Von Marcus Rothe

Nein, zu den Hasen sag ich nichts: Ein Gespräch mit David Lynch über seinen neuen Film "Inland Empire", der noch radikaler ist als "Mulholland Drive".

Nein, zu den Hasen sag ich nix ... David Lynch ist kategorisch bei seinem neuen Film "Inland Empire". Keine Erklärungen, keine Verständnishilfe. Was nicht unbedingt neu ist bei dem Mann, der schon mit seinem Erstling "Eraserhead" die Filmwelt verunsicherte.

David Lynch

"Ich mache seit 33 Jahren jeden Tag zweimal transzendentale Meditation": David Lynch. (© Foto: ddp)

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SZ: Ihr neuer Film ist noch radikaler und labyrinthischer als das verrätselte Werk "Mulholland Drive" ...

David Lynch: Dieser Film ist ein abstraktes Werk. Mein einziger Rat an den verwirrten Zuschauer ist, ihn mit dem Herzen zu sehen und sich dabei ganz auf seine persönlichen Intuitionen zu verlassen. Denen sollte man nie misstrauen. Beim Filmemachen ist es, als würde man angeln gehen. Die Lust auf eine Idee ist wie der Wurm an der Angel. Mit genug Geduld kann man eine Idee angeln. Und wenn man sich dann wirklich in eine Idee verliebt, beginnt sie, andere Ideen anzuziehen. Ihre Bedeutung kann man erst einschätzen, wenn man an ihr arbeitet und sie zu Papier bringt.

Bestimmte Regisseure wissen genau, wie ihr Film aussehen soll. Ich habe keine globale Vision, bevor ich zu drehen beginne. Alles hängt von der Bewegung ab, vom Fluss der Ideen. In gewisser Weise existieren meine Filme schon vor dem Dreh ... ich sammle einfach die Fragmente, Gesichter, Wörter, Töne und Räume, um sie wie in einem Puzzle zusammenzufügen. Das Verständnis ist eine Abstraktion, die aus der Intuition hervorgeht. Wir verlassen uns im Leben ständig auf die Intuition, aber im Kino sind wir kaum daran gewöhnt.

SZ: Warum siedeln Sie Ihren Film zwischen der Traumfabrik Hollywood und der polnischen Industriestadt Lodz an?

Lynch: Ich habe mich auf dem Festival von Lodz in das winterliche Bild der Stadt verliebt. Dort gibt es großartige alte Textilfabriken. Ich liebe diese Ruinen, die alte Architektur und dieses graue, dicke, beinahe undurchsichtige Licht. Die Polen finden Lodz hässlich, in meinen Augen ist diese Stadt wunderschön.

SZ: Pflegen Sie eine eigenartige Vorstellung von Schönheit?

Lynch: Gut möglich.

SZ: Wäre dieser Film ohne Laura Dern möglich gewesen?

Lynch: Nein, sie ist Teil der Familie und eine großartige Schauspielerin. Sie hat etwas von einem Filmstar, aber auch den Mut, Grenzen zu überschreiten. In diesem Film stecken so viele verschiedene Seiten von Laura. Ihre Monologe finde ich wunderbar. Wir haben viel geprobt, dabei nach einem Weg, nach einer Geschichte gesucht, uns dann von Szene zu Szene vorangetastet. Und dann passte plötzlich alles zusammen.

SZ: Laura Dern spielt den Filmstar, die Schauspielerin, das naive Heimchen, die verängstigte Ehefrau...

Lynch: Viele Frauen verwandeln sich ständig im Laufe eines Tages. Morgens gehen sie arbeiten, aber abends kommen sie als anderer Mensch nach Hause. Sowas passiert vor allem, wenn man es mit einer Schauspielerin zu tun hat.

SZ: Ihre Vision von der Traumfabrik scheint sich seit "Mulholland Drive" weiter verdunkelt zu haben.

Lynch: Hollywood ist als Stadt tief gefallen, sie ist höllisch geworden. Der einst so großartige Hollywood Boulevard sieht heute wie ein Albtraum aus. Hollywood taucht immer wieder in meinen Geschichten auf, weil ich so die riesigen Konflikte und Kontraste zwischen den verschiedenen Versionen der Realität am besten zeigen kann. Für mich kann ein Gefühl abstrakt sein, zart und zerbrechlich. Es reicht nicht, eine Schauspielerin weinen zu lassen, um den Zuschauer zu rühren...und das Kino hat andere, abstraktere Mittel, um Trauer hervorzurufen.

SZ: Gibt es in Ihren Filmen nicht zwei Regisseure: Lynch und den Zuschauer?

Lynch: Ja, diese Idee gefällt mir. Wenn man sich ein Gemälde anschaut, dann nimmt man es je nach seiner innerer Verfassung immer wieder anders wahr.

SZ: Warum drehen Sie nicht mehr auf 35mm sondern auf Video?

Lynch: Das digitale Kino ist ein alter Traum, der endlich Wirklichkeit wurde: Das Material ist leichter, man arbeitet mit einem kleineren Team, die Einstellungen können bis zu vierzig Minuten lang sein, es gibt Autofocus, man verliert keine Zeit und das, was man auf dem Monitor sieht, entspricht genau dem Endergebnis. Ich liebe diese neue Technologie, denn sie erlaubt es mir, mit den Schauspielern zu reden und gleichzeitig zu drehen! Das digitale Kino ist die Zukunft. Der herkömmliche Film wirkt dagegen wie ein Dinosaurier. Ich werde nie wieder zu den Dinosauriern zurückkehren!

SZ: Lassen Sie sich von der Psychoanalyse inspirieren ?

Lynch: Eines Tages bin ich zu einem sehr liebenswerten Psychologen gegangen und habe ihn gefragt, ob seine Analyse meiner Kreativität schaden könne. Er hat mir ganz ehrlich geantwortet, das könne passieren. Ich habe ihm die Hand geschüttelt und seine Praxis verlassen.

SZ: Welche Rolle spielt die Meditation für Ihre Arbeit als Regisseur ?

Lynch: Ich mache seit 33 Jahren jeden Tag zweimal transzendentale Meditation. Durch diese mentale Technik werden all deine Sinne nach innen gelenkt - durch die Transzendenz stößt man zum durchdringenden, ewigen Feld des Seins. Je weiter man abtaucht, desto mehr Glück, Bewusstheit, Einheit gibt es. Man ist reine Kreativität. Angst, Depressionen, Stress, Hass, Wut - all das verschwindet! Diese Erfahrung ist seltsam und wunderschön!

Wir benutzen normalerweiser nur fünf Prozent unseres Gehirns, aber wir können schrittweise ein unendliches Potential aktivieren. Erziehung und Bildung sollten uns helfen, dieses Potential zu entfalten. Aber in den meisten Fällen macht es uns zu Arbeitsbienen - nach dem Motto: Such dir einen Job und halse dir eine Menge Stress für ein wenig Geld auf! Das ist erbärmlich.

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(SZ vom 24.4.2007)