Von Christian Kortmann

Die Lust am Schuss: In ziemlich bizarren Filmen erproben Frauen den Gebrauch von Schnellfeuerwaffen. Keine Sorge, Männer stehen ihnen mit Rat zur Seite - die Clip-Kritik.

YouTube hat viele Erscheinungsformen und manchmal wirkt das Videoportal wie die Schießbude auf einer Kirmes: Eine Film-Untergattung besteht aus Clips, in denen Menschen sich selbst oder andere beim Gebrauch von Waffen filmen. Es geht dabei nicht um die Präzision beim Treffen einer Zielscheibe oder gar, wie etwa bei der Jagd, eines lebendigen Ziels. Das Schießen ist in diesen Clips weniger aktiv betriebener Sport als passive Massage, denn vorrangig werden die Schützen und ihre Waffen gezeigt. Man sieht, wie der Körper auf die Kraft der Waffe reagiert, nämlich vom Rückstoß nach hinten geworfen oder zumindest durchgerüttelt wird.

Anzeige

Diese Perspektive, über die kollektive Einigkeit zu bestehen scheint, lässt Rückschlüsse auf die Motivation der Filmemacher zu. Ihrem Tun liegt wohl Nachahmungstrieb zugrunde: Sich selbst mit einer Waffe zu sehen, setzt das Ich in eine Reihe mit den zahlreichen Bildern von Helden der visuellen Kultur, die ihre Coolness und ihre gesellschaftliche Funktion auch mit ihrer Waffenfertigkeit verdeutlichen. Man denke nur an James Bond, den Verkörperer des stilvollen Tötens im Namen einer gerechten Sache, dessen Pistole anstelle der "7" stilisiert in das 007-Emblem einfloss.

Trotz der leidenschaftlichen Verschmelzung mit Pistole und Gewehr verharmlosen oder idealisieren die kleinen Schützenkönige im Netz nicht zwangsläufig den Waffengebrauch. Im Schießen und Filmen bündeln sich vielmehr zwei Freizeitvergnügen, so wie es in der Kirmes-Schießbude das Foto-Schießen gab, bei dem der Schütze sich mit dem Finger am Abzug selbst porträtierte. Und für die Faszination von Design, Mechanik und Funktionalität der Waffen ist ja auch manch Pazifist empfänglich.

Neben solch liberalen und pragmatischen Ansichten, die man der globalen Offenheit von YouTube zu verdanken hat - das Fenster zur Welt wird in jedem Moment ein Stück weiter aufgestoßen -, leben hier auch zweifelhafte Blickwinkel fort. Dies zeigt sich etwa in dem so belustigten wie chauvinistischen Blick, der auf den Waffengebrauch von Frauen geworfen wird. Dümmliche Erotisierungen, die die phallische Symbolkraft des Gewehrkolbens beschwören, lassen sich einfach zu leicht herstellen.

Dieses Wunschbild von weiblicher Naivität existiert ungeachtet der Tatsache fort, dass Frauen längst als Soldatinnen in den Kriegen dieser Welt kämpfen oder sie, wie Condoleezza Rize, politisch verwalten. Keine Frage, dass auch Männer beim ersten Schuss aus einer schweren Waffe ein komisches Bild abgeben, nur werden solche Videos seltener hochgeladen.

Im Clip "Guns - Girls Wanna Have Fun" probiert eine Frau, bekleidet mit Cargo-Pants und rotem T-Shirt und umringt von garantiert genügend männlichem Know-how, diverse Handfeuerwaffen aus. Cyndi Laupers Lied mischt sich mit Schussgeräuschen: Neben der Hauptdarstellerin, die anfangs den Abzug zögerlich betätigt, rattert einmal ein fachmännisch bedientes Maschinengewehr und gibt gewissermaßen den Takt vor, den sie zu erreichen hat. Nach einer Runde mit dem Schnellfeuergewehr muss sie selbst darüber lachen, dass sie die schwere Waffe halten kann.

Seit frühesten Westerntagen hat der Waffengebrauch im Kino eine eigene Bildsprache entwickelt, die sich nicht mehr unmittelbar auf reale Gewaltanwendung bezieht. Es ist ein ästhetisiertes Vergnügen, wenn ein Regisseur wie Quentin Tarantino einer schönen Frau wie Uma Thurmann in "Kill Bill" beim Gebrauch von Waffen zusieht. Auch bei YouTube sind stilistische Linien in der dokumentarischen Waffenästhetik erkennbar. Die Bilder der Girls-and-Guns-Videos gleichen sich und können in zwei Gruppen aufgeteilt werden: Zum einen die Girls-Wanna-Have-Fun-Clips, in denen meist junge Frauen von meist älteren Männern aus dem Off zum Waffengebrauch angeleitet werden, um so ungelenk wie fröhlich mit dem Sturmgewehr in der Gegend herumzuknattern.

Daraus hervor geht das Genre der Rückstoßvideos, in denen der Energieimpuls beim Abfeuern einer Waffe die Schützin nach hinten wirft. Im Clip "Girl with big shot gun" wird die Frau von drei repetierenden Rückstößen gefällt, und das Ereignis noch einmal in Zeitlupe zelebriert.

Weil uns Internetvideos Bilder aus Paralleluniversen liefern, von denen wir nichts ahnten, heißt diese Kolumne "Das Leben der Anderen". So ist es wohl ein sehr individueller Ausdruck der Zuneigung, wenn man seiner Mutter oder Großmutter, die tarnfarben gekleidet im Rollstuhl sitzt, wie im Clip "machine gun grandma" zum Zeitvertreib ein Sturmgewehr in die Hand drückt.

Diese Schnellfeuergewehr-Großmutter könnte wiederum aus einem Tarantino-Film stammen und stellt somit das Bindeglied zwischen Kino- und Clip-Amazonen her: Inmitten der wüsten Autowrack-Szenerie schießt sie auf das Foto eines Mannes und droht einem potentiellen Störenfried: "Das nächste Mal schieße ich ihm in die Toodles." Auch alte Mädchen haben manchmal eben nur Spaß.

Das "Leben der Anderen" kommt nach Salzburg: Am Donnerstag, dem 28. Februar 2008, stellen Matthias Günther (Münchner Kammerspiele) und Christian Kortmann um 20 Uhr in der ARGEkultur Salzburg die besten Internetvideos vor und diskutieren über aktuelle Netzphänomene.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/rus)