Von Anke Sterneborg

Physisch lebt er in Amerika, doch seine Seele fühlt sich in diesem seltsamen Universum zu Hause. Und so äußerst sich Regisseur Jim Jarmusch sich eben zu den Aliens in Hollywood, in Washington und zu denen, die seinen neuen Film "Broken Flowers" bevölkern.

Man braucht ein wenig Geduld mit Jim Jarmusch, aber das Warten hat sich noch immer gelohnt. Zuletzt bei "Broken Flowers", der in Cannes bejubelt wurde und nun in unsere Kinos kommt. SZ: Ihr letzter Film liegt sechs Jahre zurück, "Ghost Dog", seitdem hat es nur "Coffee and Cigarettes" gegeben, die Sammlung diverser Sketche aus verschiedenen Zeiten. Deutet sich da womöglich eine Midlife Crisis an wie die, in der Ihr Held steckt?

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Jarmusch über Heimat: "Physisch lebe ich in Amerika, aber meine Seele ist in diesem seltsamen Universum zu Hause, dessen Geheimnisse wir alle teilen." (© Foto: dpa)

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Jim Jarmusch: Nein, gar nicht. Die Leute nehmen gar nicht wahr, wie viel ich arbeite: Ich besitze die Negative meiner Filme und bin selbst für die Lizenzen verantwortlich, und ich kümmere mich um die Archivierung aller Originalmaterialien. 2001 schrieb ich fünf Monate an einem Script für Bill Murray, das ich dann verwarf. Bei "Coffee and Cigarettes" hatte ich ein Problem mit dem Labor, das mich fünf Monate kostete.

Das alles war in den Jahren nach dem 11. September - der auch für mich, wie für alle New Yorker, so traumatisch war. Ich bin eben kein Auftragsregisseur, ich schreibe meine Drehbücher selber, finanziere die Filme, bin dann jeden Tag im Schneideraum. Und es gehört ja auch zu meiner Arbeit, die Schwingungen meiner Umgebung aufzunehmen, meine Religion ist die Imagination. Ich sehe eine Menge Filme, vor allem alte, bin ein Musikfan, lese viele Bücher, treffe mich mit Freunden - alles eine Art Recherche, ich muss herausfinden was in der Welt vorgeht. Unsere Arbeit als Künstler ist ein Prozess, in dem es nie nur um das Produkt geht ... Ich bin also doch eine Art Workaholic.

SZ: Sie wissen, wenn Sie ein Drehbuch schreiben, oft schon, wer im Film spielen wird. Wie nah kommen sich dann Fiktion und Wirklichkeit, Mensch und Rolle?

Jarmusch: Es gibt bestimmte Qualitäten in einem Schauspieler, die ich nutzen möchte, andere will ich für meine Figur ausblenden. Bill Murray zum Beispiel hat eine sehr große Spanne von Möglichkeiten, er kann sehr laut und lustig sein, aber auch unglaublich leise und minimalistisch, er kann mit einem sehr dicken Pinsel malen, aber auch mit einem, der nur aus einem einzigen Haar besteht.

Er hat in seinem Gesicht diesen Widerspruch von Melancholie und Schalk, und er war ein wunderbarer Verbündeter bei "Broken Flowers". Bei mir ist alles was ein Schauspieler tut improvisiert, darum spielen wir bei den Proben niemals direkt die Szenen aus dem Drehbuch durch, so dass die Schauspieler dann beim Drehen auf sie reagieren können.

SZ: Ihr Kino ist wie eine große Forschungsreise durch einen unbekannten dunklen Kontinent. Was bedeutet Ihnen dieses Land Amerika?

Jarmusch: Ich bin amerikanisch, weil ich hier geboren bin, die amerikanische Kultur ist Teil meiner Seele. Gleichzeitig gibt es aber auch andere Kulturen, die da eingeschrieben sind, weil ich nicht an Grenzen und Nationalitäten glaube, sondern an Ideen und an die Imagination, an alles, was mich berührt, egal ob das alte buddhistische Skulpturen sind, englische Rockgruppen oder Underground Hardcore Hip-Hop aus Atlanta. Ich bin so amerikanisch wie Dick Fuckin' Cheney, der einzige Unterschied ist, dass ich ein echtes Herz habe und keines aus Metall. Physisch lebe ich in Amerika, aber meine Seele ist in diesem seltsamen Universum zu Hause, dessen Geheimnisse wir alle teilen. Ich bin kein Buddhist, aber ich interessiere mich für Zen, ich liebe die Unterschiede zwischen den Kulturen wie ihre Gemeinsamkeiten.

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