Internet Hemmungslose Hassbotschaften

Oliver Polak, Moderator des Abends, provoziert ganz bewusst.

(Foto: Stephan Rumpf)

Podiumsdiskussion zum Thema Shitstorms

Von Anne Kathrin Koophamel

Eigentlich wollte Nadine Linder für das Deutschlandradio über Pegida berichten. Doch die Hasswelle, die ihr aus dem Internet immer öfter nach einem ihrer Beiträge entgegenschwappt, erschreckt sie dann doch. "Ich bin in solchen Momenten fassungslos", sagt sie bei der Podiumsdiskussion "Haters Gonna Hate?!" über sogenannte Shitstorms im Netz. "Und ja, es gab eine Phase, da habe ich beim Verlassen des Büros in Dresden genau geschaut, wer davor steht und vielleicht auf mich wartet."

"Lügenpresse", "Bitte bring dich um", "Ohrfeigen Sie sich selbst", "deckige Wahrheitsverdreherin": Solche Kommentare sind zwar zum Glück nicht der Alltag der politischen Journalistin; doch sie gehören dazu. "Wenn jemandem meine Arbeit nicht gefällt, ist das okay", sagt Lindner, "aber physische Gewalt anzudrohen, ist etwas anderes". Als jemand "Erschießt die Fotze" postet, wird Lindner wütend - und setzt sich zur Wehr. Sie zeigt den Verfasser an, das ganze endet in einem Prozess. Gut ein Jahr später bekommt Lindner vor Gericht Recht. 420 Euro Strafe muss der dreifache Familienvater zahlen.

Ihr Fall ist sicher einer der härteren. Doch Journalisten-Kollegen bestätigen bei der Diskussion der Georg-von-Vollmar-Akademie, dass Beschimpfungen, Beleidigungen und auch Hetze im Internet zugenommen haben. Bei dem Hass-Slam im Ampere lesen neben Lindner der SZ-Journalist Max Hägler sowie der Regensburger Online-Journalist Stefan Aigner Kommentare vor, die besonders skurril, diffamierend oder zum Teil auch ungewollt komisch sind. Aigner kennt viele der Leser aus Regensburg persönlich. Einige posten immer und immer wieder. "Manchmal grüßen sie mich auf der Straße und manchmal schauen sie weg, je nachdem, in welcher Phase der Kommunikation wir gerade stecken", erzählt er über eine besonders treue Leserin, die allein bei ihm auf der Homepage mehr als 400 DIN-A4-Seiten Kommentare gepostet hat. Einschüchtern lässt er sich aber durch die teilweise unverhältnismäßig harte Kritik nicht.

Was sich aber verändert habe: Die Kommentare werden persönlicher. Hätten sich vor einigen Jahren noch die meisten dieser Leser hinter Pseudonymen versteckt, so schreiben viele heute unter ihrem Klarnamen. "Die Schwelle ist gesunken", sagt der SZ-Journalist Hägler, dem ein Leser mal riet: "Schulen Sie um, werden Sie Bioladenbesitzer und bieten Töpferkurse an". Und auch wenn das Publikum bei solchen "Haters Gonna Hate"-Slams lacht - dass hier einer der harmlosen Kommentare vorgetragen wurde, merken die meisten.

"Sie Wurm", "Sie Stasi-Lehrling", "Amöben-Hirn": Die Beleidigungen fliegen an diesem Abend über die Bühne des Ampere. Die einen schreiben irre Kommentare, die niemand ernst nimmt. Die anderen wittern Verschwörungstheorien, beleidigen oder geben fremdenfeindliche Parolen von sich. Das Internet scheint für viele ein Raum geworden zu sein, um sich ungehindert Luft machen zu können. "Freie Meinungsäußerung heißt nicht, dass alles erlaubt ist oder dass eine Meinung unkommentiert bleibt", sagt Carsten Reinemann, Professor an der LMU. "Es geht immer auch um die Geisteshaltung, die hinter solch einen Kommentar steht." Reinemann lehrt Politische Kommunikation, setzt sich mit Hass als einer Art Gegenrede auseinander. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Zurück-Haten, dass wir deren Stereotypen durch andere ersetzen", meint er. Sprich: Nicht jeder, der Tippfehler in Kommentaren macht, ist gleich ein Arbeitsloser und nicht jeder, der gegen Flüchtlinge wettert, ein radikalisierter Neonazi.

Hasskommentare seien aber auch eine Art Geschäftsmodell geworden, meint der Comedian Oliver Polak, der durch den Abend führt. Wer radikale Aussagen veröffentliche, bekomme ein breites Feedback. Sei es durch Bestätigung, Beleidigungen, aber vor allem durch jede Menge Traffic auf der eigenen Homepage oder Facebook-Seite. Er selbst polarisiert stark. Meistens sind es böse Briefe, die ihn erreichen, wenn er Witze über Juden, Priester oder Behinderte rausgelassen hat. Ändern will er sich nicht, er nimmt den Hass hin. Polak: "Man kann nicht immer auf Zustimmung arbeiten."