Von Marc Felix Serrao

Was Goethe noch selbst erledigte - sich um seine Rechte zu kümmern -, übernimmt für deutsche Autoren seit 50 Jahren die mächtige Verwertungsgesellschaft (VG) Wort. Doch nun gerät sie durch das Internet unter Druck.

Geist und Geld passen nicht zusammen, heißt es. Dabei war schon Goethe ein erfolgreicher Geschäftsmann. 1825 ließ er auf der Leipziger Buchmesse streuen, dass er seine Verlagsrechte neu zu vergeben gedenke. Die Nachricht schlug ein: 37 Verleger buhlten um die Gunst des Dichters, sogar Raubdrucker. Das beste Gebot kam vom Bureau des Correspondenzblattes für Kaufleute: 200.000 Taler, heute etwa 9,4 Millionen Euro.

Bild vergrößern

Der Autorenverein - mehr Mitglieder, unsichere Einahmen. (© Grafik: Süddeutsche Zeitung)

Anzeige

Was der Geheimrat noch selbst erledigte - sich um seine Rechte zu kümmern -, übernimmt für deutsche Autoren seit 50 Jahren unter anderem die Verwertungsgesellschaft (VG) Wort.

Der Verein, der das Geschäft mit der Zweitverwertung von Texten abwickelt, ist abseits des Kulturbetriebs kaum bekannt, doch er hat Macht, beziehungsweise Geld. Fast 67 Millionen Euro schüttete die VG Wort 2007 an 139.000 Autoren und mehr als 6000 Verlage aus. Insgesamt vertritt sie heute so viele Menschen wie nie: rund 370.000 "Bezugsberechtigte" (ohne Vertrag mit dem Verein) und "Wahrnehmungsberechtigte" (mit Vertrag) sowie 8000 Verlage.

Ein paar bis ein paar tausend Euro im Jahr

Je nachdem, wie oft das Werk eines Schriftstellers, Wissenschaftlers, Übersetzers oder Journalisten weiterverbreitet wird, erhält er von der VG Wort ein paar bis ein paar tausend Euro im Jahr.

Zahlen müssen vor allem Herausgeber von Pressespiegeln und Importeure und Betreiber von Kopiergeräten und Speichermedien, etwa Bibliotheken oder Copy-Shops. Der Verein macht keinen Gewinn, behält aber rund acht Prozent der Einnahmen für die Verwaltung ein. 2007 waren das knapp 7,4 Millionen Euro.

Der Weg zum vielen Geld führte über sehr viele Prozesse. Die, die dafür zahlen sollten, dass sie Texte kopieren, kämpfen um jeden Cent. Über die juristischen Details berichtet der Medienwissenschaftler Thomas Keiderling in der Festschrift Geist, Recht und Geld: Die VG Wort 1958 - 2008. Sie beginnt mit Mönchen, die Bücher anketten, und endet mit dem Internet. Da kann man nichts mehr anketten.

Viele Gefechte

Goethestraße 49 in München, ein Altbau mit poliertem Parkett und Stuckdecken. Mit einem engen Rumpelaufzug gelangen Besucher in den dritten Stock, zu Ferdinand Melichar.

Der Anwalt, eine elegante Erscheinung mit scharfen Bügelfalten und blankpolierten Collegeschuhen, leitet die VG Wort seit 1984. Ende des Jahres hört er auf.

Melichar hat viele Gefechte für die Autoren geführt und gewonnen. Beim 50-Jahres-Festakt im Reichstag ist er dafür viel gelobt worden. Doch auf eines hat auch Melichar keine Antwort: wie Urheberrechte im Internet geschützt werden können. "Das erinnert mich an Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen", sagt er. Im Roman wehrt sich ein alter Ritter gegen den Fortschritt. Der Fortschritt gewinnt.

Ein Hacker reicht

Konsumenten verfolgen, wie die Musikindustrie? "Ziemlich aussichtslos", sagt Melichar. Etwa 80 Angestellte hat sein Verein. Das Internet hat bald 1,5 Milliarden Nutzer. Auch die "digitale Rechteverwaltung", mit der Film- und Musikportale die Nutzungsdauer und Kopiermöglichkeiten beschränken, wackele. "Da braucht es einen raffinierter Hacker, und schon ist es für alle im Netz."

Die einzig praktikable Variante ist für Melichar eine "Kulturflatrate". Das umstrittene Konzept gibt es schon länger: Gegen eine pauschale Gebühr auf Internetzugänge - ähnlich wie die für Kopiergeräte - dürfen Nutzer alles herunterladen. So sollen die Urheber im Netz auf Dauer nicht leer ausgehen. Im Internet schwindet ohnehin das Bewusstsein von Autoren für ihre Rechte.

Kaum Verständnis für die Urheberidee

"Die wenigsten Blogger und Webseiten-Inhaber wissen, dass ihre Werke geschützt sind", sagt VG-Wort-Chronist Keiderling. Oder es ist ihnen egal, wie den Millionen Mitgliedern von Netzwerken wie StudiVZ, die online viel bis viel zu viel von sich preisgeben.

Wer mit Anhängern von Wikipedia spricht, hört ebenfalls kaum Verständnis für die Urheberidee. Im Mitmachlexikon darf prinzipiell jeder an allem herumbasteln.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Kampf um jeden Cent
  2. Kampf um jeden Cent
Leser empfehlen