am heutigen Montag erscheinende "InternationaleGermanistenlexikon1800-1950" unterstellt bei Walter Jens eine Aufnahme in die NSDAP. Der Spiegel ernannte Jens daraufhin zum "Parteigänger der braunen Machthaber". Willi Winkler hat Walter Jens in Tübingen befragt. Hier nimmt er zum ersten Mal ausführlich Stellung zu den Vorwürfen.

SZ: Ralph Giordano rühmte einmal seinem Mitschüler Walter Jens nach, bei ihm sei die Nazigegnerschaft "eingeboren" gewesen. Ihre Mutter war Hamburger Sozialdemokratin, aber Ihr Vater war deutschnational. Walter Jens: Der spirituelle Habitus kam durch meine Mutter in die Familie. Mein Vater war tolerant, hatte aber Spaß am Marschieren. Im Krieg brachte er es bis zum Major der Reserve.

SZ: Der Germanist Karl Otto Conrady, schrieb einmal von den jungen Leuten, die "in das Regime wie in die selbstverständliche, gemäße, richtige Staats- und Gesellschaftsform hineingefunden hatten". Wurde man auch als eingeborener Nazigegner eingewickelt? Jens: Ich habe vor einiger Zeit mit Erschrecken eine Rede gefunden, in der ich vor zehn bis fünfzehn Mitgliedern einer Kameradschaft mit makabrer Unschuld, so indoktriniert war man von den Lehrern, Worte wie "entartete Literatur" brauchte.

SZ: Wann war das? Jens: 1941 oder 1942.

SZ: War nicht der Exilant Thomas Mann Ihr Idol? Jens: Den behandelte ich sehr herablassend und bezeichnete ihn als "Literaten". Ich redete vom Gottsucher Hermann Stehr und vom humanen Arzt Hans Carossa und verlangte eine Literatur, die das Völkische zur Voraussetzung hat, aber jenseits jeder parteimäßigen Bindung. Ich wollte nicht, dass die Partei reinredet.

SZ: Also die NSDAP, der Sie dem "Internationalen Germanistenlexikon" zufolge seit 1942 angehörten. Jens: Ich meine schon, dass ich lange Jahre angepasst gesprochen habe, wie zum Beispiel in meinen Abituraufsatz, den ich nicht mehr gern lesen möchte.

SZ: Wovon handelte der? Jens: Er hieß "Heinrich gewinnt das Reich" und behandelte den Gang nach Canossa anhand von Kolbenheyers Drama "Gregor und Heinrich".

SZ: Beim Abitur waren Sie achtzehn. Wann kam der Vortrag über die "entartete Literatur"? Jens: Da gehörte ich bereits dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund an.

SZ: Wie sind Sie da reingekommen? Jens: Durch einen Klassenkameraden, der kein Nazi, sondern ein nationaler junger Mensch war. Er hat mich später auch in Freiburg in die Kameradschaft "Friedrich Ludwig Jahn" gebracht, in der ich eine Rede auf Thomas Mann hielt, die mit den Worten schloss: "Auf Wiedersehen, Thomas Mann, du großer Dichter!"

SZ: Wie viel Zeit verging zwischen der Absage an die "entartete Literatur" und dem Bekenntnis zu Thomas Mann? Jens: Zwei Jahre. Entscheidend war, dass ich von den mich indoktrinierenden Lehrern der Germanistik zu den Sachwaltern der res publica wechselte.

SZ: Sie haben das Fach gewechselt und Altphilologie studiert. Jens: Ich begann in Hamburg zu studieren. Im Sommer 1942 musste ich studentischen Ausgleichsdienst leisten und ging danach sehr bald nach Freiburg.

