SZ: In dem Titel "Gangbang" wird beispielsweise auf geradezu menschenverachtende Weise die Mehrfachpenetration einer Frau geschildert.
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Bushido: So funktioniert Gruppensex.
Loh: Ich erlebe als Lehrer an einem Gymnasium, welches Vorbild Du für die Jungs bist. Die schreiben Deine Texte auf ihre Ranzen und machen Deine Tattoos nach. Viele Mädchen sagen, dass sie schlechter behandelt werden von den Jungs, seitdem die diesen harten Rap hören. Die werden nur noch als "Fotzen" bezeichnet. Das Männerbild der Jungs hat sich ebenso geändert wie ihre Vorstellung davon, wie es ist, eine Beziehung zu haben. Inwieweit übernimmst Du auch Verantwortung für deine Texte?
Bushido: Ich sage den Kids: Wenn ihr auf Play drückt und meine CD hört, bekommt ihr 70 Minuten aus meinem Leben - wenn ihr auf Stop drückt, seid ihr wieder in eurem Leben, mit euren Eltern, euren Lehrern und der Polizei, die euch verhaftet, wenn ihr Mist baut.
Güngör: Das kannst Du ihnen sagen bei Dir zuhause. Aber Du verlierst in dem Moment die Definitionsmacht über den Inhalt und die Intention Deiner Songs, in dem sie veröffentlicht werden.
Bushido: Willst Du Musiker für alles verantwortlich machen? Wer hat in Columbine den Abzug betätigt? War das Marylin Manson? Wenn ich Rammstein oder Eminem höre, weiß ich, dass das Musik ist und nicht mein Leben. Ob ich davon beeinflusst werde in meinem Denken, kann ich selbst entscheiden.
Loh: Das sind Texte für Erwachsene. Und nun bist Du plötzlich ein Role Model für Tausende von Kids. Muss man die nicht schützen? Was hältst Du von der Indizierung Deiner CDs? Pornos kann man sich ja auch erst ab 18 anschauen.
Bushido: Wenn man sagt, dass meine Musik schlimmes Zeug ist, wird es für die Kids doch erst richtig interessant. Ich bin jetzt der Märtryrer! Drei meiner fünf Alben laufen gerade durch den Indizierungsprozess. 1993 wurde die erste HipHop-Platte indiziert, "Frohes Fest" von den Fantastischen Vier, seither sind elf HipHop-Alben auf dem Index gelandet - drei davon sind von mir. Ziemlich hohe Quote für einen einzelnen Musiker.
Güngör: Wir reden ja nicht von Verbot, die Platten dürfen weiter verkauft werden, nur nicht an Minderjährige. Dein früherer Aggro-Kollege Sido sagt, dass er einen fünfjährigen Sohn hat und dass er mit seiner Verantwortung als Vater so was wie den "Arschficksong" nie mehr schreiben würde.
Bushido: Wie verlogen, er hatte seinen Sohn schon, als er den Song machte.
Güngör: Angenommen, Du hättest eine Tochter, wie würdet Du ihr einen Song wie "Gangbang" erklären?
Bushido: Ich würde sie fragen: Glaubst Du an das, was da erzählt wird? Dann würde sie hoffentlich sagen: "Papa, Du weißt doch, das ist nur ein Lied." Außerdem ist das Problem doch nicht gelöst, indem man die CDs mit einem Stempel "Ab 18" versieht. Die Kinder können sich die Lieder aus dem Netz holen. Ich verdiene halt weniger Geld.
Loh: Naja, Du sagst das so großspurig, aber bei Aggro schlackern sie schon mit den Ohren, wenn deren CDs indiziert werden, können sie bald zumachen, deren Kunden sind doch die 14-Jährigen.
SZ: In Ihren Songs geht es zu wie in der Bronx, und Sie behaupten, das sei authentisch. In Interviews aber beschreiben Sie ihren Alltag als Kleinbürgerleben, wo Muttern die Wäsche wäscht, während Sie selber auf Phoenix Bundestagsdebatten verfolgen, Dr. Lesch gucken und Fantasy-Romane lesen.
Güngör: Wer ist denn Dr. Lesch?
Bushido: Ein Astrophysiker von der Uni München, der erklärt in der Sendung "Alpha Centauri", wie Galaxien entstehen. Guck ich mir gerne an zu Hause.
SZ: Wie geht dieses Idyll zusammen mit der Behauptung, Ihre Krawalltexte seien authentisch?
Bushido: Ich lade Euch gerne ein, einen Tag mit mir zu chillen im Café in Tempelhof. Wenn alle meine arabischen Freunde kommen, sitzen da 800 Jahre Knast rum. Der einzige Unterschied zwischen denen und mir ist, dass ich es mittlerweile geschafft habe, ich kann mir eine Uhr für 6000 Euro kaufen.
SZ: Eine der zentralen Thesen in dem Buch"Fear of a Kanak Planet" lautet, nirgends sei die Entwicklung des HipHop so stark mit einem nationalen Diskurs verknüpft wie in Deutschland. Warum?
