Anne Will spricht einmal nicht in, sondern über "Tagesthemen". Und zwar über die Kunst, den richtigen Zeitpunkt zu finden.
Anne Will, 38, moderiert im Wechsel mit Ulrich Wickert die Tagesthemen. Nun hat die ARD beschlossen, die Tagesthemen von Herbst an um 22.15 Uhr statt um 22.30 Uhr auszustrahlen. Und Will und Wickert werden künftig einen Tag länger arbeiten müssen: Nach einer Übergangsphase möchte das Erste sein spätabendliches Nachrichtenmagazin freitags ebenfalls um 22.15 zeigen.
,Anne, füll mal fünf Minuten.' (© Foto: dpa)
Anzeige
SZ: Frau Will, saßen Sie in den vergangenen Jahren eigentlich oft mit Ulrich Wickert zusammen und überlegten, dass es schön wäre, wenn die Tagesthemen eine Viertelstunde früher kämen?
Anne Will: Ich kann mich nicht erinnern, dass wir diesen Plan ausgeheckt hätten. Aber wir wissen aus der Medienforschung, dass 22.30 Uhr von vielen unserer Zuschauer als definitiv zu spät empfunden wird. Deshalb freuen wir uns über die Vorverlegung.
SZ: Wenn Sie selbst nicht moderieren, schauen Sie dann die Tagesthemen live oder hinterher auf Band?
Will: Mal so, mal so. Ich schaue sehr gerne live. Aber ich muss nicht um sechs aufstehen und um halb acht bei der Arbeit sein. Von diesen Menschen spreche ich. Für sie ist 22.30 Uhr zu spät. Ich bin durch meine Arbeit sehr oft sehr lange auf. Trotzdem: Auch in mein Leben wird 22.15 Uhr wunderbar passen.
SZ: Wie lange dauert es nach dem Tagesthemen-Abspann noch, bis Sie den Sender verlassen haben?
Will: Nach der Sendung gehe ich ins Großraumbüro zur Manöverkritik mit den Kollegen. Dann kommt mein ritueller Tagesabschluss: Ich werfe alle Papiere, die sich tagsüber angesammelt haben, in den großen Altpapiermülleimer. Um halb zwölf oder zwölf verlasse ich die Redaktion.
SZ: Es ist ja jetzt viel die Rede davon, dass diese Viertelstunde für den Zuschauer einen Riesenunterschied mache. Was ist Ihnen denn lieber -- eine Viertelstunde früher rauszukommen oder jetzt zusätzlich freitags zu moderieren? Und hat man Sie überhaupt gefragt?
Will: Wir wussten, dass es die Pläne gibt. Heute sind alle Programme durchformatiert. Es ist dann für den Zuschauer auch viel überschaubarer, wenn es die Tagesthemen jeden Tag gibt.
SZ: Gerade eben hat die Programmdirektion der ARD mitgeteilt, dass die Tagesthemen von 11. März an vorläufig freitags um 23.15 Uhr kommen, nach einer Tatort-Wiederholung. Auf Dauer soll aber auf 22.15 Uhr umgestellt werden. Wie finden Sie diese Konstruktion?
Will: Das klingt doch prima.
SZ: Sie werden direkter mit dem heute-journal des ZDF konkurrieren.
Will: Das sehe ich nicht so. Wir sehen unsere Sendung zunächst einmal solitär und wollen sie so gut wie möglich machen. Wie sich die Vorverlegung auf die Marktanteile auswirkt, wird man sehen.
SZ: Erinnern Sie sich an Ihre längste Viertelstunde im Fernsehen?
Will: Oha -- ich hatte mal die längsten fünf Minuten! 1992, ich war 26 Jahre alt und moderierte eine Sportsendung live. Aber dann kam der Studiogast nicht und der Regisseur sagte: ,Anne, füll mal fünf Minuten.' Für so einen Fall bereitet man normalerweise immer Meldungen vor, aber ich hatte gedacht: Was soll schon passieren. Also stammelte ich unglaublich rum über die Attacke eines geistig Verwirrten auf den Tennisspieler Michael Stich. Und, Stichwort: geistig verwirrt, das wurde jedes Silvester in der Pannensendung des SFB wiederholt.
(SZ vom 4.2.2005)
Bundespräsident Gauck in Israel