Von Christian Kortmann

Huhnglaublich, aber wahr: Wenn Kaninchen kämpfen, greift die "Chicken Police" ein. Die Clip-Kritik über schlaue Hühner und ihre erstaunlichsten Kunststücke.

Nur selten kommt das Huhn in den Genuss einer filmischen Großaufnahme. Das mag auch daran liegen, dass Hühner in unserem Leben, sofern wir uns nicht gelegentlich auf Bauernhöfen herumtreiben, nur als kollektive Käfigtiere oder in Rudimenten als McNuggets präsent sind. Wir wissen also gar nicht, welche phantastischen Dinge ein individuelles Huhn über das tägliche Legen eines braungesprenkelten Bio-Eies hinaus zu leisten im Stande ist. Es geht hier nicht um das eitle frühmorgendliche Kikeriki und die brutalen Kämpfe der Hähne, sondern um das gewöhnliche Haus- und Hofhuhn, das gackernd umherspaziert, Körner sucht und als lebendiges Beispiel für die Weisheit gilt: Dumm pickt gut.

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Spätestens mit dem Clip "Chicken Head Tracking" sollte sich das ändern, denn es führt uns eine Fähigkeit des Federviehs vor, mit der wir nicht gerechnet haben: Hühner gelten als flatterhaft, gar als verrückt, aber sind sie in Wirklichkeit virtuose Kontrollfreaks?

Hühnerhalter Destin zeigt in seinem Video, dass ein Huhn stets genau weiß, wo im Raum sich sein Kopf und sein Rumpf befinden. Wenn Destin den Körper des Hauptdarstellerhuhns bewegt, bleibt der Kopf wie festgetackert an der gleichen Stelle im eingeblendeten Kasten in der linken Bildschirmhälfte, ein Archimedischer Punkt, an dem die Welt des Huhns aufgehängt ist. Es lässt seinen Körper unter sich rotieren und gleicht vertikale Bewegungen aus, als hätte es nicht nur Federn, sondern auch eine perfekte Federung.

Rufen Sie die Ordnungshühner!

Die "Hühnerkopf-Verfolgung" ist die Antwort auf ein Video, in dem gezeigt wird, wie man sich aus einer Wii-Computerspielkonsole einen Bewegungssensor bastelt, der mittels einer Feedback-Schleife die Position des Spielerkopfes registriert. In der realen Menschenwelt kennt man solche Nummern, den Körper wie das Huhn marionettengleich unter dem Kopf baumeln zu lassen, nur von Breakdancern: Damit der Kopf ganz ruhig bleibt, muss das Gehirn verfolgen, wo sich welcher Körperteil befindet, und dies mit Gegenbewegungen ausgleichen.

Den "Head Tracking"-Effekt, den die modernste Technik nur mit schlauen Tricks und Tänzer nur mit viel Training bewerkstelligen, beherrschen Hühner (das Nebendarstellerhuhn links im Bild beweist, dass dies kein individuell antrainiertes Kunststück ist) instinktiv mit ihrem ganz kleinen Hühnergehirn. Weil man Hühnern gar nichts zutraut, ist diese Verknüpfung von laienzoologischer Empirie und biomorpher Hightech-Spielerei um so erstaunlicher.

Ein weiteres Hühner-Klischee, und zwar das vom feigen Huhn, das in einem chaotischen Haufen lebt, wird durch den Clip "Chicken Police?" widerlegt: Zwei kämpfende Kaninchen werden von zwei autoritären Ordnungs-Hühnern zur Räson gerufen, die wie ein Polizisten-Duo im Actionfilm in die Kampfhandlung eingreifen.

Von rechts schießen sie ins Bild, als hätten sie zuvor die Wohnungstür eingetreten, und werfen sich zwischen die Raufbolde. Jedes Polizei-Huhn geht gezielt auf ein Kaninchen los ("Nimm du das Weiße, ich nehme das Schwarz-Gescheckte!") und nimmt sich den Ruhestörer zur Brust. Schlank und drahtig wie ein Militärausbilder baut sich das Huhn im Vordergrund auf und belehrt das eingeschüchterte Kaninchen über seine Hackordnungs-Rechte.

Die beiden Kaninchen scheinen das Prozedere schon zu kennen. Sofort lassen sie voneinander ab: Sie wissen, dass Widerstand zwecklos ist. Abschließend gibt es noch einen Tritt in den Puschel: "So, und jetzt benehmt euch anständig, das nächste Mal rupfen wir euch richtig!", scheinen die Hühner zu sagen.

Denn sie lieben die Harmonie und wollen ihre Ruhe haben. Dann flattern sie zurück ins Chicken-Police-Hauptquartier oder kaufen sich nach dem anstrengenden Einsatz erst mal einen Hot Dog.

Auch zum bei YouTube populären Themenfeld der Versöhnung zwischen den Arten haben Hühner etwas beizusteuern. Der Clip "Chicken hatches Kittens", in dem eine Henne ihre Katzenküken hütet, fügt dem paradiesischen Motiv ein pragmatisches Element hinzu: Die Präsenz der Katzenmutter, die am Ende durchs Bild läuft, zeigt, dass die Huhn-Katzen-Gemeinschaft nicht etwa mangels Alternative in der Not entstanden ist.

Vielmehr hat die Katze ihre Erziehungspflicht an die Henne abgetreten, um der Mäusejagd-Erwerbsarbeit nachzugehen. Ist man bereit, mit ein paar Portionen Katzenfutter zu bezahlen, findet man auf dem Bauernhof ganz leicht einen Babysitter.

Schließlich hätte niemand das Treiben der Kids besser im Griff: Goldbraun hockt die Henne im Konzert aus Miauen und Gackern über den grauschwarzen Katzenbabys, als sollte der oberflächliche Kontrast die Tiefe ihres empathischen Einverständnisses illustrieren. Welcher Mensch wagt da, jemals wieder "Du dummes Huhn!" auszurufen? Das Verteilungssystem für Kindergartenplätze scheint zumindest im Tierreich klüger organisiert zu sein.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

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(sueddeutsche.de/rus)