Interview mit Sylvester Stallone "Ich war ein Idiot."

Mit 60 Jahren kehrt er in "Rocky Balboa" nochmals in den Ring zurück. Hollywood-Star Sylvester Stallone spricht mit uns über Würde, seinen Kumpel Arnie und den boxenden Bob Dylan.

Von Alexander Gorkow

Sylvester Stallone im schwarzen Langarm-T-Shirt im Kölner Hyatt. Die Ärmel hat er hochgeschoben und tja: diese Arme! Im übrigen hat er gaaanz liebe Augen, ein Verletzbarer, dessen Lächeln sagt: Tja, wen haben wir denn da! Die Stimme? Sowas Tiefes gibts nicht noch mal. Wie ein Cassettenrekorder, dem der Saft aus geht. Im offenen Nebenzimmer sitzt eine strenge Dame in einem Kostüm von Missoni: Seine Agentin. Sie ist dabei? Das geht eigentlich gar nicht. Berührt das Gespräch sensible Bereiche (Politik!), unterbricht sie ihre SMS-Orgie, schaut vom Handy auf - und ihre Augen schicken nadeldünne Laserstrahlen zu uns ins Zimmer.

SZ: Mister Stallone, erlauben Sie, dass ich recht schonungslos einsteige?

Stallone: Nur zu. Keine Gnade.

SZ: Wenn ein 60-jähriger Ex-Actionstar einen Film darüber dreht, wie sich ein 60-jähriger Ex-Boxstar in die Schlacht seines Lebens begibt - wie groß ist die Gefahr, sich grandios zu blamieren?

Stallone: Naheliegende Frage. Wird mir im Moment alle 30 Minuten gestellt.

SZ: Verzeihung.

Stallone: Kein Problem. Geben Sie die Antwort auf ihre rhetorische Frage gleich selbst!

SZ: Die Gefahr, sich grandios zu blamieren, sie ist überwältigend groß.

Stallone: So ist es.

SZ: Hat Sie denn niemand gewarnt? Oder hören Sie nicht auf Berater?

Stallone: Doch, vor allem auf einen: meine Frau. Wie Sie wissen, bin ich mit einer klugen und schönen Frau verheiratet.

SZ: Jennifer Flavin.

Stallone: So - und diese wunderbare Frau, die Mutter meiner wunderbaren Kinder, sie sagte: ,,Sly, du bist verrückt, du wirst dich mit diesem Film bis auf die Knochen blamieren, lass es sein!''

SZ: Sie hören nicht auf Ihre Frau?

Stallone: Andauernd. Ich bin ein kluger Mann. Kluge Männer heiraten kluge Frauen und hören dann auf sie. Ich habe leider nicht nur kluge Frauen geheiratet. Aber im letzten Anlauf schon. Sie ist der Boss. Ich hab' aber jetzt ausnahmsweise einmal nicht auf sie gehört. Hätte ich?

SZ: "Rocky VI" ist einer der schönsten und bewegendsten Filme, die ich je gesehen habe . . . Hätten wir das auch geklärt.

Stallone: Ich danke Ihnen. Sie machen mir mit diesem Kompliment eine große Freude.

SZ: Sie sind nicht drauf angewiesen. Ihr Film ist in den USA ein sagenhafter Erfolg.

Stallone: Einige meiner Filme waren sagenhafte Erfolge. An der Kasse. Sie verstehen . . .

SZ: . . . kommen wir auf diese Filme gleich mal zu sprechen . . .

Stallone: . . . oh, da herrscht, wenn Sie mich fragen, überhaupt gar keine Eile.

SZ: "Rocky VI" erzählt sehr lakonisch eine Geschichte über . . . die Würde?

Stallone: Sie beantworten Ihre Fragen selbst.

SZ: Mmh . . .

Stallone: Seien Sie nicht verlegen. War nicht böse gemeint. Sie sind wohl Analytiker.

SZ: Wir waren bei der Würde.

Stallone: Ja. Wissen Sie, was meine Frau sagte, als ich stur genug war, den Film in Angriff zu nehmen? Sie sagte: ,,Sly, keine Tricks, keine verdammten Eitelkeiten, vergiss das Licht, die Kamera, erzähl einfach diese Geschichte über einen Kerl, der es nochmal wissen will!'' Und Sie haben recht, es ist eine einfache Geschichte über die Würde geworden, so wie der erste ,,Rocky'' - vor 30 Jahren.

SZ: Sie sind Autor beider Filme, und Sie reflektieren dabei klar Ihr eigenes Leben. Was wollen Sie den Leuten sagen?

Stallone: Die Würde steht groß oben drüber, okay? Haben Sie ja gesagt, dass sie das tut.

SZ: Genau.

Stallone: Gut. 1976 geht es dabei um einen jungen Außenseiter, einen Typen von der Straße, der seine Chance bekommt, der den großen Kampf verliert, aber in Würde. Was er findet, ist das, was wichtiger ist, als diesen Kampf zu gewinnen.

SZ: Die Liebe.

Stallone: Er findet die Liebe - zu einem grauenvoll schüchternen, aber klugen und lieben Mädchen namens Adrian. Jetzt, 30 Jahre später, ist Adrian tot. Rocky Balboa ist einsam. Er hat sich entfremdet, von der Welt, sogar von seinem eigenen Sohn. Ich wollte einen Film über die Einsamkeit drehen. Und über das Alter. In Amerika stehen die Alten an jeder Straßenecke und brabbeln vor sich hin. Wir kümmern uns nicht mehr umeinander.

SZ: Von welcher Einsamkeit sprechen Sie?

Stallone: Wenn sie einen geliebten Menschen verlieren. Wenn der Tod eines solchen Menschen sie fallenlässt. Wenn die Gesellschaft sie nicht auffängt. Wenn die Gesellschaft ihrem Sturz nur zuschaut.

SZ: Das ist es, was Sie sehen in Amerika?