Von Christian Kortmann

Täglich blicken wir auf die Google-Homepage und merken nicht, wie sie altert. Und plötzlich färbt sie sich schwarz.

Nicht nur, wenn wir unseren eigenen Namen googeln, um uns unserer Existenz zu versichern, ist die Homepage der Suchmaschine Google wie ein Spiegel. Auf der weißen Seite lockt ein blinkender Cursor im Suchfeld unserer Wünsche, er blinzelt uns zu und sagt: "Nenne mir deine größte Sehnsucht!"

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Die Gothic-Version von Google ("mit echten Fledermausstückchen") und die Google-Beta-Version am 2. Dezember 1998. (© Screenshots: sde)

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Werden wir schwach und geben den Begriff ein, zeigt uns Google keinen objektiven Ausschnitt der Welt, sondern das, was unsere Augen sehen wollen, beziehungsweise das, was der Google-Algorithmus für relevant befunden hat. Die Suchbegriffe verraten der Welt mehr über uns als uns über die Welt. Deshalb sind die populärsten Google-Such-Wörter zum Thermometer gesellschaftlicher Befindlichkeit geworden.

Man schaut die Seite so oft an, dass man nicht mehr genau auf sie achtet. Bäte man User, die Google-Homepage aus dem Kopf zu zeichnen, kämen zwar wohl Phantomzeichnungen heraus, aber alle Details stimmten nie: Welcher der bunten Kindergartenbuchstaben des Logos ist zum Beispiel grün?

Es könnte eben alles auch ganz anders sein: Wie man vorm Spiegel sein Gesicht zur fürchterlichen Fratze verzieht, gibt es auch kleine fiese Tricks, um mit der blanken Google-Seite eine Grimasse zu schneiden. Man gebe etwa "google l33t" ins Suchfeld ein und drücke den Button "Auf gut Glück!". Anschließend tippe man hier "google gothic" und drücke auf den "EyE Am ph33|1n6 |u(ky"-Button.

Doch auch die gewohnt weiße Google-Seite verändert sich, womit nicht die Logovariationen an Ostern (Eier in den "o"s) oder Halloween (Hexenmütze auf dem "G") gemeint sind. So oft gucken wir auf diese Homepage, dass wir ihren permanenten Wandel nicht bemerken, wie wir über unser Älterwerden, die Faltenbildung und Haarergrauung, auch nicht beim Blick in den Spiegel, sondern anhand alter Fotos erstaunen. Einst zeigte der User Noah das Vergehen der Zeit in seinem Gesicht, analog dazu zeigt der Clip "Google homepage back..." im Zeitraffer, wie sich die Google-Homepage mit den Jahren veränderte.

Links oben im Bild laufen Kalenderblätter ab, mit ihnen verjüngt sich Google zurück ins Geburtsjahr 1998, musikalisch untermalt von einem "Carmina Burana"-Verschnitt. Der Clip zeigt uns, wie viel man übersehen kann, während man glaubt, alles im Blick zu haben. Die Menge der Information nimmt in der Vergangenheit nicht ab, Google versuchte also nicht, das Wachsen des World Wide Web grafisch wiederzugeben. In der Reduktion aufs Wesentliche besteht einer der Erfolgsfaktoren der Suchmaschine. Google passt sich nicht der Welt an, sondern die Welt an Google, ein Privileg, das sich nur ein Marktführer oder gar De-facto-Monopolist leisten kann.

Nach einer farblichen Auffüllung in den Jahren bis 2003 wird die Seite sogar wieder lichter, selbst an der Fettung des Logos spart man und radiert wie mit Botox kleinste Designfältchen aus. In der grundsätzlichen Beständigkeit, die die Aufmerksamkeit auf die Details lenkt, besteht die Faszination des Videos.

Mit Understatement kommen am oberen Bildrand einzelne Wörter hinzu, hinter denen sich neue Anwendungen verbergen. Im Jahr 2001 fragt Google seine User noch "First time here?", eine Frage, die sich bald erledigt hat, genau wie Eigenlob und Werbesprüche. Man ist einfach da, und die Userlein kommen. Dazu passt die Zentralisierung des Logos, das von links in die Mitte wandert.

Wir sehen, wie die Suchmaske unserer Welt altert: Wenn sie sich änderte, änderten sich auch die Dinge dahinter. So gibt es in den Tagen nach dem 11. September 2001 zentrale Links zu Nachrichten und Beileidsbekundungen. Weil der Clip rückwärts läuft, erzählt er keine Modernisierungsgeschichte, sondern verdeutlicht mit einem rasenden Schulterblick den Sprung in die digitale Ära.

Dass eine zehn Jahre alte Homepage vollständig antiquiert aussieht, zeigt, wie schnell sich die Möglichkeiten und Moden des Netzes wandeln. Wie Brad Pitt als Benjamin Button vom Greis zum Kleinkind wird, rast die Homepage in vier Minuten zurück in ihre tiefste Vergangenheit. Und dieses Wunderkind war schon als Benjamin vollendet: Es gab einen Prototypen und die Google-Beta-Testversion, dann konnte die Seite alles, was sie können musste.

Weil man, um mal eine Regel für das gute Leben in der Epoche der digitalen Zwänge und Versuchungen zu postulieren, genau so viel Zeit aus dem Fenster gucken sollte, wie man auf den Bildschirm starrt, hier noch der Clip "one year in 40 seconds" für die düsteren hektischen Zeiten, in denen gerade kein Fenster zur Hand ist:

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

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(sueddeutsche.de/rus)