SZ: Wann? Jens: Im April 1943. Ich hatte damals keine Ahnung; es gab nichts zu lesen. Kafka schrieb ich mit zwei ff, Virginia Woolf wie Thomas Wolfe. Ich wusste wirklich nichts. Man prüft sich ja: Wer hat dich zu einem republikanischen Demokraten erzogen? Es war mein Lehrer Bruno Snell in Hamburg. Aber 1941/42 war ich noch nicht soweit. Es gab noch etwas anderes, das mich aufmerksam machte. Ich wohnte in Freiburg bei einer Engländerin. Abends musste ich mit Mrs. Weigel BBC hören, also auch "Deutsche Hörer!" von Thomas Mann. Da las ich dann Lotte in Weimar in dem Exemplar, das mir mein Lehrer Walther Rehm lieh, las noch einmal die Buddenbrooks.

SZ: An den NS-Studentenbund können Sie sich erinnern? Jens: Ob ich eingegliedert wurde oder ob ich womöglich einen Ausweis bekam, kann ich nicht sagen. Ich kann mich an Situationen erinnern, an Papiere nicht. Ich frage mich selber: Warst du in der NSDAP?

SZ: Genau das wäre meine Frage: Waren Sie in der NSDAP? Jens: Ich möchte mit großer Gewissheit sagen: Nein, denn ich wüsste nicht, wohin ich hätte gehen sollen. Wo befand sich - wenn es sie gab - die Ortsgruppe Eppendorf? Bin ich da hineingegangen und habe gesagt: "Heil Hitler, ich will in die NSDAP eintreten"? Ich glaube, meine Mutter hätte mich rausgeschmissen. Aber es gibt diese Karten, erst war's eine, jetzt sind's zwei, die sich in kurioser Weise widersprechen.

SZ: Danach haben Sie, das bringt am Montag der "Spiegel", am 20. November 1942 um Aufnahme in die Partei nachgesucht, während Sie im Germanistenlexikon als Parteimitglied seit dem 1. September 1942 geführt werden. Jens: Überzeugt wäre ich erst, wenn da stünde: Am so und sovielten ging Walter Jens in die Ortsgruppe - wo lag sie, verflucht noch mal? - und erklärte seinen Eintritt. Es kann da etwas geben, was ich nicht mehr weiß. Man kann nichts bekennen, von dem man bis vor kurzer Zeit nichts wusste. Der Mann von Mrs. Weigel...

SZ: ...Ihrer Wirtin in Freiburg... Jens: ...der sich schützen musste, war in der Partei. Es könnte sein, dass er mich einmal mitgenommen hat. Kann sein, dass der Parteiführer mich mit "Parteigenosse" anredete. Daran habe ich partielle Erinnerungen.

SZ: Nach dem Krieg bekamen Sie eine Assistentenstelle in Tübingen. Alle anderen Bewerber waren durch Parteimitgliedschaft diskreditiert. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder Sie haben schon 1946 nicht mehr gewusst, dass Sie in der Partei waren, oder Sie haben die Amnestie in Anspruch nehmen können, die für die Jahrgänge ab 1919 galt. Jens: Ich neige zur ersten Ansicht. Ich sehe mich da sehr nah bei Peter Wapnewski.

SZ: Der in einem Aufsatz für die "Zeit" Ähnliches beschrieben hat. Jens: Es mag sein, dass ich unwissentlich nicht die Wahrheit gesagt habe. Ich glaube das nicht. Ich glaube freilich auch nicht, dass ich in Tübingen von der Amnestie Gebrauch machte.

SZ: Die Frage stellte sich für Sie nicht? Jens: Sie stellte sich weder in Hamburg noch in Tübingen. Die Erinnerung an Spruchkammern ist mir so fern wie die an Aufnahmeanträge. Da mag eine weiße Stelle gewesen sein. So nachdrücklich ich immer betont habe, dass ich in der Hitlerjugend war, so nachdrücklich habe ich immer gesagt: Ich war nicht in der Partei. Es kann ein Irrtum sein. Ich habe keinen Beweis gegen mich, aber auch keinen schlagenden Beweis für mich.

