Internetvideo der Woche König der Softies

Ein Löwe wächst im Swinging London auf, dann wird er ausgewildert. Als seine Ziehväter ihn in der Wildnis besuchen, geschieht Unglaubliches. Die Clip-Kritik mit Tränengarantie.

Von C. Kortmann

Die Kamera senkt sich auf eine märchenhafte Szene: Ein Junglöwe spielt mit zwei Männern in einem englischen Garten Fußball. Es handelt sich nicht um Tim Burtons Verfilmung von "Alice im Wunderland", sondern um den Beginn einer wohl wahren, aber nicht weniger surrealen Geschichte.

London, 1969. Das Kaufhaus Harrods hat eine besonders frische Ware im Angebot: ein männliches Löwenbaby. Das erscheint aus heutiger Sicht so unvorstellbar wie die Bedingungen, unter denen die große Schmusekatze mitten in der Großstadt aufwuchs. Die Australier Anthony "Ace" Bourke und John Rendall kaufen den Löwen und nennen ihn Christian. Christian tauscht den engen Käfig gegen eine Wohngemeinschaft in der Kings Road, dem Zentrum des Swinging London.

Im Trend der Zeit wird Christian the Lion antiautoritär erzogen, nur an der Stimmlage seiner Ziehväter lernt er zu erkennen, ob seine Handlungen genehm sind. Nichts kann die Dreierbande trennen: Christian begleitet Ace und John in die Möbelschreinerei, in der sie arbeiten, reist mit Vorliebe auf der Rückbank ihres goldfarbenen Cabriolets und lässt keinen Restaurantbesuch aus.

Der Park einer Londoner Kirche ist Christians Freigehege. Dort entstehen die Filmaufnahmen, die Ausgelassenheit und pure Lebensfreude zeigen. In der Zeitlupe erkennt man die mächtigen Muskeln, die Löwen zum Raubtier ohne natürliche Feinde machen. Das eingefrorene Bild des Junglöwen, der nach dem gemeinsamen Fußballspiel die Tatze auf die Schulter seines menschlichen Freundes legt, bündelt das einverständnisvolle Glück, das man mit Tieren erleben kann. Selbst wer es nicht kennt, bekommt eine Ahnung davon.

Nach einem Jahr, Christian wiegt nicht mehr zehn, sondern 90 Kilogramm, ist die Futterrechnung zu hoch und die urbane Savannen-Idylle geht zu Ende. Ace und John nehmen Kontakt zu George Adamson auf, der die Löwin Elsa erfolgreich ausgewildert hatte (seine Frau Joy schrieb darüber den Bestseller "Frei geboren. Eine Löwin in zwei Welten"). Bald fliegt Christian nach Kenia, wo er in Adamsons Reservat eine neue Heimat findet und zum Chef eines Löwenrudels wird. Hier könnte die Geschichte des Swinging Lion enden und wäre bemerkenswert genug.

Doch 1972, ein Jahr nach Christians Auswilderung, beschließen Ace und John, ihn zu besuchen, obwohl man ihnen sagt, dass es aussichtslos sei, Christian würde sie nicht wiedererkennen. Doch Zoologen haben vielleicht eine Ahnung von Löwen, aber keine von Christian the Lion. Den kennen seine Kumpel besser.

Ace und John rufen nach Christian, und was dann passiert, hat man so noch nie gesehen: Schaut man den Clip zum ersten Mal an, hält man beim Anpirschen des Löwen alles für möglich, schließlich wäre es nicht das erste Schreckensvideo, das bei YouTube landet. Als Christian auf den letzten Metern beschleunigt, erreicht die Spannung ihren Höhepunkt: Christian fällt über seine Jugendfreunde her und - umarmt sie verspielt wie früher, legt ihnen die Tatzen auf die Schultern, leckt die Gesichter und die Ohren.

Melodrama der YouTube-Ära

Christian weiß genau, wie viel stürmische Leidenschaft ein menschlicher Körper verträgt, ohne von ihm verletzt zu werden. Das ist das Faszinierende an dieser Szene: dass eine um die 150 Kilogramm schwere Raubkatze mit Menschen, die sie mit einem Prankenschlag umbringen könnte, herumtollt, als wäre sie ein entlaufener Golden Retriever. Sogar Auswilderungsexperte George Adamson staunte darüber. Kurz zuvor war einer seiner Mitarbeiter von einem Löwen getötet worden.

Der Clip zeigt, dass ein Wesen in Wildnis und Zivilisation zugleich leben kann. Sogar Christians Partnerin, eine wilde Löwin, wird zutraulich und lässt sich von den fremden Menschen streicheln. Christian ist beides, wild und gezähmt, die Kategorien lösen sich auf in einer utopischen Vision von der Versöhnung mit der Natur. Dennoch sind die Untertitel zu optimistisch: Natürlich funktioniert es bei alten Bekannten nicht immer, dass man sie einfach in ihrem natürlichen Habitat besucht, und sie einem sofort die Ohren lecken.

Zuschauer berichten, dass sie weinen müssen, den Clip aber trotzdem immer wieder anschauen: der König der Wildnis als König der Softies und anderer Papiertaschentücher. Kaum jemand kann sich dieser Wirkung verschließen. Wir sind gerührt, weil wir in den Bildern die große Liebe sehen, die die Kluft zwischen Mensch und Raubtier überbrückt.

Diese Szenen sind in der filmischen Zuspitzung rührender als in der Realität. Denn ihre Wirkung wird von Whitney Houstons Heulbojen-Ballade "I Will Always Love You" unterstützt, die genau auf den Wiedersehensmoment zugeschnitten ist. Wie Houstons Song ist Christians Geschichte in einem seltenen Ausmaß pathetisch und kitschig und doch voller Wahrheit. In diesen zweieinhalb Minuten sehen wir das wohl erschütterndste Melodrama der YouTube-Ära.

Am Ende gehen Ace, John und Christian gemeinsam aus dem Bild, wiedervereinte Freunde. Doch Christian entschied sich für das Leben in der Wildnis, zwei Jahre später gab es ein weiteres Wiedersehen, dann verschwand er für immer im Busch.

Ein Dankeschön für dieses Fundstück an Silvana Slomic und Branko Kovijanic.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen