SZ: Wie sehen Sie die Jüngeren in Ihrem Bereich? Claus Kleber vom heute journal zum Beispiel? Wickert: Es kommt nicht darauf an, wie ich ihn finde, sondern wie er auf den Zuschauer wirkt. Und da kommt er bei vielen an.
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SZ: Hat Sie die harsche Kritik, die Kleber neulich an den Tagesthemen übte, geärgert? Wickert: Claus Kleber hat uns geschrieben, dass er das nicht gesagt hat. Und wenn er es nicht gesagt hat, kann ich ja auch nichts dazu sagen.
SZ: Aber er hat Ihnen eine Kiste Wein geschickt. Wickert: Den hat die Redaktion leider ohne mich getrunken.
SZ: Bei den Einschaltquoten liegt das heute journal vorne. Wickert: Schon immer. Das liegt an der früheren Sendezeit. Wären wir zeitgleich dran, würden uns 40 Prozent der Leute gerne sehen, hat neulich eine Umfrage ergeben. Und das heute journal nur 35 Prozent.
SZ: Ist die Sendung nicht ein bisschen frischer als die Tagesthemen? Wickert: Dieser Eindruck ist häufig auf reine Äußerlichkeiten zurückzuführen. Aufs Design zum Beispiel. Wir sind da sicher strenger. SZ: Wirkt der tägliche Tagesthemen-Kommentar nicht ziemlich bieder? Wickert: 80 Prozent der Zuschauer finden ihn gut.
SZ: Würden Sie manche kommentierenden Kollegen nicht am liebsten ausblenden? Wickert: Einmal habe ich mich von einem Kommentar im Namen der Redaktion distanziert. Den hatte hier einfach keiner verstanden. SZ: ARD-Korrespondenten klagen, bei den Tagesthemen könne man nur schwer eigene Themen setzten - die Agenturgläubigkeit sei groß. Wickert: Das hat sich geändert. Wir setzen eigene Schwerpunkte. Und glauben unseren Korrespondenten mehr als der Agentur.
SZ: Wenn Sie alleine gestalten könnten - wie sähen die Tagesthemen aus? Wickert: Ich fantasiere jetzt mal: Wir bräuchten 20 hervorragende selbstständige Autoren, die nur für uns arbeiten. Und noch zusätzlich eine Hand voll Redakteure in Hamburg. Ansonsten bin ich der Meinung, dass die Tagesthemen - von der Idee, die hinter der Sendung steckt - richtig aufgestellt sind.
SZ: Im Moment sitzt eine Projektgruppe an Verbesserungsvorschlägen. Es heißt, die Tagesthemen brauchten mehr Tempo. Wickert: Tempo ist für mich eine gute Dramaturgie. Wenn nur Geschwindigkeit damit gemeint ist, dann muss ich sagen: Der Zuschauer verträgt das gar nicht.
SZ: Der Jenaer Professor Georg Ruhrmann hat herausgefunden, dass ein Großteil der Zuschauer die Komplexität der Fernsehnachrichten gar nicht versteht. Denken Sie daran beim Schreiben Ihrer Moderationen? Wickert: Immer! Ich habe sehr früh in meiner Zeit beim Fernsehen einen Brief von einer Zuschauerin bekommen, die in einer Monitor-Sendung 79 Fremdwörter zählte. Seitdem sage ich nicht mehr Sanktionen, sondern Strafmaßnahmen. Nicht mehr Holokaust, sondern Judenvernichtung. Das klingt viel schrecklicher.
SZ: 30 Prozent der Zuschauer sind der Ruhrmann-Studie zufolge nicht zu erreichen mit Fernsehnachrichten. Überrascht Sie diese Zahl? Wickert: Ich weiß nicht, ob sie stimmt. Ich habe jedenfalls einen anderen Eindruck.
SZ: Und die zunehmende Zahl derer, die angeblich nicht mehr unterscheiden können, ob sie RTL-Nachrichten oder die Tagesschau sehen? Wickert: Vielleicht liegt das daran, dass die Tagesschau für viele Zuschauer ein Begriff für Fernsehnachrichten ist.
SZ: Das ehrenvolle Angebot des Sat1-Chefs Roger Schawinski, der Ihnen einen Job nach Ihrer Zeit bei der ARD anbot - war das ein Werbegag? Wickert: Schawinski hat mich erst angerufen, als der Artikel gedruckt war. Sonst hätte ich gleich dementiert und die schöne Schlagzeile wäre geplatzt.
SZ: Sie können sich nicht vorstellen, mal neben RTL-Mann Klöppel zu stehen wie der frühere WDR-Intendant Nowotny? Wickert: Seit ich beim Fernsehen arbeite, habe ich einen Vertrag von der ARD. Ich habe nie einen Grund gesehen, mich anders zu orientieren. Mir wurde Ende der 80er Jahre mal die Chefredaktion von Sat 1 angeboten, für ein Jahresgehalt, das dem meines WDR-Intendanten entsprach. Es hat mich nicht gereizt.
SZ: Können Sie sich selbst gut aushalten? Wickert: Ich kann mich aushalten, aber nicht mehr sehen. Wenn ich die Sendung nochmal angucke, betrachte ich eine andere Person. Ich kontrolliere, ob der Moderator alles richtig macht.
SZ: Ist das beim Schreiben anders? Sie sind ja Autor zahlreicher Bücher. Wickert: Wenn ich schreibe, bin ich mehr ich selbst.
SZ: Eines Ihrer Werke ist der Krimi Der Richter aus Paris. Jetzt sind Sie Mitglied der Krimigilde "Das Syndikat" geworden. Wickert: Eine tolle Geschichte. Einmal im Jahr verbringen die deutschen Krimiautoren drei, vier Tage in der Provinz miteinander. Diesmal wurde über Todesarten diskutiert.
SZ: Haben Sie eine neue Methode für Ihren nächsten Fall gefunden? Wickert: Nein, die hatte ich schon. Seit zwei Monaten sitze ich an Ricous neuen Ermittlungen: Es geht um Angola, Waffen und Öl.
SZ: Ist Schreiben Qual für Sie? Wickert: Harte Arbeit, ja. Aber keine Qual. Ich leide nicht darunter. Das Thema zu finden und im Kopf zu erarbeiten, das ist viel schwieriger. SZ: Haben Sie mal überlegt, nach der Zeit bei den Tagesthemen fürs Fernsehen eine längere Form der politischen Befragung zu finden? So etwas wie Ihre Zeitzeugen-Gespräche auf Phoenix? Wickert: In jedem Fall läge mir das eher als eine kürzere, konfrontative Form. Ich bin nicht Michel Friedman. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit Konfrontation nicht viel weiter kommt. Bestenfalls ist sie ein unterhaltender Moment für den Zuschauer. "Sie sind ein Verbrecher, geben Sie's zu!", das ist nicht meine Sache.
SZ: Ein Rentnerdasein, das ist für Sie nicht vorstellbar? Wickert: Nein. Ich kann nicht Golf spielen.
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(SZ vom 8.5.2004)
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