Evgeny Morozov Das Silicon Valley fordert ein Grundeinkommen - gut so!

Die Entscheider des Silicon Valley propagieren ein garantiertes bedingungsloses Grundeinkommen. Aus gutem Grund.

Gastbeitrag von Evgeny Morozov

Im Silicon Valley spricht man selten über Politik - und wenn, dann nur um zu erörtern, wie man sie am effektivsten zur Strecke bringt. Melden sich die Großen mal zu Wort, verunglimpfen sie Obdachlose, feiern den Kolonialismus oder jammern über unfähige lokale Behörden, die den zarten Künstlerseelen, die hinter Uber und Airbnb stecken, das Leben schwer machen. Wie kam es also dazu, dass Amerikas Technik-Mogule zu den lautstärksten Verfechtern eines bedingungslosen Grundeinkommens wurden - dieser alten, aber radikalen Idee, die, aus jeweils ganz unterschiedlichen Gründen und unter ganz unterschiedlicher Ausprägung von Rechten wie Linken adoptiert wurde?

Von Marc Andreessen bis Tim O'Reilly scheinen die Valley-Bosse begeistert zu sein von der Aussicht, normalen Bürgern Geld auszuhändigen, egal ob die nun arbeiten oder nicht. Y Combinator, ein Gründerzentrum, möchte Ehrenamtlichen Bargeld geben und Forscher anstellen, die das ganze Thema untersuchen sollen. Albert Wenger, ein berühmter Venture-Kapitalist, ist derart begeistert vom Grundeinkommen, dass er ein Buch darüber schreibt. Also, wie kommt's? Woher diese Begeisterung?

Zunächst mal ist da das traditionelle marktwirtschaftliche Argument gegen die Aufdringlichkeit und Ineffizienz des Sozialstaats - ein Problem, welches das Grundeinkommen ihrer Meinung nach lösen könnte, wenn man es mit einem weitreichenden Abbau öffentlicher Institutionen kombiniert. Zweitens könnte die bevorstehende Automatisierungswelle dazu führen, dass immer noch mehr Leute ihre Jobs verlieren - die Aussicht auf ein garantiertes Grundeinkommen macht da einen neuen Aufstand der Technikskeptiker weniger wahrscheinlich. Drittens sind die pekuniären Aussichten mit dem Puffer eines Grundeinkommens in einer Ökonomie, in der man sich von Job zu Job hangelt, nicht mehr ganz so gruselig. Für Uber zu fahren könnte dann eine Art Hobby werden, das ab und zu sogar Geld abwirft. So wie fischen, nur ein bisschen sozialer.

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Das Grundeinkommen würde Tech-Firmen ein progressives, soziales Image geben, während sie den Weg frei machen zu weiteren Expansionen. Weg mit all den sozialstaatlichen Institutionen oder Gesetzen, die Arbeiterrechte garantieren! Schluss mit all dem Hinterfragen des Status quo, wem die Daten gehören oder die Infrastruktur, die diese Daten produziert.

Der wahre Grund für dieses Engagement ist raffinierter: Sollten die Valley-Bosse scheitern bei dem Versuch, die Debatte um das Grundeinkommen selbst argumentativ abzustecken, könnten die Leute am Ende rausbekommen, dass das eigentliche Haupthindernis für die Umsetzung dieser radikalen Idee das Silicon Valley selber ist.

Um zu verstehen, warum das so ist, tut man gut daran, sich die durchdachteste Version der Theorie vom bedingungslosen Grundeinkommen anzusehen: Die italienischen Ökonomen Carlo Vercellone, Andrea Fumagalli und Stefano Lucarelli üben lange schon scharfe Kritik am "kognitiven Kapitalismus", also an einem Kapitalismus, in dem kognitive Arbeit immer wichtiger und materielle Produktion immer unwichtiger wird. Im Unterschied zu anderen Befürwortern des bedingungslosen Grundeinkommens, die moralisch argumentieren, sagen diese Ökonomen, dass das Modell ökonomisch sinnvoll sei, da wir gerade in besagtes Zeitalter des kognitiven Kapitalismus treten.

Man vermeidet dadurch strukturelle Instabilität - die unter anderem durch die steigende Prekarität der Arbeit und die stetig wachsende Einkommensungleichheit entsteht - und verbessert die Zirkulation von Ideen und deren innovativem Potenzial. Warum ist das so? Erstens kann man so alle für die Leistung entschädigen, die sie erbringen, während sie gar nicht im engeren Sinne arbeiten, eine Leistung, die im kognitiven Kapitalismus oft viel größeren Wert erzeugt als bezahlte Arbeit. Denken Sie an all die Uber-Fahrer, die nützliche Daten produzieren, was Uber dabei hilft, die Fahrzeugflotte immer noch genauer übers Stadtgebiet zu verteilen.