Spuk oder Käse: Ein Gespenst belästigt tankende Autofahrer, Tote tauchen auf Fotos und im Operationssaal auf. Geistersichtungen in der Clip-Kritik.
Das kann doch nicht alles sein. Seit Jahrhunderten üben wir nun eine positivistische Weltanschauung ein, haben gelernt, nur an das zu glauben, was wirklich ist, und erkennen nur die Phänomene an, für die es eine "wissenschaftliche Erklärung" gibt. Aber lauert unterhalb dieser Schwelle nicht vielleicht doch eine andere Realität? Und könnte es nicht sein, dass ausgerechnet die technischen Apparaturen, mit denen wir unsere Wirklichkeit rational seziert haben, Signale aus der Zwischenwelt empfangen?
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Solch eine antirationalistische Nebenwirkung der Technik ist die Grundannahme für das Genre der Videoclips, in denen Geistersichtungen dokumentiert werden. In Verzerrungen, Schatten und Nebeln werden Konturen von Gesichtern und schemenhafte Gestalten erkennbar, die sich eben nicht in der Realität, sondern nur auf Fotos oder den Bildern von Überwachungskameras zeigen, als könne das Medium in der Natur mehr entdecken als das menschliche Auge.
Je unschärfer, desto glaubwürdiger
In früheren Geistergeschichten schrieb man diese Fähigkeit etwa Spiegeln zu, ebenso verwandt sind die Tonbänder, in deren Rauschen und elektrischen Störgeräuschen man die Stimmen Verstorbener zu entdecken meint.
Der Clip "Ghost pictures show" versammelt ein Best-of der Geistersichtungen. Hier gilt wie bei Paparazzi-Fotos die Devise, dass der Grad der Glaubwürdigkeit mit abnehmender Bildqualität steigt. Verzerrungen stehen deshalb nicht für mangelhaft wiedergegebene Realität, sondern für die Wirkungsmacht einer anderen Welt. Mal tauchen Geister auf Kirchenbänken auf, mal im Schaum der Meereswellen: ätherische Gestalten; impertinente Tote, die sich auf die Fotos von Angehörigen drängen; Menschen, denen ein Heiligenschein erwächst, dazu tief trötende kakophonische Akkordeonmusik.
Das blaue Scheck-Gespenst
In einer Bildunterschrift heißt es, dass die frühere Besitzerin eines Hauses nicht fotografiert worden sei, sondern sich magisch aufs Foto geschmuggelt habe. Die Bereitschaft, an Geister glauben zu wollen, ist Voraussetzung dafür, sie zu entdecken. Wer kommt schon darauf, dass es sich um eine Doppelbelichtung oder einen technischen Fehler handeln könnte? Auch wenn man nicht an Geister glaubt, sorgt das Video für Vergnügen, weil man wie auf Suchbildern nach dem Gespenst Ausschau hält.
Stärker als die Indizien beglaubigen die Umstände eine Geistersichtung, wie der Clip "Ghost in hospital" zeigt. Krankenhäuser und andere spirituelle Zwischenzonen, in denen die menschliche Weisheit an Grenzen stößt, religiöse Räume, Orte von Kapitalverbrechen, sind besonders geistersichtungsaffin.
An diesen noch beweglichen Stellen der Wissenstektonik dringt das Zwielicht an die Oberfläche, wie Magma durch brüchige Spalten der Erdkruste. Videos und Fotos, die Universitäts-Geister bei Physikvorlesungen zeigen, gibt es seltsamerweise nicht.
Vage Lichtschemen an der Wand reichen in der angespannten Operations-Situation zwischen Leben und Tod, um die Präsenz eines diesseitigen Wesens herbeizubeschwören. Vier Ärzte bereiten sich auf die Behandlung eines Patienten vor, den man nicht sieht. Eine Spritze wird aufgezogen. Man muss die japanische Erzählerstimme nicht verstehen, ihr Tonfall verrät, dass sie nicht aufklärt, sondern von Mysteriösem kündet.
Stille und Unheimlichkeit der Szene (ist das Blut, was da in der Schüssel schwappt?) lassen mit allem rechnen. Gerne schaut man die Szene dreimal in der Wiederholung an, um das Unerwartete zu entdecken. "Watch carefully", lautet die Anweisung bei YouTube; ohne Mühe hat man nichts von diesem Clip.
Erst am Ende, wenn in der Großaufnahme die Gestalt des Arztes verzerrt ist, wird der Blick auf die wahre Realität frei. Grusel-Genre-konform untermalt tiefer metallischer Glockenklang den Schockeffekt.
Schön aber auch, dass sich Geister für ihre Aktivitäten gerne Orte aussuchen, die ein wenig Spuk-Ruhm gut gebrauchen können. So machte es sich eine knuffige blaue Wolke in Parma, Ohio, an einer kleinen Provinztankstelle gemütlich, wo sie auf den Bildern der Überwachungskamera an Autos und Zapfsäulen entlanghuscht, wie einst das grüne Fernsehwuslon Zini in "Spaß am Dienstag".
Sofort ist ein Fernsehteam da und fängt die Erklärungsansätze der Kunden ein: Indianergeist, Engel oder tote Seelen, Gründe für Geisteraktivität gibt es ja so viele.
Wer jetzt sagt, dass das absoluter Parmesan-Ohio-Käse ist, vergisst, dass das Schönste an einem Spuk ist, dass die Bespukten etwas zum Drüberreden haben. Geister machen das Leben reicher: Deshalb freut sich der Tankstellen-Besitzer so sehr über den gestiegenen Umsatz und sein blaues Scheck-Gespenst.
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(sueddeutsche.de/jb)
Wettmanipulation im Fußball
kein TExt
Das sollen Geister sein? Kommen sie doch mal bei uns in der Eifel vorbei. Bei der Alemannia aus Lendersdorf gibt es im zwei Wochen Rythmus an jedem Sonntag Morgen 11 Gespenster, die meinen sie könnten Fußball spielen! Das ist wirklich gruselig!