Interview: Christopher Keil

Der neue Sat-1-Chef Matthias Alberti spricht über das Lockere an Kündigungen, die Schönheit von Pro 7 und über den Abenteurer RTL, mit dem man besser keine Kirschen klaut.

SZ: Herr Alberti, wer macht das Sat-1- Programm? Konzernchef Guillaume de Posch oder Sie?

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Sat-1-Geschäftsführer Matthias Alberti sieht seinen Sender in der deutschen Senderlandschaft als die "unternehmungslustige Freundin". (© Foto: ddp)

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Matthias Alberti: Wir bei Sat 1. Es gibt keinerlei Kürzungen im Programmbudget, wir sind handlungsfähig - wie bisher. Wir beauftragen derzeit viel, teilweise noch mehr als früher. Es ist zwingend, dass wir viel Geld in Programme investieren, nur so können wir marktanteilsmäßig wachsen, und dann sind 25 bis 30 Prozent Rendite auch keine Zauberei.

SZ: Na ja, die Sat-1-Nachrichtenschiene wurde gestrichen, weil sie zu teuer war.

Alberti: Falsch. Die Nachtnews wurden eingestellt, weil sie nur acht Prozent Marktanteil hatten. Außerdem haben wir zwei Boulevard-Magazine eingestellt. "Sat 1 am Mittag" hatte keine wirtschaftliche Perspektive. Die hätte es erst bei dauerhaft 21, 22 Prozent Marktanteil gegeben. Die Verträge bei "Sat 1 am Mittag" waren alle auf den 30. November datiert, die lassen wir also auslaufen, das sind keine Kündigungen. Die Kerntruppe von "Sat 1 am Mittag" hat inzwischen eine Produktionsfirma gegründet, und stellt für uns "Die Allestester" her, ein neues Verbrauchermagazin für den Vorabend am Wochenende.

SZ: Finden Sie es sexy, wenn ein abgeschriebenes Format, das neun Prozent macht, ins Programm findet, weil ein neues, besseres Format, das 17 Prozent macht und mehr Zuschauer bindet, zu viel kostet?

Alberti: Inzwischen liegt "Barbara Salesch" um 11 Uhr bei durchschnittlich 13,7 Prozent. Man muss die Zeitzonen beachten. Die Daytime, also die Tagesprogrammierung, ist das bread-and-butter-business. Es macht keinen Sinn, dort draufzuzahlen.

SZ: Sat 1 war einmal die Hoffnung auf ein besseres, modernes öffentlich-rechtliches Programm. Bei Sat 1 wurde der Event Film eingeführt, es gab Tennis-Daviscup und Fußball-Bundesliga mit Beckmann und Kerner und Kerner auch am Nachmittag. Inzwischen ist Sat 1 als Vollprogramm nicht mehr wiederzuerkennen.

Alberti: Wir sind aber ein Vollprogramm mit 24 Prozent Infoanteil. Die inhaltlichen Gespräche, die ich mit dem Vorstand und den Aufsichtsräten führe, laufen auf hohem Niveau. Die haben alle Ahnung vom Fernsehen und stehen hinter unserer Programmstrategie, die gerade zu greifen beginnt. Wir waren ja ziemlich leergelaufen und hatten in der Prime Time wirklich ein Problem, das durch den Erfolg von "Verliebt in Berlin" lange kaschiert war. Inzwischen haben wir viel entwickeln können. Auch für die Primetime haben wir viel getan.

SZ: Was denn?

Alberti: Neue Movies, Serien, Shows. In Kürze entscheiden wir über die neue Telenovela für das kommende Frühjahr. Gerade haben wir einen Krimi-Pitch beendet, um unsere Versorgung in diesem Bereich langfristig zu sichern. Es haben sich 34 Produktionsfirmen beteiligt und insgesamt 83 Ideen eingereicht. Fünf Konzepte werden weiterentwickelt. Dabei sind vier bekannte Produzenten, beispielsweise Zieglerfilm, aber auch ein völliges Newcomer-Team: Absolventen der Filmakademie Baden-Württemberg, die eine unschlagbar gute Serien-Idee haben.

SZ: Für welchen Tag?

Alberti: Unsere deutschen Krimiserien werden alle donnerstags laufen. Mitte November starten dort "Deadline" und neue Folgen von "R.I.S". Die zweite Staffel von "GSG 9" läuft ab Februar 2008.

SZ: Ihre Problemtage sind aber eher Mittwoch und Freitag.

Alberti: Unsere Dokus am Mittwoch waren inhaltlich zu nah an Kabel 1 oder RTL 2 dran. Wir sind sehr froh, dass wir die Champions League haben. Das erfordert aber eine besondere Programmierung. Wir werden dort jetzt abwechselnd Shows und Fußball zeigen. Für den Freitag gibt es von November an ein neues Line up mit Cordula Stratmann ("Das weiß doch jedes Kind!"), und Pastewka kommt auch zurück.

SZ: Das ist schon lustig: Erst wird die Sportredaktion aufgelöst, und dann werden große Fußball-Rechte gekauft, die redaktionell von einem anderen Sender betreut werden. Mit eigenem Profil hat das nichts zu tun.

Alberti: Das kann man auch lockerer sehen. Bei den bisherigen Übertragungen von Champions TV habe ich etwas Schönes erlebt: Sehr viele Kollegen aus der ehemaligen "ran"-Redaktion sind heute an anderer Stelle für uns tätig.

SZ: Wie und wo sehen Sie Sat 1 in der Zukunft?

Alberti: Also, ich sehe die ARD als den Vater. Von ihm bekomme ich Information und Orientierung. Das ZDF ist die Mutter, manchmal auch die Großmutter: sehr behütet, sehr beheimatet. RTL ist für mich der Abenteurer: Komm wir gehen Kirschen klauen - einer, mit dem man manchmal besser nicht spielen sollte. Pro Sieben ist für mich die Verführerin, die Schönste auf der Tanzfläche, hipp und toll. Und ich würde mich dann freuen, wenn wir als die unternehmungslustige Freundin gelten würden - ein bisschen reifer, erwachsener. Eine Freundin, die fragt: Willst du mit zum Stones Konzert, ich habe zwei Karten?

SZ: Welche Zielgruppe kommt denn bei dieser Familienaufstellung raus für die Freundin?

Alberti: Frauen ab 28 mit Kind und Familie, die sich ein Nest gebaut haben, in dem der elektronische Kamin wieder zündet.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Matthias Alberti zum Buch seines Vorgängers Roger Schawinski sagt.

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