Nachts, wenn die Vernunft schläft, lässt das Fernsehen den Wahnsinn raus: Der rotierende Hawaii-Stuhl und weitere Homeshopping-TV-Sensationen in der Clip-Kritik.
Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, und manchmal sitzen sie auf rotierenden Schreibtischstühlen. Denn der nächtliche Wahnsinnsfreiraum bringt nicht nur Albträume und Geistesblitze hervor, sondern auch Infomercials - Werbung, die sich als Informationssendung über ein revolutionäres Produkt tarnt. Zwar laufen Infomercials auf Sendern wie QVC oder Homeshopping Europe den ganzen Tag über, doch nur nachts ist die TV-Konkurrenz so schwach und die Verzweiflung so groß, dass man sie tatsächlich anschaut. Eine Armee von Präsentatoren marschiert auf, um Fitnessgeräte, Wischmoppalternativen oder Zierpuppen anzupreisen, und übernimmt die Macht in der Fernsehnacht.
Anzeige
All die rhetorischen Halbtalente, die ohne lästige Denkpause gesprochene Sprache verfertigen, geben Produkten eine Verkaufschance, die sonst schwer an den Mann zu bringen wären. Der versteckte Sendeplatz suggeriert dem Zuschauer, dass ihm Geheimtipps angeboten werden, die die Konkurrenz qualitativ und preislich übertrumpfen. Und man muss sich beeilen: Gnadenlos zählt der Countdownticker die verbliebenen Stückzahlen beim totalen Ausverkauf. Im Rausch des Neuen, das auf den angeschläferten Geist des Zuschauers trifft, verkauft sich so manches Unverkäufliches.
Eines der erstaunlichsten Produkte ist der "Hawaii Chair", ein Stuhl, dessen Sitzfläche den Sitzenden mittels Motorkraft in kreisende Hula-Bewegungen versetzt. Das Fernseherlebnis solch einer Präsentation an der Grenze zur Unglaublichkeit wollte jemand teilen. Deshalb ist ein Ausschnitt als Clip "Hawaii Chair Infomercial" bei YouTube einsortiert: Vor Palmen- und Pazifikstrandkulisse sieht man eine sehr aktive Stuhl-Gang. Doch der Gastgeber im Hawaii-Hemd weiß, dass der Hawaii Chair nicht nur für durchtrainierte Sportskanonen wie die Vorführdame Tamara ein Segen ist.
Denn die wahre Erlösung bietet er für Büroarbeiter, die bis zu 40 Stunden pro Woche am Schreibtisch sitzen und ja auch sonst nicht viel Freude im Leben haben. Es braucht zwar etwas Übung, bis man freihändig mit den Hüften schwingen und trotzdem fehlerfrei tippen kann. Aber wenn es einen untenrum bewegt, macht Telefonieren oder Kolumnenschreiben mindestens doppelt so viel Spaß: "Es nimmt die Arbeit aus dem Arbeitstag", wie eine begeisterte Anwenderin im Clip verrät.
Das Design des Hawaii Chairs verhehlt seine nachtmährische Monströsität nicht: Die Proportionen sind verschoben, die Armlehnen ragen riesig nach vorn. 2800 Umdrehungen macht der Motor pro Minute, und es ist beruhigend zu erfahren, dass er bis zu 150 Kilogramm bewegen kann. Nach dem Hula-Hoop-Reifen, mit dem der hawaiianische Hula-Tanz 1957 von Amerikanern neu erfunden wurde, wird also die nächste Welle des Vulkaninsel-Hüftschwungs die Welt erobern.
In der Genre-Bezeichnung Infomercial wird der "Info"-Teil bisweilen sehr ernst ausgelegt. Wahrhaft lebensrettend soll die Gewehr-Betthalterung im Clip "The New BackUp Commercial" sein: Das Produkt verspricht nicht weniger, als das Recht der amerikanischen Verfassung auf Selbstverteidigung für 39,95 Dollar praktisch umzusetzen.
Schließlich muss zur erfolgreichen Selbstverteidigung die Waffe griffbereit sein, wenn man sie braucht und etwa nachts im Bett überrascht wird. Ganz einfach sei die Halterung zwischen Bettgestell und Matratze zu schieben, sagt die Werbung und zeigt die Einfachheit der Anwedung wieder und wieder: Reinschieben der Halterung, Einlegen des Gewehrs, Reinschieben der Halterung, Einlegen des Gewehrs. Besonders vernünftige Schläfer kaufen angeblich gleich zwei Back-up-Gun-Racks, für jede Bettseite eine proaktive Lebensversicherung.
Wessen Weltsicht so finster ist, dass er sich am liebsten im Schlafzimmer verschanzt, dem hilft vielleicht noch ein anderes TV-Shopping-Gadget, das gute Laune garantiert: Wie der Hawaii Chair scheinbar das Versprechen erfüllt, man könne den Körper durch eine Maschine trainieren, verspricht der Clip "Facial Flex Video on QVC", durch Anspannen einer Plastik-Knebelspange mit der Mundmuskulatur den Körper vom Kopf bis zur Brust zu trainieren.
Berühren und Berührtwerden
Wer lächelt, gibt seinem Gehirn das Signal zu besserer Laune, und so stehen die "problem solvers" Lisa, Nancy und Tommy ziemlich umwölkt da. Wie Kaulquappen beim Bodybuilding lassen sie Luftblasen an die Oberfläche steigen und blubbern in die Welt. Man könne mit Facial Flex im Mund sogar E-Mails schreiben und mit dem Hund spazieren gehen, sagen sie, und man möchte das alles am liebsten gleichzeitig ausprobieren: "Once you try it, you feel it."
Die sektenartige Ansprache gemeindet den Zuschauer ein. Lisa, Nancy und Tommy fassen gegenseitig ihre aktivierten Muskelstränge an. Angesichts dieser Bilder wirkt der Kaufvorgang des Zuschauers, sein Griff zum Telefon, wie ein Versuch der Kommunikation aus der Einsamkeit, die ja oft in der Nacht bedrückend wird: Fernseh-Homeshopping als Berühren und Berührtwerden. Am Ende fühlt der Käufer aber nur seinen rotierenden Stuhl. "Move your ass and your mind will follow", wäre hier kein gutgemeinter Ratschlag.
Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen
- Thema
- König der Softies RSS
- Internetvideo der Woche Wir nehmen Ihrer Zukunft das Zuhause 20.03.2008
- Internetvideo der Woche Schweißtreibende Dreharbeiten 13.03.2008
- Internetvideo der Woche Dröhnung mit Verwöhnaroma 06.03.2008
- Internetvideo der Woche No Wummen, No Blei 21.02.2008
- Internetvideo der Woche Hätten sie doch Luftgitarre gespielt 17.01.2008
- Internetvideo der Woche Er hat sich stets bemäht 03.09.2009
- Internetvideo der Woche Schnapsolute Weltklasse 27.08.2009
(sueddeutsche.de/rus)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Haider Bioswing Stühle bekommen Sie im Ergonomie Studio Muckenthaler .
Pacellistr.5 in 80333 München . www.muckenthaler.de
Das Video ist wirklich ein Kracher! Schön, dass es hier auch solche Artikel gibt - auch wenn sie von den hardcore-besserwissern hier leider oft nicht wahrgenommen werden.
Ich finde ja den Gewehrhalter für's Bett extrem praktisch. Das lässt tief blicken!
Wünsche weiterhin schöne Paranoia, liebe Amis!
Der Stuhl ist ja mal echt lustig !!! Ich lach mich Tod!!