Von Christian Kortmann

Vom Monitor geweht: Ein Video zeigt eine gravierende Störung des Apple-Betriebssystems in Verbindung mit Ventilatoren. Dies und weitere optische Täuschungen in der Clip-Kritik.

Ein nackter Frauentorso vor rotem Hintergrund - es kann nicht falsch sein, solch ein Bild anzuklicken: Das Videoportal YouTube wie das gesamte Internet bilden eine Oberfläche für ein riesiges Reiz-Reaktions-Schema. Botschaften erreichen ihr Publikum nur, wenn sie grell für sich werben. Wie im Dschungel hat der Papagei mit den buntesten Federn entscheidende Vorteile.

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Mit roter Hintergrundfarbe aktiviert der Clip "Ilusión Optica" die Aufmerksamkeit und kontert die Erwartungshaltung des Medienkonsumenten aus. Nach dem Anklicken wird nicht der Körper einer nackten Frau gezeigt, sondern die Täuschung aufgelöst: Das Vorschaubild zeigt nämlich eine um 90 Grad gekippte männliche Schulter.

Der Clip dekonstruiert die Aufmerksamkeitsmechanismen des YouTube-Alltags. Denn das Konzept der optischen Täuschung ist auf Videoportalen Programm, weil es darum geht, mit möglichst attraktiven Vorschaubildern Zuschauer anzulocken. Oft halten die Vorschaubilder nicht, was sie versprechen. Sex ist eine vom Publikum zwar längst durchschaute, aber immer noch bestens funktionierende Masche, um möglichst viele Zuschauer anzulocken.

Man nennt Clips, die mit diesen Trick arbeiten, auch "Venusfliegenfallen", nach der fleischfressenden Pflanze, die ihre Beute mit roter Färbung und Duftstoffen anlockt. Mehr als 2,5 Millionen Abspielvorgänge von "Ilusión Optica" beweisen, dass das Prinzip auch in der digitalen Fauna erfolgreich ist.

Was ist echt? Was soll ich glauben? Was ist die Botschaft? Diese Fragen muss sich der Zuschauer bei jedem Internetvideo selbst beantworten. Optische Täuschungen sind da willkommene Augen-Übungen, die das Sensorium wach und den Geist skeptisch halten: Gucken mit höchster Konzentration ist das Gegenteil von Zerstreuung.

Mauro Vecchis Clip zum Song "Golden Cage" der Band The Whitest Boy Alive führt in vier Minuten durch die Welt der Illusionen und zeigt unmögliche Objekte, die nur in ihrer zweidimensionalen Darstellung existieren, und verwirrend mögliche wie das Möbiusband. Sieht man einen Weinkelch oder zwei Gesichter, die sich küssen? Daraus ergibt sich eine Lehre, die für jedes Bild gilt, denn zwei Betrachter sehen nie das Gleiche.

Der Zuschauer wird im "Goldenen Käfig" wie bei der Tele-Ski-Gymnastik zum Mitmachen aufgefordert: Er soll auf den schwarzen Punkt starren und den Kopf vor und zurück bewegen. Dann drehen sich die Kreise, das Bild verändert sich durch den Blick.

Man spürt die Massagewirkung des Mediums und denkt an die Mühsal zurück, als man verzweifelt durch die "Das Magische Auge"-Bücher "auf einen Punkt dahinter hindurch" starrte und sich extrem blöd vorkam, weil man glaubte, als Einziger nur ein monotones Raster im Buch zu entdecken, aber nicht den Zeppelin, der angeblich davor in der Luft schwebte. In den Nachbildern am Ende von "Golden Cage", die man sieht, obwohl sie nie auf dem Bildschirm zu sehen waren, lässt sich eine weitere Lehre erkennen: Sie zeigen, wie sehr mediale Bilder die Wahrnehmung der Realität verändern.

Im Clip "Klima Kontrolle" kommt es zum überraschenden Zusammenprall von zwei Technologien. Wie wirkt sich der Gebrauch eines Ventilators auf ein Computerbetriebssystem aus? Über diese Frage wurde ja viel zu selten nachgedacht.

Der prachtvoll gelbe Ventilator flößt dem öde bürograuen Monitorgehäuse schon optisch Leben ein, räumt mit frischem Wind den Schreibtisch auf. Man kennt das ja, wenn im Sommer durch die Balkontür eine Böe ins Arbeitszimmer fährt und die Blätter vom Schreibtisch wirbelt: Zuerst ärgert man sich über die Unordnung, dann findet man längst verschollen geglaubte Dokumente.

Auf Ventilatorstufe eins zittert der Bildschirm leicht am oberen Rand. In der zweiten Stufe biegen sich die Ordner-Icons wie Pappeln an der See, und die ersten Dokumente fliegen hinaus in die Welt. Bald wirbelt es weiß über den ganzen Bildschirm. Im Sturm der dritten Ventilatorstufe hält es auch die Ordner nicht mehr an ihren Plätzen. Losgerissen vom Festplattenhalt, segeln sie nach rechts hinaus ins Datenbermudadreieck. Und schließlich reißt es den ganzen Desktop hinfort, wie eine dieser papierenen Abreißbogen-Schreibtischunterlagen.

Und das alles wirkt gar nicht mal unwirklich, weil dieses Experiment die Schreibtisch-Analogie des Betriebssystems treffend weiterdenkt. Am Computer sitzt man eben oft im Goldenen Käfig: Man sieht die wichtigsten Dokumente und die buntesten Bilder, aber nichts von der Welt dahinter. So gesehen, ist das ganze Netz eine einzige optische Täuschung.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

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(sueddeutsche.de/rus)