SZ: 1936, mit dreizehn, als Sie sich für einen Lehrer verwendeten, waren Sie schon einmal mit den Behörden in Konflikt gekommen, Sie hatten als Ästhet keine rosigen Zukunftsaussichten in der wehrhaften Gegenwart - da könnte man sich doch vorstellen, dass man den Schutz der Partei sucht. Jens: Das halte ich in früheren Jahren für möglich, ab 1942 und 1943 bei Mrs. Weigel, nach der Begegnung mit Bruno Snell, aber nicht mehr. Soviel Plausibilität Ihre Meditation hat, ich kann es mir nicht vorstellen. Ich glaube nicht, dass sich die Wahrheit auf Karteikarten findet. Ich wende mich gegen die Buddrus'sche Absolutheitstheorie.

SZ: Der Historiker Michael Buddrus vom Institut für Zeitgeschichte hat für das Germanistenlexikon ein Gutachten erstellt, aber in seiner Festlegung ist er keineswegs absolut: "Jede Mitgliedschaft in der NSDAP blieb formal freiwillig - so freiwillig, wie es eben in einer Diktatur und zur Erreichung bestimmter Karrierestationen möglich war." Jens: Natürlich wird sich die Mehrheit freiwillig gemeldet haben. Aber ich bekomme jetzt jeden Tag zehn Briefe, in denen mir Menschen schreiben: "Das Schicksal, das Sie für sich reklamieren, ist auch meins." Es kann nicht sein, dass hier eine starre Maschinerie ohne Ausnahmen arbeitete.

SZ: Darf ich aus einem literarischen Werk zitieren? Da sagt der Mitläufer Lauenfels: "Ich musste in die Partei...um der Kinder willen." Und der Emigrant und Rückkehrer Hartmann erwidert: "Sie irren, Lauenfels. Es ist gleichgültig, auf welcher Seite unsere Kinder gestorben sind. Dass sie sterben mussten, das allein wiegt. Und sie hätten nicht zu sterben brauchen, wenn alle damals den Eid verweigert hätten." Das stammt aus dem Hörspiel "Der Besuch des Fremden" von Walter Jens - von 1952. Jens: Ich kannte zu viele Professoren, die das gemacht haben. Der Autor Jens hatte gelernt und sah sich 1952 in der Lage, das Problem zu durchdenken.

SZ: Schlichte Frage: Findet hier eine Verarbeitung statt? Jens: Ich halte es für unwahrscheinlich, aber ich kann dieses wie so vieles andere nicht ausschließen. Zu viele haben mitgemacht, um, wie sie sagten, um Schlimmeres zu verhindern.

SZ: Sie weichen aus. Ich unterstelle jetzt einfach... Jens: ...ja, machen Sie.

SZ: ...dass es Sie beschäftigt hat. Ein Hörspiel ist ein öffentliches Schauspiel: Alle sind Zeuge. Ihr erster Roman "Nein" von 1950 trägt den Untertitel "Die Welt der Angeklagten", und schließlich heißt Schreiben in der Moderne, Gerichtstag über sich zu halten. Jens: Sicherlich.

SZ: Es ist platt, aber es ist doch auffällig, dass Sie selber bereits vor 50 Jahren als Schriftsteller behandelt haben, was jetzt im Zusammenhang mit dem Lexikon verhandelt wird: die Mitgliedschaft in der Partei. Jens: Ich halte das für die Erfüllung der divinatorischen Pflicht des Schriftstellers.

SZ: Nicht schlecht. Jens: Dieser kühne Salto vom Ordinarius Lauenfels zum Studenten Jens überzeugt mich nicht ganz. Ich bin ein Mann des peut-etre. Ich glaube nicht, dass ihr Recht habt, aber auch Umzugskarten sind am Ende Belege. Mein Weg ist nicht gerade gewesen, aber dass der "Spiegel" eine neue Spruchkammer einführen will, dass man mir ein Fax schickt und mich ultimativ auffordert, mich binnen vier Stunden zu äußern, das lässt doch Humanität vermissen. Mit Verlaub, ich habe 1944 kein großes Werk geschrieben und bin auch nicht der SS beigetreten.

(SZ vom 08.12.2003)