Mit dem digitalen Filmportal Youtube erlebt das Internet seinen zweiten Frühling - doch das meiste, was es dort zu sehen gibt, ist eher tragikomisch.
Es gibt sie noch, die guten Internet-Geschichten. "Noch" ist nicht ganz richtig. Es gibt sie wieder. Nach einer Phase des katatonischen Investitionsschocks, des nahezu kopflosen Zurückfahrens fast aller finanziellen Mittel für Web-Projekte, werden neue Konzepte inzwischen wieder gefördert. Verhaltener zwar als zu Zeiten des so genannten Dotcom-Booms, als heimatloses Kapital fast jede fixe Idee förderte - Hauptsache das Wort "vernetzt" kam darin vor.
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Auch diese Menschen bringen "The Lion Sleeps Tonight" zur Darbietung (© screenshot: bgr)
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Der wesentliche Grund für diesen zweiten Frühling im Netz ist, dass sich das Internet mittlerweile als Medium für globale Kommunikation etabliert hat. Während noch vor wenig mehr als 5 Jahren der Zugang zum weltweiten Computernetz besser gehütet zu sein schien als Dan Browns Geheimnis des Heiligen Grals, ist "Surfen im Web" mittlerweile eine Selbstverständlichkeit geworden. Es gibt Internet-Provider en masse, erschwingliche Flatrates und Kombinationen aus Telefon- und Internettarifen, die den Web-Anschluss im Paket mit bekannten Technologien liefern. Und so sorgen nahezu flächendeckend verbreitete Breitbandanschlüsse auch für eine erhöhte Bytedichte im Web-Angebot: Riesige Dateien, deren Download früher ein Modem stundenlang zum Ächzen brachten, werden heute "in Echtzeit gestreamt", das heißt: angeklickt und sofort wahrgenommen. Entsprechend werden diese Angebote jetzt auch genutzt.
So kommt es, dass im Herbst 2005 zwei amerikanische High-Tech-Sprösslinge aus San Mateo in der Silicon-Valley-Area 3,5 Millionen Dollar Startgeld von Sequoia Capital, einem für Startup-Förderung bekannten Unternehmen, erhielten, um sich einen kalifornischen Dinner-Abends zu gönnen. Chad Hurley und Steve Chen wünschten sich, selbst gedrehte Videos über das Internet zu verschicken. Das ist zwar prinzipiell ganz einfach, weil man sie als Anhang mit Email versenden kann, doch erlauben manche Provider oftmals nicht, dass dabei eine bestimmte Dateigröße überschritten wird - und Videos neigen zu solchen Überschreitungen. Also gründeten sie eine Firma, Youtube.com, die eigentlich kaum mehr ist als ein gigantischer Rechner-Park, in dem Videos abgespeichert und sofort angeschaut werden können, ohne sie zuerst auf den eigenen Rechner laden zu müssen.
Seit dem 15. Dezember letzten Jahres steht das Filmportal jedem für jede Art von bewegtem Bild offen. Das heißt: Wer auch immer, wo auch immer, was auch immer mit einer digitalen Kamera aufnimmt oder mit Animationsprogrammen auf seinem Computer erstellt, kann die Früchte seiner Mühen sofort bei Youtube kompostieren. Und man glaubt es kaum: Dort wird abgelegt, was die Videokameras hergeben, und seitdem gilt: "The whole wide world is watching." Die ganze Welt schaut zu, wie es in einem alten Dylan-Song heißt - auch wenn man nach gelungenen Clips unter Bergen von Trash, Pleiten und Pannen sowie Mitschnitten aus Konzerten, TV und Movies mühevoll suchen muss.
So sieht man etwa Tausende von Hochzeiten, ungezählte Zoobesuche und Sportereignisse, ungezählte erste Schritte von Babys, trinkselige Partys, tränenerstickte Treueschwüre und schlafende Katzen. Dazu Verrenkungen nach sexuellen Präferenzen - und Karaoke, bis die Stimmbänder reißen.
Youtube gehört nach nur einem halben Jahr tatsächlich zu den Webseiten mit dem schnellsten und größten Wachstum aller Internetzeiten überhaupt. Seit Dezember wurden über 40 Millionen Videos aus aller Welt dort eingelagert. Die Site verzeichnet mehr als 35000 eingestellte Neu-Videos. Täglich. Entsprechend hoch ist die Anzahl der Besucher: Laut Angaben der Webstatistiken von Alexa.com gehört Youtube bereits zu den dreißig meistangesteuerten Seiten im Internet - mit mehr als 40 Millionen Video-Abrufen täglich. Schauen kann jeder, aber fast 10 Millionen Nutzer sind dort inzwischen auch registriert, um in den Genuss von Zusatz-Angeboten zu kommen, etwa zur Degusto-Sortierung seiner Fundsachen. Mit diesen Nutzerzahlen hat Youtube etablierte Platzhirsche wie CNN und Amazon bereits weit hinter sich gelassen. Man nähert sich den unfassbaren Abrufzahlen von Ebay.com und Google.com.
