Von Christian Kortmann

Ein traumhaftes Eigentor, ein verlorenes Ticket auf der Autobahn und der orientierungsloseste Torwart der Welt: die witzigsten Fußball-Videos in der Clip-Kritik.

Das Fußballspiel wird nicht nur von Technik und Taktik, sondern auch vom Zufall geprägt. Zwischen den 44 Schienbeinen, 22 Köpfen, vier Torpfosten und zwei Latten geht der Ball mitunter kuriose, Flipperkugel-artige Wege, bevor er im Netz oder eben knapp daneben landet. Jetzt, da Fußball drei Wochen lang das ernsteste Thema der Gegenwart sein wird, sind die Highlights der unfreiwilligen Rasenkomik ein Reservoir der meditativen Entspannung: Wenn es einem an Fußball und Fähnchen zu viel wird, einfach an eine lustige Szene denken und den schwarzrotgoldenen Mitmenschen ein Lächeln schenken.

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Im Clip "The most stupid goalkeeper ever" stoppt der Torwart einen Rückpass und plant eine elegante Körpertäuschung, um den herbeistürmenden Angreifer zu verwirren. Nun ist das Schicksal eines Fußballs noch weniger planbar als das des Menschen, diesem Korken auf den Wellen, doch wenn die Lederkugel denken könnte, dann hätte sie sich in diesem Moment gewundert. "Ich habe ja schon manches gesehen", hätte sie gedacht: "Aber das hier ist neu."

Denn plötzlich unterbricht der Torwart sein Manöver, dreht sich vom Ball weg, als sei dieser eine tickende Bombe, und rotiert wie ein orientierungsloses Huhn, wenn der Fuchs in der Nacht auf den Hof schleicht. Der Angreifer macht das Tor, und obwohl sein Triumph im kolossalen Irrtum des Torwarts besteht, ist es ihm einen lässigen Jubel wert. Welche Eingebung den Torwart genau geritten hat, versteht man selbst beim wiederholten Anschauen der Szene nicht. Auch dem Fernsehreporter verschlägt es die Sprache, dann erklingt eine Stimme, die so etwas fragen könnte wie: "Ist da wirklich das passiert, was unsere Augen gesehen haben?"

Trotz der kompletten Fußballberichterstattung im Fernsehen ist der Sog des EM-Live-Erlebnisses ungebrochen. Als Fußballfan will man ins Stadion, und der eigene Sport besteht darin, eine Karte zu ergattern. Mit der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland gelangte ins öffentliche Bewusstsein, wie prekär die Lage auf dem Ticketmarkt ist. Fanverbände klagten völlig zu Recht, dass es in erster Linie eine Veranstaltung für Funktionäre, Werbekunden und deren Ehrengäste sei.

In Österreich und der Schweiz ist die Situation verschärft - kleine Stadien und viele Menschen, die von allen Seiten aus dem europäischen Ausland auf die Drei-Wochen-Fußball-Insel drängen. So wird der Clip "German Idiot loses WM Tickets on Highway" wieder aktuell, der erstmals zur WM 2006 kursierte. In dieser höchstwahrscheinlich professionell inszenierten Fiktion sind Fans im Auto unterwegs nach Berlin zum WM-Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien. Wer zu diesem Spiel fahren durfte, hatte in jedem Fall einen glücklichen Tag - wenn ihm denn der Übermut nicht zum Verhängnis wurde.

Die Insassen filmen ihre ausgelassene Stimmung mit Trikot, Tickets, Fähnchen und Stadiongrölmusik, und die Kamera findet in einem Auto, das überholt wird, einen Glückstaggenossen. Vom Beifahrersitz jubelt er mit Schwarz-Rot-Gold-Käppi und schwenkt sein Ticket wie einen Fetisch in die Kamera.

Doch es kommt, wie es kommen muss: In seiner Freude, die keine klaren Worte, sondern nur noch Brülllaute kennt, entgleitet ihm das Ticket im Fahrtwind, rauscht über die Autobahn, auf der alles immer nur in eine Richtung geht, und die WM ist Geschichte. Wer sich an das drakonische Fifa-Regime erinnert, weiß, dass der junge Mann auch trotz seiner guten Ausrede ("Habe meine Eintrittskarte auf der Autobahn verloren") nicht ins Stadion gelassen wurde.

Neben wie auf dem Platz sind es solche Szenen, die jene andere Seite der Magie des Fußballs beweisen, die eben nicht in seiner perfekten Beherrschung, sondern in Irrationalität und Unplanbarbarkeit besteht. Auch im Clip "Eigentor" sorgt weniger Schadenfreude als das Staunen über den Weg der Flipperkugel für das Vergnügen. Wir sehen Ein-Kontakt-Fußball in seiner unglücklichsten Ausprägung: Der Torwart schlägt ab, und nachdem allerlei Spieler den Ball verpassen, landet er im Strafraum vor den Füßen eines Verteidigers, der ihn jedoch ohne Not ins eigene leere Tor schiebt.

Nur von den Maschen des Tornetzes getrennt, sieht man den jubelnden Fan und den verzweifelten Spieler, Freud und Leid also ganz eng beieinander. Dieses traumhafte Eigentor hat eine lehrreiche dramatische Wendung: Im Moment der Rettung wächst im Fußball die Gefahr sofort wieder heran.

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(sueddeutsche.de/rus)