Von der Planbarkeit des Untergangs: Crashtest-Videos zum brennenden Thema Automobil-Industrie in der Clip-Kritik.
Es gibt ja dann auch immer wieder Clips, die aus grauer Vorzeit auftauchen, die wie aus dem Nichts zu kommen scheinen. Clips, die so wirken, als seien sie nur deshalb wieder hier, um eine aktuelle Situation zu kommentieren. Wie ein Fingerzeig, nein: wie ein Hohnlachen der Altvorderen auf die derzeitige Misere.
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Derzeit grassieren Crashtest-Videos aus den sechziger Jahren. Und man kann sie nicht anschauen, ohne an die gegenwärtige weltweite Krise der Automobil-Industrie zu denken. Doch sollte man auch nicht zu voreilig mit dem Vorwurf billiger Ironie und einem überschaubaren Anspielungsreichtum kommen.
Denn diese Videos gehören zum Genre der durchkomponierten Destruktionskurzfilme. Sie sind hergestellt worden, um aus allen erdenklichen Blickwinkeln faserkleine Zerstörung zu dokumentieren. Arrangierte Destruktionen sind das, die das Auge in bloßer Zeitzeugenschaft nicht in allen Facetten wahrnimmt.
Vor der Video-Aufzeichnung des Crashs errechnet man also die Route der schrottgeweihten Autos zu ihrem Hindernis, plant die Aufpralle, inszeniert also ein Zerstörungstheater mit allen Requisiten. Alle Tätigkeit der planerischen Vernunft, das Werk des Homo Faber, des Ingenieurs, richtet sich hier auf Akt und Ergebnis der Vernichtung. Ihnen wird alle Aufmerksamkeit gewidmet. Nicht der Konstruktion von etwas Unversehrtem. Und doch kann man auch Zerstörung als flüchtige Schöpfung begreifen. So halten sich die gedrehten Crashtest-Videos seit je nicht mit dem Setting für die inszenierten Karambolagen auf, sondern vertiefen sich gleich in die Vernichtung der Dinge.
Erkennbar wird darin - gerade in den sechziger Jahren - der unverbrüchliche Glaube an die instrumentelle Vernunft und die Plan- wie Kontrollierbarkeit aller irdischen Abläufe und seien es die des Untergangs. Diesem Denken nach ist der Crashtest ein Experiment mit errechneten Randbedingungen, denn der Crash folgt Naturgesetzen, der Zufall hat keine Chance.
Dem Serienprodukt Auto, der Uniformität eines Massenproduktes - und damit der definierten Zusammensetzung und Anordnung seiner Teile - entspricht auch die Endlichkeit möglicher Destruktionen. Darum werden im Crashtest immer dieselben Standardkollisionen in geringen Variationen inszeniert: Frontal-Crash, Auffahrunfall, seitlicher Aufprall. Einen Test, der Dach oder Boden des Wagens zuerst angriffe, kennt man nicht. So unindividuell das Auto, so berechenbar der Crash. Die Trägheit der Masse kennt keine Überraschungen.
Größtmögliche Unordnung
Doch steckt im konstruktiven Nihilismus dieser Zerstörung noch mehr. Etwas, das Highspeedkameras einfangen, wenn sie den Augenblick des Crashs in epische Dimensionen aufblasen. Denn es liegt ein ästhetisches Moment in den Bildern der explosiv freigesetzten Teile. Zerstoben in lose Materie, die aus aller Ordnung der Konstruktion herausgerissen werden, erscheinen sie wie freigesetzt, entlassen aus dem Formzwang der Moderne.
Der Archetypus einer solchen Feier der Explosion stammt von Michelangelo Antonioni. Die Schlusssequenz von "Zabriskie Point" aus dem Jahr 1970 zeigt minutenlang zur Musik von Pink Floyd Auflösung von Alltagsgegenständen in herrlich zelebrierter Superzeitlupe. Hier fliegt also doch alles, was niet- und nagelfest ist, in die Luft, zeigen uns die dann scheinbar schwebenden Dinge ihre nach außen drängenden, inneren Fliehkräfte. Und am Ende aller Explosion ist alles liebevoll arrangierte Interieur ein Haufen Zeugs: Schrott bei ausgebliebener Abrwackprämie.
Entropie, so nennt man den Zustand größtmöglicher Unordnung. Er ist zugleich der Moment des geringsten Energieflusses, der Moment endgültiger Ruhe nach allen Stürmen der Zerstörung. Entropie kennt keine Mittel, keine Vehikel, keine Werkzeuge, keine Zwecke mehr. Entropie ist Stillstand der Wirtschaft und der Kreisläufe der Waren. Entropie also ist der Nullpunkt, die Indifferenz. Vielleicht ist Entropie das Glück der Dinge. Und vielleicht erscheinen die Automobile in "Old Citroen Dyane Crash Test" darum wie Liebende, die nach dem Kuss einen kleinen Freudenhupfer vollführen.
So zeigt der Film "General Motors Crash Tests 1960s" zur schmissigen Neunten von Beethoven - und völlig unabhängig davon, ob hier nun Fahrzeuge von GM zerstört werden oder nicht -, eine sich scheinbar selbst inszenierende, ausrollende Choreographie aus Blech, Glas und Lack, in der selbst die Crashtest-Dummys nur Statisten sind. Dabeigewesene, doch keine Akteure. Der Star ist die Knautschzone. Splitterndes Glas sein Feuerwerk. Nur kurz. Und dann ist Ruhe.
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(sueddeutsche.de/rus)
65. Filmfestspiele Cannes
Von Filmen wie Zabriskie Point inspiriert war offensichtlich auch dieses famose Musikvideo von Fatboy Slim:
http://www.youtube.com/watch?v=-Sz9ZUC4oKI&feature=related