Es ist also keineswegs kühn zu behaupten, dass Youtube beides ist: Der Inbegriff für Internet-Video. Und der Inbegriff für so etwas wie "Video von unten". Das, was im letzten Jahr unter dem Etikette "Web 2.0" firmierte, das als "kollektive Intelligenz" gepriesene Graswurzel-Netz der Communities, erlebt in Youtube einen schier rauschhaften Höhepunkt: Youtube ist schon jetzt zu einem Archiv authentischer Inszenierungen des Alltags geworden. Ein Mentalitäten-Gehege. Es speichert Video-Botschaften aus dem wahren Leben - und damit sind gerade nicht die raubkopierten Original-Clips und Werbespots gemeint, die hier natürlich ebenfalls massenhaft auftauchen. Denn Youtube ist in erster Linie ein Medium für unmittelbar festgehaltene, nach Gutdünken arrangierte Gegenwart und daher auch ein Hinterzimmer der Selbststilisierung und eines ungehemmten Narzissmus, der sich nach außen stülpt. Ein dokumentarischer Querschnitt durch die planetarische Privatsphäre: Was immer Menschen filmen können und wie sie die Möglichkeit zu filmen tatsächlich handhaben - man erfährt es bei Youtube.com. Spannend sind gerade die Selbstverständlichkeiten, die konserviert werden: das, was einem jetzt noch nicht auffällt, aber spätestens in 20 Jahren ins Auge stechen wird: Der Stil der Interieurs, der Schnitt der Kleidung, der Jargon der Akteure, ihre Frisuren - mit einem Wort: die Ästhetik des Banalen im frühen 21. Jahrhundert.
Einerseits ist die abkonterfeite Wirklichkeit darum wie das Leben selbst - lächerlich, ambitioniert, tragikomisch ambitioniert, bisweilen erschütternd exhibitionistisch. Andererseits aber frappiert, wie bildmächtig und erzählstark die etablierten Medien Film, Fernsehen, Mode tatsächlich sind. Denn eine Vielzahl von Privat-Videos imitiert in Gestik und Habitus, aber auch in Kamera-Führung und Schnitt die Vorbilder Hollywoods, der Fashion- und der Music-Clip-Industrie. Gerade hier schlägt denn auch die Stunde der Kopisten. Und hier dräut auch der Ärger.
Putzig ist es ja, den Pop-Ohrwurm "The Lion Sleeps Tonight" in einem eigenen Computer-Animationsfilm von einem knuffigen Nilpferd und einem aufgekratzten Hund darbieten zu lassen. Die Urheber-, Aufführ- und Verwertungsrechte an dem Song aber werden dabei fast immer souverän missachtet. Was im privaten Kreis noch hinnehmbar wäre, in der Weltöffentlichkeit von Youtube, die einen solchen Clip ungezählte Male aufruft, ist es das sicher nicht. Entsprechend verspüren Fernsehstationen, Musiksender und Filmproduktionsfirmen angesichts der massenhaften Verstöße dieses tönenden Bilderreigens denselben allergischen Abwehr-Reflex, den schon die Musikindustrie bei der ehemals illegalen Musiktauschbörse Napster zeigte. So drängen die Etablierten die You-Tubbies Hurley und Chen denn auch, rechtlich geschütztes Material, den "Piraten-Content" und die illegal gefilmten Konzertmitschnitte, schnellstmöglichst wieder aus dem Angebot zu entfernen. Ein Wunsch, dem entsprochen wird. Wobei die junge Firma händeringend nach technischen Möglichkeiten sucht, die Wieder-Einstellung einmal entfernter Clips automatisch zu verhindern.
Natürlich recken auch die Mitbewerber im großen Internet-Business schon die Hälse. Google und Yahoo etwa unterhalten eigene Video-Portale, werben offensiv um Nutzerfilmchen - und liegen doch trotz sonstiger Marktführerschaft abgeschlagen auf den Plätzen. Microsoft ließ etwas pikiert wissen: "Youtube ist sicherlich fantastisch. Aber wie wollen die Jungs in fünf Jahren Geld mit ihrer Site verdienen. Sie haben doch dieses Problem mit den geraubten Inhalten." Mag sein. Bis dahin aber werden Nutzer sich auf dieser Plattform ausprobieren - und womöglich ungeahnten Erfolg haben. Wie etwa David Bernal, der einen 60 Sekunden-Spot lancierte, in dem er als Roboter-Tänzer zu sehen ist. Der Clip hat ihn so berühmt gemacht, dass er seitdem durch die größten US-Talk-Shows robotert und durch Werbe-Filmchen für Apple, Pepsi, Heineken und 7-Eleven tanzt. Im herkömmlichen TV.