SZ: Indien hat seinerzeit als erstes Land die "Satanischen Verse" verboten.

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Nagarkar: Khomeini hätte wohl nie von dem Buch erfahren, wenn nicht Rajiv Gandhi, der sich selber einen "fortschrittlichen, sauberen" Premierminister nannte, was zwei sehr verdächtige Epitheta sind, seinerzeit das Buch verboten hätte. Die wichtigste Vorbedingung für Zensur ist ja eigentlich immer, dass es keiner liest. Trotzdem sind bei den Ausschreitungen damals vier Menschen gestorben. Da wurde das Buch verboten.

SZ: Inayat Bunglawala, der Pressesprecher der moderaten Islam-Organisiation MCB, schreibt im "Guardian" über den Moment, als seinerzeit die Fatwa ausgesprochen und das Buch in London verbrannt wurde. Für ihn war das eine Art zweite Geburt; die Proteste gegen Rushdies Roman hätten bei vielen britischen Muslimen zu einer neuen islamischen Identität geführt.

Nagarkar: So wie die palästinensische Sache viele Muslime erst zu militanten Gläubigen machte, so hatte Rushdie enorme Schubwirkung. Das verschärfte bei vielen Muslimen das Gefühl der Marginalisierung, dass die Welt gegen sie ist.

SZ: Finden Sie es nicht seltsam, wenn dieses Gemeinschaftserlebnis der Bücherverbrennung mitten in einer europäischen Hauptstadt erinnerungsselig als identitätsstiftendes Moment gefeiert wird?

Nagarkar: Immerhin erzählt der Mann, was in vielen Muslimen vorgeht. Er hat sich geändert. Die meisten sehen das heute noch so.

SZ: Haben Sie davon gehört, dass die iranische Organisation "The Organisation To Commemorate The Martyrs of The Muslim World" ein Kopfgeld von 150 000 Dollar auf Salman Rushdie aussetzte?

Nagarkar: Oh, das ist viel weniger, als Khomeini seinerzeit bot, warum ist der Preis so runtergegangen? Nein, ernsthaft, es ist nicht zu fassen, dass diese Mullahs zu weltweiter Hetzjagd aufrufen dürfen und dass ihnen so viele folgen.

SZ: Der pakistanische Religionsminister Muhammad Ijaz-ul-Haq sagte, die Auszeichnung Rushdies sei eine Rechtfertigung für Selbstmordattentate.

Nagarkar: Man kann diesen furchtbaren Mann gar nicht ernst genug nehmen. Wir werden alle noch staunen, wie die Mullahs diese neue Rushdie-Geschichte zu ihren Zwecken instrumentalisieren.

SZ: Mehrere Mitglieder des Komitees, das darüber entscheidet, wer von der Queen geadelt wird, waren erstaunt über die Reaktionen; sie glaubten, ihre Wahl würde die Beziehungen zwischen Europa und Asien verbessern.

Nagarkar: Das ist schon einmalig verlogener Unsinn. Und es erinnert mich an die merkwürdig unentschlossenen Multikulturalisten, von denen sie bezüglich der Fatwa sprachen. Diese Entscheidung wird in der muslimischen Welt enorme Erschütterungen auslösen, und das wird die Jury gewusst haben. Ich hätte mir gewünscht, dass sie sagen, wir geben ihm diesen Preis, weil er ihn nun mal verdient für sein Werk, egal, was dann passiert.

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(SZ v. 21.7.2007)