Faruk Sen ist Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Zusammenleben von Türken und Deutschen.
SZ: Herr Professor, haben Sie "Tal der Wölfe" schon gesehen?
Faruk Sen, Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen (© Foto: Reuters)
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Sen: Gezwungenermaßen. Weil man mich ständig danach fragt. So einen Film hätte ich mir freiwillig nie angesehen.
SZ: Welche Menschen saßen mit Ihnen im Kinosaal?
Sen: Der Altersschnitt ging von 18 bis 70 Jahre. Die Zuschauer schienen vom Film ziemlich gepackt zu sein, auch wenn es keine lauten, keine emotionalen Ausbrüche gab. Doch ihre Ergriffenheit hatte mehrere Gründe: Erstens ist die dem Film zugrunde liegende Serie mittwochs ein Straßenfeger in der Türkei. Zweitens mag man in der Türkei Epen, in denen Mafiabosse mit gutem Herz am Ende die Interessen des Staates verteidigen.
Drittens ist der Nordirak für die Türkei interessant: Wegen der kurdischen Autonomiebewegung und der von den USA geduldeten PKK. Aber auch wegen der im Kinofilm thematisierten Aktion amerikanischer Soldaten, die zwölf türkische Soldaten 36 Stunden mit Säcken auf dem Kopf festhielten, bewegt der Film die Türken. Die türkische Armee hat es im wirklichen Leben nicht geschafft, die Amerikaner dafür zu bestrafen.
Im Kino aber gelingt die Rache vier mafiösen jungen Leuten. So gesehen ist der Film für das Image der türkischen Armee am peinlichsten. Zudem ist er antiamerikanisch, antikurdisch, antiarabisch, aber nicht antisemitisch.
SZ: Nicht? Es gibt eine Szene, in der ein jüdischer Arzt Organe aus den Körpern von Muslimen entnimmt.
Sen: Sowohl in der Türkei, als auch in Indien werden ja tatsächlich Organe entnommen, die Menschen in reichen Ländern zugute kommen. Das hat im Kino keinen aufgeregt. Wichtig ist: Der Film ist eine Art antiamerikanischer Rambo.
SZ: Ein Ventil für frustrierte Massen?
Sen: Den Film möchte man als Amerikaner sicher nicht sehen. Aber den britisch-amerikanischen Film "Midnight Express" von 1977 über böse Türken möchte man als Türke auch nicht sehen.
SZ: Wie bewerten Sie den Erfolg von "Tal der Wölfe"? Ist das nur Unterhaltung oder steckt doch mehr dahinter?
Sen: Es ist nur ein Kinofilm. Ein riesiger kommerzieller Erfolg findiger Filmemacher. In der Türkei gab es nie einen erfolgreicheren Streifen. Die Macher sind geschickte Leute, die aktuelle Ereignisse ins Drehbuch schreiben und daraus Kapital schlagen. Sie wollten Geld verdienen und stellten fest, dass jeder in der Türkei wegen der Sack-Aktion im Nordirak irgendwie wütend ist und die Duldung der PKK durch die USA nicht gut findet.
SZ: Verbreitet dann ein solcher Film nicht auch politische Propaganda?
Sen: Ich nehme mit Befremden zur Kenntnis, dass türkische Politiker diesen Film und seine Helden loben. Das ist genauso dumm und ungeschickt, als würde Condoleezza Rice Rambo loben. Das sollte man als Politiker nicht tun.
SZ: Meinen Sie, dass die Menschen, die diesen Film derzeit im Kino sehen, alle Ihre Meinung teilen? Ist auch dieses Werk nicht ein weiterer Funken im so genannten "Kampf der Kulturen"? In einer Szene betet der amerikanische Bösewicht vor einem Kreuz.
Sen: Der Zeitpunkt des Filmes ist sehr schlecht. Schließlich ist die Stimmung wegen des Karikaturen-Streits ohnehin aufgeheizt. Andererseits urteilt dieser Film nicht über das Christentum. Die Politik der Amerikaner wird verurteilt - nicht eine Religion.
Sie dürfen nicht vergessen: Derzeit laufen insgesamt drei Serien im US-Fernsehen, die ausgesprochen antitürkisch sind. Die türkische Öffentlichkeit registriert das und freut sich nun darüber, dass wenigstens auf der Leinwand vier türkische Helden die Amerikaner besiegen. Schädlich sind allerdings die mörderischen Methoden, mit denen sie diesen Sieg bestreiten. Das ist schon abstoßend.
Dennoch: Mit Kulturkampf kann man diesen Film nicht in Verbindung bringen. Höchstens mit Naivität, Vorliebe für illegale Mafia-Strukturen und die Ablehnung amerikanischer Politik. Eine insgesamt antiwestliche Haltung sehe ich nicht.
(SZ vom 18.2.2006)
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