Loriot schlug sich mit "Hundnasen" und "Schwanzhunden" herum: Das Spiel Scrabble wird 60 Jahre alt, und manche Fans sind vom Dreifachen Wortwert regelrecht besessen. Eine Clip-Kritik mit Scrabble-Aufgaben.
Oxyphenbutazone, ganz einfach, das Wort heißt Oxyphenbutazone. Wenn Sie zu einer Partie Scrabble auf Englisch herausgefordert werden, legen Sie diese chemische Verbindung einfach über drei Dreifacher-Wortwert-Felder. Sie erhalten für den großen Wurf schlappe 1785 Punkte und haben den Heiligen Gral des Scrabble erlangt. Gut, acht Steine müssen schon an den richtigen Stellen liegen, und "Oxyphenbutazone" ist niemals in einem Turnier gelegt worden, aber die Faszination, die von diesem Wort ausgeht, verrät viel über die Magie eines Brettspiels, das das gesamte Vokabular einer Sprache ergründet.
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Der Schrecken steht Loriot in seinem Film "Ödipussi" schon ins Gesicht geschrieben. Schließlich wird... (© Foto: Warner)
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Scrabble liegt in diesen Tagen in gewisser Weise selbst über einem Doppelter-Wortwert-Feld. Es feiert zweifaches Jubiläum: Vor 70 Jahren, wurde das Spiel von dem amerikanischen Architekten Alfred Butts erfunden, und seit 60 Jahren wird es unter dem Namen Scrabble verkauft. Die Idee ist so einfach wie genial: Man formt Wörter aus Buchstabenspielsteinen, denen Werte zugeordnet sind - je seltener der Buchstabe in der Sprache zu finden ist (Butts soll damals die Titelseite der New York Times statistisch ausgewertet haben), desto höher die Punktzahl.
Seitdem wird nirgendwo so leidenschaftlich über Sprache diskutiert wie rund um das grüne Brett mit seinen 102 Steinen und den blauen und rosafarbenen Wertvervielfachungsfeldern, die unter gelegten Wörtern wie eine Korona hervorstrahlen.
Diese Welt der Wortgerüste und der Blankosteine, von denen es nur zwei Stück gibt, so dass der Besitz in jedem Spiel einen magischen Moment darstellt, ist ein Raster, das Halt verleihen und zur Obsession werden kann. Eines Morgens ertappt man sich dann, wie man beim Bäcker die eigenen Worte "Drei Brötchen, bitte!" addiert (32 Punkte).
Eine ausgewachsene Scrabble-Besessenheit hat Liz Dubelman in ihrem fiktionalen Clip "Craziest" verfilmt: Die Ich-Erzählerin berichtet, wie sie für den "Triple-Triple" lebt, das Dreifach-Dreifach-Wort "Craziest", das 311 Punkte erzielen würde. Dafür muss die richtige Buchstabenreihe mit der perfekten Anlegemöglichkeit auf dem Brett zusammen kommen. Sie warte auf diese eine große Chance und sähe in ihr das kosmische Zeichen, ihre Botschaft zu verbreiten, so die Erzählerin: Scrabble sei eine Religion und sie die Mutter Theresa des Vokabulars.
Schon als Kind habe sie jeden Buchstaben als eigenen Charakter betrachtet. Im bekannten Scrabble-Problem, Wörter zu legen, die ein "q" aber kein "u" beinhalten, sieht sie eine tröstende Aufgabe. Scrabble wird in diesem Clip zu einem Fluchtpunkt, an dem gelingendes Leben möglich ist. Doch als die Erzählerin endlich die Chance bekommt, "Craziest" zu legen, erleidet ihr Spielpartner einen Herzinfarkt und fällt tot vom Stuhl: Ein falsches Wort kann man anfechten, den Tod zum völlig falschen Zeitpunkt leider nicht. Dubelman findet ihrer Flash-Animation hinreißende Bilder für diesen Amoklauf mit Buchstaben-Bänkchen.
Sonst bleibt es ja meist beim verbalen Hooligantum, wenn die Existenz eines gelegten Wortes von den Mitspielern angezweifelt wird. Der berühmteste Definitionsstreit um ein Scrabble-Wort entzündete sich in Loriots Film "Ödipussi" unter älteren Damen um den Begriff "Schwanzhund", nachdem schon der "Hundnase" gemeinerweise die Akzeptanz verweigert worden war.
Ein bisschen besser sollte man schon vorbereitet sein, wenn man bei Turnieren erfolgreich sein will: Neben der systematischen Erweiterung des Wortschatzes - Experten lernen alle Drei- und Vier-Buchstaben-Wörter auswendig - kommt es auf den taktischen Umgang mit den sieben Buchstaben auf dem Bänkchen an: Profis erzielen in einer Partie mehr als 700 Punkte. Anders als Gelegenheitsspieler ärgern sich Experten nicht, wenn sie in einer Runde nicht legen können, sondern sammeln und arrangieren ihre Buchstaben, um dann entscheidend zuzuschlagen.
Die zähen Momente des Scrabble, wenn sich ein Spieler vor seiner "KRRRTWHL"-Auswahl die Haare rauft und alle anderen gegen den Schlaf kämpfen, werden bei Turnieren durch die auf 25 Minuten pro Spieler begrenzte Bedenkzeit vermieden. Zudem achten Experten auf die Defensive und bieten dem Gegner kaum Chancen zum Anlegen. Es ist eben keine gute Idee, das Wort "Jux" vor ein Dreifacher-Wortwert-Feld zu legen, auf dass der Gegner nur noch ein "e" anfügen muss. Da hört nämlich jeder Spaß auf.
Solche von einem einzigen Buchstaben ausgelösten emotionalen Extremzustände machen Scrabble so lebendig wie die Sprache selbst. Nicht nur deshalb ist dem Spiel eine große Zukunft sicher. Seit es in Internet-Foren von einer weltweiten Scrabble-Community gespielt wird, findet es viele jüngere Spieler und erlebt eine neue Blüte: In einem Video behauptet ein Spieler, sogar schon das mythische "Oxyphenbutazone" gelegt zu haben.
Wir könnten Scrabble nun einfach alles Gute zum Geburtstag wünschen, wir könnten heute aber auch öfter mal das Wort "Quorum" benutzen. Das bringt, über Dreifachen Wortwert und dem "o" über Doppelten Buchstabenwert gelegt, nämlich genau 60 Punkte.
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(sueddeutsche.de/rus)
Ach, der Loriot'sche "Spieleabend" (drei ältere Damen mit Herrn) ist unvergessen. Nie war Scrabble unterhaltsamer.