Güngör: Wegen unseres Staatsbürgerschaftsgesetzes. Weil immer noch das Blutrecht zählt. Die Jugendlichen, die in der Pariser Banlieue aufwachsen, haben kein tolles Leben. Aber sie sind Franzosen, die nicht automatisch von Abschiebung bedroht sind. Jeder Jugendliche marokkanischer Herkunft wird einem da sagen, ich bin Franzose, ich bin hier geboren. Er würde nie auf die Idee kommen, arabisch zu rappen. Wenn man hier in die Vororte geht, sagen die Jungs, ich bin Türke. Du bist und bleibst Migrant, und jeden Tag werden neue Migranten produziert durch die Politik.
Loh: Weshalb man sich nicht darüber wundern muss, dass türkischer Rap nicht in Istanbul, sondern in Deutschland entstanden ist, serbo-kroatischer Rap ebenfalls.
Bushido: Ich bin Deutscher.
SZ: Sie betonen das oft.
Bushido: Ich spiele damit. Weil ich ja nicht der Deutsche bin, den man sich so vorstellt. Ich habe einen tunesischen Vater, einen deutschen Pass, ich lebe in Deutschland, ich spreche gutes Deutsch, und meine Mama ist Deutsch, also bin ich auch Deutsch. Ich bin im Moment der deutsche Rapper in Deutschland.
SZ: Wenn Murat Güngör Begriffe wie Multikulti oder Integration verwendet, verdrehen Sie die Augen. Warum?
Bushido: Ich mach' doch nicht Musik, um Multikulti-Brei zu fördern. Mir ist das egal.
SZ: Weil das zu sehr nach politischem Programm klingt?
Bushido:Ich würde nie politischen Rap machen. Die Leute können sagen, du klingst rassistisch, nationalistisch, sexistisch, kriminell, damit kann ich leben. Aber wenn sie sagen würden: Du machst politischen Rap - oh mein Gott!
Güngör:Wenn ich den Fernseher anmache und sehe den Deutsch-Tunesier Bushido rappen, muss der gar keine politische Botschaft thematisieren. Das ist selbst schon politisch. Die Leute haben lange keinen Platz gehabt in Deutschland. Man hat diese Gesichter nicht gesehen im Fernsehen. Auf einmal sieht man sie. Das ist ein Perspektivwechsel. Zumal er von einem anderen Leben erzählt.
SZ: Apropos anderes Leben: Ihr Vater kommt im Gespräch nicht vor.
Bushido: Doch. Mein Hitzkopf, mein Nicht-Verstehen-Wollen, das ist das Arabische in mir. Der deutsche Teil sorgt dafür, dass ich mich informiere, versuche, korrekt zu sein. Der arabische Teil, der meines Vaters, bewirkt, dass ich alle Leute durch die Scheibe schmeißen will, die meine Mutter beleidigen.
Güngör: Das würden stramme Rechte auch über Araber und Deutsche sagen.
Bushido: Ja. Weil es leider viele Ausländer gibt, die so sind.
Güngör: Dann nutz doch Deine Verantwortung! Nutz Deinen Ruhm dazu, denen zu sagen, dass nicht immer nur alles Scheiße ist, dass man nicht immer nur schlagen muss! Du kannst doch auch mal eine Vision geben, wie man aus der Scheiße wieder rauskommt!
Bushido: In Sachen Verantwortung kann ich nichts versprechen. Ich glaube eher, es wird noch härter. Weil Leute wie ich immer mehr Aufmerksamkeit bekommen werden und das Publikum noch viel größer wird.
SZ: Der harte deutsche HipHop hat nicht nur die Musik, sondern auch die Attitüden des amerikanischen Gangsta-Raps übernommen - sind wir bald an dem Punkt, wo deutsche Rapper ihre Authentizität wie der US-Star 50 Cent mit der Zahl der Kugeln belegen müssen, die sie sich eingefangen haben? In Ihren Videos haben Sie einander ja schon mal begraben. Und Eko Fresh soll Berlin verlassen haben, weil es ihm da zu heiß wurde.
Bushido: Zwischen Amerika und hier liegen doch Welten. Da drüben geht es im HipHop ums ganz große Geld. Und bei uns sind viel zu wenige Kriminelle involviert. Vielleicht saß einer von uns mal in U-Haft, aber so richtig kriminell? Kaum. Die amerikanischen Rapper kriegen Morddrohungen und müssen sich verstecken. Ich lauf am helllichten Tag durch Köln, und wenn einer kommt, der meine Musik nicht mag, dann boxen wir uns höchstens und gehen beide weiter.
Loh: Meine Schüler fragen, ob Du ihnen ein Autogramm gibst. Die haben mir extra all diese CDs hier mitgegeben.
Bushido: Gerne, wenn Du das verantworten kannst...
Interview: Alex Rühle, Dirk Peitz
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(SZ v. 28.06.2005)
Bruce Springsteen in Frankfurt