Bei YouTube gibt es eine Reihe von Videos, in denen Menschen ihre Unfähigkeit, ein Mikrofon zu benutzen, demonstrieren. Sehen Sie Mikrofone als Telefon, von hinten und als Pfeffermühle.
Wer hätte gedacht, dass das mal Thema würde: Mikrofone, es geht um die guten alten Mikrofone, nicht um die zu Allerwelts-Gadgets mutierten Nackenbügel namens Headset, sondern um die handlichen Stangen, die manchmal zur Speiseeis-Hörnchenform tendieren, diese Staffelstäbe der Korrespondenten-Informiertheit, mal wie eine rote Orange getarnt und in stürmischen Zeiten mit einem wischmoppigen Bobtail-Aufsatz gegen Windgeräusche geschützt. Jeder, der zum ersten Mal ein Mikrofon in die Hand gedrückt bekommt, weiß, wie man es benutzt, weil er es oft genug im Fernsehen gesehen hat. Das jedenfalls denkt man und wird in den Tiefen des Netzes eines besseren belehrt.
Anzeige
Das Videoportal YouTube versammelt viel Abseitiges, das früher einfach verloren ging. Einander ähnliche Motive gruppieren sich und es entstehen neue Filmgenres. Eine höchst amüsante Untergruppe besteht aus Filmen, in denen Menschen Mikrofone falsch benutzen. Erstaunlich, was man mit einem Mikrofon anstellen kann: An einem Ende festhalten und in das anderen Ende hineinsprechen - so einfach ist es nicht.
Zunächst muss man das Mikrofon finden. Dass das nicht immer leicht ist, zeigt der "Funny clip of singer in Recording Session": Es handelt sich um eine Debüt-Aufnahmesession in einem Studio. "I was born to do this, Max", ist die Künstlerin überzeugt. Max sitzt wohl an den Reglern hinter der Scheibe und wirft Anweisungen in den Raum.
Wer nicht reden will, muss mahlen
Die Sängerin kann es kaum abwarten und schwingt den Oberkörper schon mal auf den passenden Groove ein. Hüfthose, Kappe und Knotenbluse sitzen in perfektem Country-Starlet-Style. Ihr gesungener Mikrofontest "One, two, three, four, check, ch-ä-ä-äh-ck" könnte zur Hitsingle werden. Wenn es da nicht dieses kleine Problem gäbe ...
Schließlich betritt Max doch den Aufnahmeraum und hilft seiner Elevin mit verständnisvollen Kindergärtner-Worten ("That's okay"), als erlebte er so etwas nicht zum ersten Mal: Sie soll einfach nicht ins Endstück des Mikrofonständers singen, sondern ins Mikrofon selbst, dann werde alles gut.
Eine falsche Fährte bei der Mikrofonbenutzung besteht in der nicht auf den ersten Blick zwingenden Verwechslungsgefahr mit einem Telefon. Gut, beides sind Kommunikationsgeräte, und Telefone verändern ihre Gestalt mit formwandlerischer Beliebigkeit. Wie leicht man da den Überblick verlieren kann, sieht man in "Mikrophon oder Telefon - Verwechslungsgefahr", einem Objet trouvé aus dem Fernsehen.
Es handelt sich um eine Menschenzusammenführung mittels Satellitentechnik: Der Reporter interviewt einen Mann namens John vor idyllischem Wohnwagenhintergrund. John erhält die Möglichkeit, mit Ron drüben in Australien zu reden. Da verschlägt es ihm erst mal die Worte, was soll man auch sagen in solch einem Moment?
John entschließt sich zu einem beherzten "Hello!" und weiß, dass die Worte wie immer am Telefon quasi von selbst kommen werden, wenn er und Ron sich an den beiden Enden dieser akustischen Nabelschnur befinden. Da genügt manchmal ja nur ein Atemgeräusch, das die Gewissheit verschafft, dass der andere anwesend ist, diese akustische Massagewirkung, die das Telefonieren von schriftlicher Kommunikation unterscheidet. Doch das vermeintliche Telefon ist leider ein Mikrofon, das bis auf leises Elektrorauschen stumm bleibt. Dass aus dem interkontinentalen Kontakt noch ein fernintimer Plausch wurde, ist ohne die Ohrmuschelnähe des anderen kaum vorstellbar.
Ein Mikrofon schafft Distanz, weil die menschliche Stimme zur elektrischen Stimme wird, und weil es als Einweg-Sprechmaschine nicht zum Zuhören gebaut ist: Mit einem Mikrofon redet immer nur einer und immer lauter als die anderen. Deshalb sind Bilder von jemandem, der in ein Mikrofon spricht, aber nicht zu hören ist, irritierend.
Im Clip "frauen-und-technik-mikrophon-probleme" weisen die Umstehenden die Mikrofon-Telefon-Verwechslerin diskret auf die richtige Handhabung hin. Sie trauen sich wohl den Satz "Da vorne musst du reinsprechen" kaum auszusprechen, weil es bei Kommunikationsgeräten in der Natur der Sache liegt, dass ihr Gebrauch ganz selbstverständlich abzulaufen hat.
Eine Steigerung der Mikrofonentfremdung zeigt die zweite Sequenz. Dieses Missverständnis resultiert aus einem Trend auf der gegenüberliegenden Seite der nach Ruhm und Aufmerksamkeit, also Mikrofon-Zeit, strebenden Gesellschaft: Wer zurückgezogen zu Hause oder im Sternerestaurant diniert, kommt nicht mehr um die Frage "Möchten Sie frischen Pfeffer?" oder das Weiterreichen einer Bundeskegelbahnkegel-großen Pfeffermühle herum. Dieses Ritual hat die Begleiterin des Mannes (der übrigens wie ein "Sopranos"-Nebendarsteller aussieht) abgespeichert. Deshalb dreht sie am Mikrofon, um ihm fein gemahlenen Pfeffer zu entlocken.
Das Ende des Clips zeigt - die Frau spricht die Pointe fehlerfrei ins Mikrofon -, wie schnell diese Medienkompetenz erlernt wird. In wenigen Sekunden wird die Evolution vom diskreten Speisen in den Salons zum massenmedialen Show-Essen auf den Galas der Gegenwart vollzogen.
Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen
- Thema
- König der Softies RSS
- Internetvideo der Woche Trash mit Traumquote 14.06.2008
- Internetvideo der Woche Er wollt, er wär ein Huhn 05.06.2008
- Internetvideo der Woche Lieber nicht liften lassen 29.05.2008
- Internetvideo der Woche Wo der Schwanzhund wedelt 19.06.2008
- Internetvideo der Woche Hengst und Schrecken in Las Vegas 22.05.2008
- Internetvideo der Woche Er hat sich stets bemäht 03.09.2009
- Internetvideo der Woche Schnapsolute Weltklasse 27.08.2009
(sueddeutsche.de/rus)
Staatsbesuch in Israel
Unfreiwilligerweise verschluckt Siggi ein Mikro. Ich hoffe inständig, dass die guten Dame keine bleibenden Schäden haben wird.
http://de.youtube.com/watch?v=X7hw_fPETac