Von Christian Kortmann

Ein Nein beim Heiratsantrag vor Publikum, Soldaten mit linken Füßen und andere Katastrophen: die schönsten Arten zu scheitern in der Clip-Kritik.

So reflexhaft man lachen muss, wenn anderen ein Missgeschick widerfährt, so wenig wird man dabei das schlechte Gewissen los, sich der Schadenfreude hinzugeben. Trotzdem oder gerade deshalb widmet sich eine der momentan beliebtesten Seiten im Netz ausschließlich dem alltäglichen Scheitern: Failblog.org sammelt Videos von Niederlagen in allen Lebenslagen, jeder Clip wird von der düsteren Stimme des Desasters angekündigt "Failblog...!"

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Die multiplen, oft originellen Varianten des Scheiterns bilden einen Katalog der möglichen Fehlerquellen im Leben. Jeder Clip betont unterschiedliche Nuancen des mühseligen Kampfes mit den Tücken von Objekten und Mitmenschen. Niemand ist sicher - die gezeigten Rückschläge könnten einen jederzeit selbst treffen. Diese Ausgangslage ändert zwar nichts an der eventuell vorhandenen Schadenfreude, verwandelt aber die Wahrnehmungsperspektive vom hämischen Vorführen zur mitmenschlichen Teilnahme an Schicksalen, die zwar bitter, aber glücklicherwiese allzu schwer auch wieder nicht sind.

So zeigt der Clip "Proposal Fail" einen Mann, der die sehr gute Idee hat, seiner Freundin in der Pause eines Basketball-Spiels auf dem Spielfeld einen Heiratsantrag zu machen. Einer der Fernsehreporter spekuliert scherzhaft, wie es wohl wäre, wenn eine Frau mal nein sagte. Sie muss ja sagen, meint der andere.

Doch dann beugt sie sich zum Antragsteller hinunter und erklärt ihm in dieser emphatischen Situation, in der Erklärungen und Worte nicht vorgesehen sind, ihre Not. Die Hallensirene wirkt wie der Weckruf einer bitterbösen Realität, der dem Mann sagt: "Antrag abgelehnt, wach auf und geh woanders spielen!"

Nur im äußersten Schockzustand lässt man sich wie der gescheiterte Bräutigam vor Publikum von einem wohlbeleibten Mausebär-Maskottchen trösten. Zusammen mit dem sofort verabreichten Bier verschafft es erste Linderung. Die Kamera zeigt die Reaktion des Spielers McGrady, in dessen Grinsen sich Vertrautheit mit sportlichen Niederlagen und Erstaunen über die brutale Steigerungsform des Scheiterns mischen. Auch in der Halle raunt es mehr erschrocken denn amüsiert.

Je stärker die makellose Form mit dem Selbstbild einer Institution verbunden ist, etwa der Gleichschritt beim Militär, desto deutlicher verweist eine Panne auf die Brüchigkeit der Realität. Es läuft eben nicht immer nach Plan: Im Clip "Jumping Jacks Fail" sehen wir eine soldatische Gymnastikübung. Man turnt Hampelmänner, deren choreographische Komplexität offensichtlich Probleme bereitet.

Das heißt, die Soldaten, die Bewegungen vollführen, welche man als entfernt Hampelmänner-ähnlich bezeichnen könnte, bilden nur den Rahmen für ihre Kameraden, die anscheinend versuchen, die seltsamsten Figuren aller Zeiten zu turnen. Man achte etwa auf den dritten Soldaten von rechts, der von den rhythmischen "One, two, three"-Rufen unbeeindruckt die neue Break-Dance-Gattung des "Ich bau, Yeah!, mit Armen und Beinen, Yeah!, das Haus vom Nikolaus, Yeah!" kreiert.

Obwohl im Tierreich die sozialen Normen weniger pingelig sind als bei den Menschen, ist peinliches Versagen auch hier an der Tagesordnung, wie der Clip "Hunting Fail" demonstriert. Die jagende Löwin ist sich ihrer Beute schon sicher. Doch dann merkt sie, dass dieses Wildschwein zwar langsamer war als sie, sich aber trotzdem wehrt. Schließlich wird sie von dem Schwein in die Seite gerammt, erst hart, dann, mit wachsendem Mut und Anlauf, noch härter. Schließlich ergreift die Löwin die Flucht, die Jägerin wird zur Gejagten.

Ob Wildschweinjagd oder Heiratsantrag, ab und zu muss man dem Scheitern in seine blutunterlaufenen Augen blicken, damit aus Selbstverständlichkeit keine Überheblichkeit wird. Rituale behalten durch Widerstand ihre Bedeutung. Man versteht zum Beispiel, dass das aus Hollywood-Komödien bekannte Herzklopfen beim Heiratsantrag nicht nur der romantischen Situation, sondern in der Realität auch der Möglichkeit des Neinsagens geschuldet ist.

Deshalb könnte "Proposal Fail" zur Referenz für alle Pannen-Clips werden, da zwar kein physischer Schaden entsteht, die Heiratsantrags-Niederlage aber nachhaltige Enttäuschung mit sich bringt. Das Lachen des Zuschauers verwandelt sich sofort in Mitgefühl, weil er weiß, dass Leben auch für ihn jederzeit Scheitern bedeuten kann.

PS: In der kleinen Typologie des Missgeschicks darf das stets vorhandene Risiko nicht fehlen, trotz beiderseitig bester Absichten zwischenmenschlich danebenzuliegen, oder besser zu fliegen:

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

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(sueddeutsche.de/rus)