Interview mit Michel Houellebecq "Ich habe mittlerweile den Koran gelesen, hat mir gut gefallen"

Okay, zurück zum Buch. War der Konfessionswechsel Ihres Helden die Grundidee?

Nein. Ich habe angefangen mit François, der ja jetzt im Buch Professor ist. Anfangs war er Student und las den ganzen Tag den Autor Joris Karl Huysmans.

Das tut er als Professor auch. Was hat Sie so an Huysmans fasziniert?

Ich war sehr unglücklich und einsam als Student. Wenn ich damals schon Huysmans' Bücher gekannt hätte, wär es mir ganz bestimmt besser gegangen.

Warum denn das?

Weil er so über die Maßen angeekelt ist von der Welt.

Und das soll einem helfen, durchs Studium zu kommen?

Ja, weil es wahnsinnig komisch ist. Er übertreibt so dermaßen, egal ob er jetzt Käse beschreibt, einen Pfarrer oder eine Straße. Das sind so intensive Beschreibungen des Abscheus, dass daraus plötzlich beim Lesen eine irrsinnig intensive Lebensfreude kommt.

Sie sind schon echt bizarr.

Überhaupt nicht. André Breton hat das ganz genauso empfunden. Probieren Sie es aus, es ist wirklich ein Heidenspaß.

Huysmans stand also am Anfang Ihres Romans?

Ja. Der war anfangs totaler Nihilist und Décadent und wurde später Katholik. Das wollte ich mit einem Helden unserer Tage probieren. Dann kam die Liebesgeschichte dazu. Zu dem Zeitpunkt merkte ich, dass um mich herum die Juden das Land verließen. Also habe ich aus der Geliebten eine Jüdin namens Myriam gemacht, die zusammen mit ihrer Familie nach Israel auswandert.

Im letzten Jahre sind 7000 Juden nach Israel gegangen.

Ja. Der Wahnsinn. Wenn die Juden Frankreich verlassen, können wir den Laden eh zumachen.

Warum wird François denn dann später Moslem?

Weil der Islam gerade enormen Aufwind in Europa hat. Und weil ich überzeugt bin, dass im Grunde nur Zivilisationen überleben können, die auf einer Religion fußen.

2002 brachten muslimische Verbände Sie vor Gericht, weil Sie den Islam als "gefährlich" und als "dümmste aller Religionen" bezeichnet hatten. Dem Richter haben Sie erklärt, Sie hassen oder verachten weder die Muslime noch die Araber, sondern nur ihre "dumme Religion". Es würden zwar alle monotheistischen Religionen eher Hass als Liebe predigen und die Bibel sei "voller Passagen, die so langweilig sind, dass man kotzen könnte", aber wenigstens sei in einigen biblischen Texten Poesie zu finden, im Gegensatz zum Koran. Würden Sie das heute auch noch sagen?

Überhaupt nicht. Ich habe mittlerweile den Koran gelesen, hat mir gut gefallen.

Im Buch sagen Sie, Transzendenz sei "ein selektiver Fortpflanzungsvorteil". Wie meinen Sie das?

Wer gläubig ist, bekommt mehr Kinder. Und die Mehrheit setzt irgendwann ihre Werte und Vorstellungen durch.

Aber reden Sie da nicht einem rechtspopulistischen Biologismus das Wort?

Nö.

Und misogyn finden Sie Ihren Roman auch nicht?

Nö. Warum?

Weil Frauen entweder willige Nutten oder aus dem Leim gegangene Kochmuttis sind.

Stimmt nicht.

Bei Ihrer Lesung haben Sie gesagt, wir Deutschen könnten uns gar nicht vorstellen, wie fundamental die Krise in Frankreich mittlerweile ist.

Ja. Als ich vor zwei Jahren aus Irland zurück nach Paris gezogen bin, konnte ich es erst gar nicht fassen.

Was fiel Ihnen denn da auf?

Überall Obdachlose. Naja, die Arbeitslosigkeit steigt seit Jahren, irgendwann macht sich das eben bemerkbar. Fast noch schlimmer fand ich aber die Art, wie sich die Menschen von der Politik abgewendet hatten.

Wie meinen Sie das?

Sie fühlen sich einfach nicht mehr vertreten durch die bürgerlichen Parteien. Das ist sehr gefährlich. Alle schimpfen nur noch über "die da oben". Seit 40 Jahren versuchen die Parteien und Medien, den Aufstieg des Front National zu verhindern - ohne Erfolg. Wir haben immer mehr Leute, die rechtspopulistisch denken, aber wir haben einen Präsidenten, der einer Partei zugehört, die jedenfalls dem Namen nach der Linken zuzurechnen ist. Das kann nicht mehr lange gutgehen.

In Ihrem Roman kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Szenen. Könnten Sie sich das in Frankreich tatsächlich vorstellen?

Naja, kein wirklicher Bürgerkrieg. Aber wenn es 2017 so weitergeht, wenn François Hollande durch einen Bündnistrick tatsächlich noch einmal Präsident werden sollte, könnte ich mir schon vorstellen, dass Leute auf dem rechtsextremen Flügel des Front National zu den Waffen greifen.

Was wählen Sie selbst denn?

Ich wähle doch nicht!

Warum denn nicht?

Ich will durch niemanden vertreten werden.

Glauben Sie, dass die Attentate irgendwas ändern werden in Frankreich?

Nein. Gar nichts.

Und was ändert sich für Sie als Künstler?

Wissen Sie, Osama bin Laden hat mal gesagt, die Terroristen seien uns überlegen, weil sie im Gegensatz zu uns todesmutig seien. Aber es braucht gar keinen Todesmut. Es braucht nur ein bisschen Sturheit. Den Willen, einfach weiterzumachen.