Interview am Morgen "Star Wars versöhnt Spiritualität mit einer technisierten Welt"

Noch viel mehr gespalten als es Anakin Skywalker jemals war: Kylo Ren (Adam Driver) in "Star Wars - Die letzten Jedi".

(Foto: dpa)

Die Philosophin Catherine Newmark spricht im Interview am Morgen über das philosophische Konzept der Macht. Und darüber, warum die Weltraum-Saga Menschen unterschiedlichster Kulturen fasziniert.

Interview von Julian Dörr

Catherine Newmark ist promovierte Philosophin und schreibt als Kulturjournalistin über Film-, Philosophie- und Genderthemen. Sie hat das Buch "Viel zu lernen du noch hast. Star Wars und die Philosophie" herausgegeben.

SZ: Frau Newmark, was ist Ihr persönlicher Lieblingsmoment in der "Star Wars"-Saga?

Catherine Newmark: Oh, das ist wirklich schwierig. Was mich vielleicht am meisten fasziniert, ist die Szene in Episode V, "Das Imperium schlägt zurück", in der Luke Skywalker mit Yoda trainiert und es darum geht, das kleine Raumschiff mit Hilfe der Macht aus dem Sumpf zu heben.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich tagesaktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Luke strengt sich dabei mächtig an, scheitert aber trotzdem, weil er das Schiff für zu groß und sich selbst für zu schwach hält. Was fasziniert Sie gerade an dieser Szene?

Sie ist philosophisch sehr interessant. Hier zeigt sich ganz klar, was die Macht ist - und was nicht. Es geht nicht um einen körperlichen Kraftakt. Sondern vielmehr um ein Verständnis dessen, wie die Dinge zusammenhängen. Ein Einswerden mit der Umgebung. Diese Form von Spiritualität ist einer der zentralen Punkte der "Star Wars"-Saga. Und in dieser Szene wird eben sehr anschaulich erklärt, was die frühen Filme unter dieser Macht verstanden. Die Prequels haben sie dann zu einem biologischen Muster degradiert.

Die Vorstellung der Macht verändert sich also in den "Star Wars"-Filmen?

Ja. Der Skandal der Prequel-Trilogie ist, dass man im Gegensatz zu den alten Filmen versucht hat, die Macht biologisch zu erklären. Und dafür das Konzept der Midi-Chlorianer aufgefahren hat - mikroskopisch kleine Lebewesen in den Körperzellen. Philosophisch gesehen muss sich das nicht ausschließen. Es kann durchaus sein, dass es für eine Macht, die das Universum verbindet und zusammenhält, letztlich eine physische oder biologische Erklärung gibt, die uns noch nicht zugänglich sind. Aber in erster Linie war das doch die Reduktion eines metaphysischen Vorgangs auf eine biologische Erklärung, wie sie typisch für die Neunzigerjahre ist.

Eine Entzauberung des Glaubens.

Das Wunderbare an diesen Filmen ist ja, wie "Star Wars" Spiritualität mit einer technisierten Welt versöhnt. Auf der einen Seite gibt es da ein Universum, das hoch technisiert ist. In dem selbst der Bau eines Todessterns möglich ist. Und dann gibt es da aber zugleich dieses zutiefst spirituelle Konzept der Macht. "Star Wars" versucht sich da irgendwie an der Antwort auf eine der großen Herausforderungen der Moderne. Nämlich wie man in einer zunehmend technisierten Welt überhaupt noch Spiritualität denken kann.

Reisen in eine nicht so weit entfernte Galaxie

mehr...

In "Star Wars" steckt also mehr als nur die alte Geschichte vom ewigen Kampf Gut gegen Böse?

Wenn man sich das näher anschaut, ist das Konzept von Gut und Böse in "Star Wars" sehr differenziert. Die dunkle und die helle Seite der Macht, sie sind sich ja gerade nicht entgegengestellt - so wie Helden und Bösewichte in einem typischen Actionfilm. Das Böse steht in einer Kontinuität zum Guten. Beide Seiten bedingen sich, stecken in jedem Charakter. Kylo Ren aus der neuesten Trilogie zum Beispiel ist ja eine wahnsinnig zerrissene Figur. Noch viel mehr gespalten als es Anakin Skywalker war.

"Star Wars" begeistert und fasziniert Menschen über Altersgrenzen und Kulturkreise hinweg. Worin steckt der universelle Reiz dieser Filme?

Die einfachste Erklärung ist der Campbell'sche Monomythos, auf dem vor allem die erste Film-Trilogie aufgebaut ist. Der US-Amerikaner Joseph Campbell hat Mitte des 20. Jahrhunderts Mythen aus der ganzen Welt gesammelt und zusammengeführt. Er hat festgestellt, dass es in all diesen Geschichten unterschiedlichster Kulturen strukturelle Elemente gibt, die immer wieder auftauchen. Der Held, der aufbricht, durch verschiedene Prüfungen Reife erlangt und am Ende zurückkehrt und die Probleme seiner Gesellschaft löst. Diese Heldenreise kann man in der ersten "Star Wars"-Trilogie sehr gut nachvollziehen. George Lucas hat sehr viel von Joseph Campbell übernommen. Hinzu kommt dann noch, dass "Star Wars" so ein buntes Potpourri ist. Es ist zwar klar westlich, bedient sich aber bei vielen anderen Kulturen. Da spürt man zum Beispiel die Siebzigerjahre mit ihrem Interesse an fernöstlicher Philosophie.

Gelingt es den neuen "Star Wars"-Filmen diese Tradition fortzuführen?

In den aktuellen Episoden stecken so viele Motive aus den alten Filmen, manchmal sind das sogar direkte Spiegelbilder. Das kann man unoriginell finden - aber die Filme fühlen sich halt auch ein bisschen so an, als würde man in ein vertrautes Heim zurückkehren. Wobei es schon etwas wirklich Neues gibt, nämlich Frauen. Sicher, Prinzessin Leia aus der alten Trilogie war die Mutter all dieser modernen weiblichen Actionheldinnen. Aber sie stand doch ziemllich allein auf weiter Flur. Der letzte Film, "Das Erwachen der Macht", war der erste "Star Wars"-Film überhaupt, der den Bechdel-Test bestanden hat. "Die letzten Jedi" besteht ihn sogar mit wehenden Fahnen! Es gibt so viele Frauen, die das Wesentliche untereinander ausmachen, dass man sich zwischendurch fast schon fragt, wo die Männer geblieben sind.

Genaue Informationen, welche Daten für den Messenger-Dienst genutzt und gespeichert werden, finden Sie in der Datenschutzerklärung.