Von Susan Vahabzadeh

Einst wollte er das mächtigste Amt der Welt, jetzt setzt er sich für höhere Ziele ein: Al Gore über Klimaschutz, den US-Präsidenten und seine Hauptrolle im Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit".

Wie ein Verlierer wirkt Al Gore, von 1992 bis zum Ende der Ära Clinton Vizepräsident der USA, als Präsidentschaftskandidat 2000 George W. Bush unterlegen, ganz sicher nicht, wenn er einem gegenüber steht - seit der Premiere in Cannes stellt er überall auf der Welt den Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit" vor, den er mit Davis Guggenheim gemacht hat, und gibt sich dabei ausgesprochen entspannt - so fröhlich, ausgeglichen und normal, wie ein Präsident niemals sein könnte.

"Dokumentarfilme sind eine der letzten Möglichkeiten, ein Publikum mit einer langen komplizierten Botschaft zu erreichen", sagt Ex-Vize-Präsident Al Gore. (© Foto: DDP)

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SZ: Dem Image, das Sie 2000 im Wahlkampf hatten, entspricht Ihr Auftritt in "Eine unbequeme Wahrheit" so gar nicht - waren Sie in Wirklichkeit damals genauso unterhaltsam?

Al Gore: Ich denke, die Menschen betrachten einen plötzlich anders, wenn man Kandidat ist. Die Gegenseite versucht, ein Negativ-Image zu etablieren, und man begegnet sehr viel Skepsis bei den Menschen - das ist ja im übrigen gesund. Aber außerdem entwickeln wir uns ja auch alle weiter, es entspricht der menschlichen Natur, aus Erfahrung klüger zu werden.

SZ: Irgendwie ist das, was Sie gerade tun ja, auch Politik. Vielleicht ist es sogar besser so.

Al Gore: Winston Churchill hat einmal gesagt, als ihn jemand gefragt hat, ob etwas nicht eigentlich ein als Unglück getarnter Segen sei: Verdammt gute Tarnung. Wir wissen ja sowieso nicht, was Gott mit uns vorhat, ob es einen Plan gibt hinter dem, was einem passiert - wir haben nur die Wahl, wie wir reagieren auf das, was uns widerfährt.

Und Abermillionen von Menschen haben Schlimmeres durchgemacht als ich. Ich würde sagen, ich bin als Politiker auf dem Weg der Besserung. Das hier ist ja auch eine Kampagne - aber für eine Sache, das ist etwas anderes als eine Kandidatur. Es gibt zwar keinen einflussreicheren Posten als den des amerikanischen Präsidenten, da muss man sich nichts vormachen, aber sich auf ein Thema konzentrieren zu können ist natürlich außerhalb der Politik viel einfacher.

SZ: Wie finanziert sich denn diese Kampagne eigentlich?

Al Gore: Der Erlös aus dem Film und einem Buch dazu wird beispielsweise in Umweltschutz-Werbung investiert. Was mich betrifft: Seit ich die Bühne der Politik - unfreiwillig - verlassen habe, habe ich das Glück gehabt, einigermaßen erfolgreich zu sein mit meinen zwei Unternehmen, einer Investmentmanagement Firma in London und einem Fernsehsender in San Francisco. Ich bin Berater bei Google und im Vorstand von Apple.

SZ: Wie kam es zu dem Filmprojekt?

Al Gore: Im Nachhinein bin ich froh, dass ich mich habe überzeugen lassen, aber ich war ehrlich gesagt dagegen. Zu einem Vortrag in Los Angeles waren Leute aus der Filmindustrie gekommen, die mit dem Regisseur Davis Guggenheim an das Projekt herangehen wollten - aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass die wissenschaftlichen Aspekte in einem Film wirklich im Vordergrund stehen.

Davis Guggenheim hat dann aber ganze Arbeit geleistet - er ist, finde ich, ziemlich unterhaltsam geworden und es ist ja doch eine Menge Wissenschaftliches drin. Ein Film erreicht die Menschen einfach auf eine Weise wie kein anderes Medium, das Gemeinschaftserlebnis und die große Leinwand erzeugen Magie. Vor dem Irakkrieg, am Tag vor der Abstimmung des Senats, glaubten 77 Prozent der US-Bürger, Saddam Hussein sei für 9/11 verantwortlich.

Ich will jetzt nicht auf diese Sache zurückkommen, aber die Verbindung ist die: Die Art, wie wir über die wichtigen gesellschaftlichen Fragen verhandeln, hat sich verändert, Unterhaltsamkeit spielt eine zu große Rollen in dem, was wir Nachrichten nennen. Dokumentarfilme sind eine der letzten Möglichkeiten, ein Publikum mit einer langen komplizierten Botschaft zu erreichen - zu einem Thema, das öffentlich so vernebelt worden ist wie das Thema Irak.

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