SZ: Sie waren immer sehr stolz auf Ihre Herkunft aus der Arbeiterklasse, das hilft wohl, im luftigen Filmgeschäft auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben? Willis: Ja, und das ist etwas, was wir unseren Kindern vorgelebt haben. Sie sind in der Lage, die Realität von der Illusion zu unterscheiden. Es fällt mir sehr schwer, den illusionären Teil meines Berufes ernst zu nehmen, all diese Gerüchte und Spekulationen über mein Leben, diesen Brad-Pitt-Angelina-Jolie-Zirkus.

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SZ: Sie beide sind seit über 20 Jahren erfolgreich in einem harten Geschäft, und doch hat jeder auf seine Weise ein Kind im Manne bewahrt.

Katzenberg: Wir lieben einfach, was wir tun! Ich sage immer, dass ich in meinem ganzen Leben noch keinen einzigen Tag gearbeitet habe . . . ich habe das nie als Arbeit empfunden, auch nicht in den Jahren in denen ich Bote war oder Kabelträger. Ich fand das toll, und selbst mit einem Knüppel hätte man mich nicht fortjagen können.

Willis: Dieser ganze kreative Prozess, wenn man ein Skript nimmt, 110 Seiten, die jemand getippt hat, und es in etwas verwandelt, das unterhaltsam ist, in eine Geschichte, die die Leute sehen wollen - das bleibt eine Herausforderung. Mit jedem Film fange ich wieder ganz neu an!

SZ: Mr. Katzenberg, Sie haben die Stimmen Ihrer animierten Kreaturen immer mit großen Namen besetzt - wie sind Sie jetzt auf Bruce Willis gekommen, und wie schwer war es, ihn für einen Zeichenfilm-Waschbären zu begeistern? Katzenberg: Als die Autoren und Regisseure diese Figur schufen, beschrieben sie einen Typen, der ein richtiges Schlitzohr war, liebenswert und charmant, witzig und locker, einer der sich immer durchmogelt . . .

Willis: . . . der einen echten Kick aus dem Leben kriegt . . .

Katzenberg: . . . der in großem Stil lebt und dann doch unglaublich sympathisch ist, obwohl er zunächst nicht unbedingt so wirkt. Alles in allem einen Kerl wie David Addison in ¸¸Moonlighting" - das ist die Fernsehserie, mit der Bruce berühmt wurde. Ich kenne Bruce seit zwanzig Jahren, wir haben bei zwei Action-Filmen zusammengearbeitet, trotzdem ist das natürlich nicht der leichteste Anruf in der Welt: Hey Bruce, willst du einen Zeichentrick-Waschbären spielen?

Willis: Naja, ich habe dann doch sehr schnell zugesagt. Es gibt einfach sehr wenige originelle Komödien, nur dieses Zeug nach alten Fernsehserien, das mich nicht interessiert. Wenn man ¸¸Madagascar" oder ¸¸Shrek" sieht, denkt man, dass sich zum Synchronisieeren ein paar Schauspieler zusammengefunden und ein, zwei Tage Spaß hatten - aber nein, ich habe hier 18 Monate gearbeitet, so lange wie an keinem Film zuvor!

Katzenberg: Die Sprecher arbeiten meistens allein - das ist eigentlich wie im Live-Action-Kino. Wenn der Regisseur eine sehr dichte Darstellung will, dann macht er Nahaufnahmen, und die können nie mit zwei Schauspielern gleichzeitig gedreht werden. Eine Nahaufnahme von einem großartigen Schauspieler, das ist hundertprozentige Konzentration der Kamera und des Schauspielers! Ich sollte es vielleicht nicht sagen - aber für Zeichenfilme haben viele Schauspieler die besten Leistungen ihrer Karriere geliefert. Eddie Murphy war nie lustiger als in ¸¸Shrek", genauso Antonio Banderas, und so ist das auch mit Will Smith oder Bruce Willis. Und wenn ich mir anschaue, was Tom Hanks, immerhin ein Oscar-Gewinner, gemacht hat, dann liegt ¸¸Toy Story" für mich auf demselbem Niveau wie ¸¸Philadelphia Story".

Willis: Auch ich bin im Grunde an die Figur dieses Waschbären nicht anders herangegangen als an jede andere Rolle. Ich wünschte, ich hätte in jedem Film den Luxus, soviel Zeit zu haben. Ich habe gut 300 Dialogzeilen in ¸¸Ab durch die Hecke", aber jede von ihnen habe ich etwa vierhundertmal gesprochen, wir haben immer neue Versionen ausprobiert. Ich konnte an jeder einzelnen Zeile so lange arbeiten, bis sie perfekt war.

SZ: Mr.Willis, Sie haben die Angebote für ein ¸¸Stirb langsam 4" lange abgelehnt. Was hat Sie bewogen, sich nun auf eine neue Folge einzulassen? Willis: Ich habe mich nicht geweigert, ich habe die Latte nur höher gehängt, als es das Studio akzeptieren wollte. Ich habe immer gesagt, ich bin dabei, wenn sie eine Story haben, die das Versprechen des ersten Films einlöst. Als wir beim dritten Teil ankamen, war der Tank einfach leer. Der neue Film ist nun sehr viel gegenwärtiger, er ist in der digitalen Welt angekommen - nicht auf die Art von ¸¸Matrix" natürlich. Im ersten Film war John McClane sozusagen eine analoge Figur, 1986 gab es kein Internet, keine digitalen Filme, kein CGI, darum waren die Effekte, verglichen mit dem was heute möglich ist, geradezu lächerlich. Ich wollte John McClane aus dieser Welt herausholen, ihn in eine Welt einführen, in der die Technologie sehr viel weiter fortgeschritten ist.

Katzenberg: Das gleiche Problem haben wir auch beim Zeichenfilm. Die Zeiten, da man eine klassische Geschichte mit 2D-Animation erzählen konnte, sind lange vorbei. So wie John McClane neu erfunden werden musste, ist auch für die traditionelle Animation eine völlig neue Art von Geschichten nötig, und für die muss dann ein neuer, individueller Stil gefunden werden.

SZ: Mr.Willis, Sie haben gesagt, dass Sie in Hollywood heute die klassischen Produzenten vermissen, denen es nicht nur ums Geld, sondern um kreativen Einfluss geht, die dafür auch was riskieren. Willis: Jeffrey und ich sind seit Jahren befreundet, ich habe schon mehrere Male mit seinem Studio gearbeitet - bei Leuten wie ihm steht das kreative Risiko und die Lust an der Arbeit an vorderster Stelle. Und das spürt man, das ist der Grund, warum Millionen Menschen diese Filme sehen wollen. Hollywood hat sich sehr verändert, es werden sehr viel mehr Filme gemacht, als es wirklich kreative Leute und talentierte Produzenten gibt . . .

SZ: Böte sich denn dann nicht mitunter das Fernsehen an, das gerade viele aufregende Actionserien präsentiert? Willis: Nun, man soll niemals Nie sagen, aber ich genieße die breite Palette der Möglichkeiten, die man auf der großen Leinwand hat. Und es gibt sehr viel mehr Drehzeit für einen Film als bei einer TV-Episode. Das Fernsehen ist in der Tat sehr viel besser, als es vor zehn Jahren war, und in nochmal zehn Jahren wird es noch besser sein - viele Schauspieler gehen zum Fernsehen zurück. Aber ich, nun, ich liebe einfach das Kino.

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(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.150, Montag, den 03. Juli 2006)