Interview mit Magnum-Fotograf Thomas Hoepker "Wir sind ein seltsamer Haufen"

Der Magnum-Fotograf Thomas Hoepker spricht im Interview über Preisdumping und Humanismus.

Von Dörthe Nath

Als erster deutscher Fotograf wurde Thomas Hoepker vor 18 Jahren als Vollmitglied in die Kooperative der Agentur Magnum aufgenommen. Hoepker, inzwischen 70, war bis zum Januar sogar ihr Präsident.

SZ: Herr Hoepker, Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich als Bilderfabrikant verstehen.

Thomas Hoepker: Auch wenn es üblich geworden ist, dass man Fotografie als Kunstausstellung betrachtet und diskutiert - ich sehe mich immer noch als Reporter, als Dokumentarfotograf. Wenn dann was an der Museumswand landet, ist mir das recht.

Früher konnten wir unsere Bilder breit und schön in den Illustrierten ausstellen, doch die gibt es kaum noch. Dafür gibt es die Museums- und die Galeriewand.

SZ: Die Reportagefotografie verschiebt sich ins Kunstfach?

Hoepker: Notgedrungen. Obwohl es auch andere Möglichkeiten gibt, Bilder öffentlich zu machen, zum Beispiel über das Internet.

SZ: Wo können Sie im Print denn noch Magnum-Fotos unterbringen?

Hoepker: Schwierig. Die Verlage wollen kein Geld mehr ausgeben für Reisen. Wenn man losgeschickt wird, dann für zwei Tage. Man kann davon kaum noch leben, und man hat vor allem nicht genug Zeit, anständige Bilder zu machen.

Sehr viele Fotografen arbeiten auf eigene Faust, fahren für ein halbes Jahr irgendwo hin, versuchen, das Geld zusammenzubringen, und nachher profitieren dann Zeitschriften davon, die möglichst den Preis drücken.

SZ: Wann kamen Sie zu Magnum?

Hoepker: Ende der achtziger Jahre. Ich hatte schon meine Bilder im Archiv von Magnum, die wollten mich bereits in den späten Sechzigern, damals hatte ich noch Verträge, auch beim Stern.

SZ: Und dann waren Sie ganz oben?

Hoepker: Das ist natürlich eine große Ehre - Magnum ist ein Elite-Club, der sich auch so sieht. Wirtschaftlich sind wir eine Kooperative. Die Verwaltung schluckt ungefähr die Hälfte der Einnahmen.

Es wird viel diskutiert, und wie immer bei solchen Gruppen entstehen Konflikte. Es sind immer ein paar Verrückte dabei. Also es ist eine dauernde, endlose Diskussion.

SZ: Worum geht es?

Hoepker: Um alles. Irgendein Thema taucht auf. Beispielsweise wollen wir jetzt unsere Filme zeigen. Wir haben plötzlich entdeckt, dass in unseren Archiven und in anderen Archiven Magnum-Filme liegen. Einige waren sehr an der Wiedergabe interessiert, andere sagten, wir sollten bei unserer Fotografie bleiben.

Wir haben über 150 Filme entdeckt, die von Magnum-Fotografen oder über Magnum-Fotografen gemacht wurden. Während der Berlinale haben wir 33 Filme gezeigt. Die Kinos sind voll gewesen, es wird darüber geredet. Wir sind, wie erwähnt, eine Kooperative, und die Mitglieder entscheiden nicht nur über die ästhetische oder philosophische Linie der Agentur, sondern auch ganz schlicht über die wirtschaftliche. Weil wir alle wirtschaftliche Amateure sind, entsteht oft viel Chaos.

In diesen Umbruchzeiten sollten wir eigentlich Profis anstellen, die das Geschäft erledigen. Andererseits brauchen wir Leute, die uns verstehen. Die unsere Motivation kennen, also dass wir nicht nur daran interessiert sind, Geld zu machen. Wir sind ein ganz seltsamer Haufen, die einzige Künstlerinitiative, die so lange überlebt hat.

SZ: Gibt es noch eine Magnum-Philosophie?

Hoepker: Wir kümmern uns nach wie vor um die Menschen in der Welt, denen es schlecht geht. Es gibt Traditionalisten, die nur humanistisch fotografieren wollen. Andere fordern Veränderungen. Ich glaube, wir müssen Fotografen aufnehmen, die die Welt anders sehen, wir müssen uns verjüngen. Sonst verstauben wir.