Schnauze jetzt! Alle mal herhören! Die Musik der "Arctic Monkeys" verbessert euer Dasein. Die tut ihr euch jetzt an! Ist das klar?
Die Popkultur mag freundlich wirken, tolerant und lässig, aber in einem Punkt ist sie gnadenlos: Entweder du bist drinnen oder du bist draußen. Längst nicht jeder bekommt Zutritt zu den Hallen der Hipness. Über Drinnen oder Draußen entscheiden nicht Hautfarbe, Geschlecht, Bildungsgrad, Einkommen, auch das Alter ist - Jugendkultur hin oder her - egal. Entscheidend ist, ob man die Codeworte kennt, die geheimen Zeichen, die Zauberformeln. Die Grundfrage ist: Bist du im Besitz des Wissens?
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Bis vor kurzem verstrickten sich die Eingeweihten in Grundsatzdebatten über Musik. Diskutiert wurde etwa, ob Grime gegenüber UK Garage ein Fortschritt ist und ob das Airwaves-Festival auch in diesem Jahr wieder die Reise nach Reykjavík lohnt. Wenn man diesen Eingeweihten heute zuhört, fühlt man sich oft wie bei der Kaffeepause einer Messe für Unterhaltungselektronik. Von ¸¸aufgebohrten i-Pods" ist die Rede, (Aufbohren kannte man vorher nur im Zusammenhang mit Mofas). Strittige Fragen sind: Braucht man DSL 6000, und wenn ja von welchem Anbieter? Und: Wie lang hält der Akku eines Motorola-VCR-Handys Limited Edition, wenn die Tastenhintergrundbeleuchtung deaktiviert ist? Kurz: Es grassiert ein Ausstattungs- und Zubehörirrsinn, der gelegentlich die Frage in den Hintergrund drängt, mit welcher Musik all die schönen, sündteuren Speicher- und Abspielgeräte eigentlich befüllt werden sollen.
Wenn von neuer Musik die Rede ist, fällt derzeit vor allem ein Name: Arctic Monkeys. Das sind vier bleiche Buben aus einem Vorort von Sheffield, von denen der älteste gerade einmal 20 ist. Am Freitag erscheint ihr erstes Album ¸¸Whatever People Say I Am, That"s What I"m Not", doch eigentlich muss das niemand mehr kaufen - die Lieder gibt es alle seit Monaten in Dutzenden von Versionen zum Herunterladen im Netz. Trotzdem dürfte das Album ein Riesen-Verkaufs-Hit werden. So wie im Herbst auch schon die Single ¸¸I Bet You Look Good On The Dancefloor" sofort auf Platz 1 der englischen Charts landete, obwohl die Band den Song lange vorher als Gratis-MP3-File zur Verfügung gestellt hatte. Damit sind die vier Jungen die ersten Popstars, die allein durch die Macht des Internet großgeworden sind.
Für die Plattenfirmen ist das einerseits eine gute Nachricht: Offenbar verkauft sich Musik auch dann, wenn sie zuvor umsonst zu haben war - Raubkopierer können also durchaus gute Kunden sein. Andererseits kamen die Arctic Monkeys, bevor sie im vergangenen Jahr einen Vertrag bei dem Label Domino unterschrieben, auch ohne Plattenfirma gut zurecht. Sie wurden ohne A&R-Department, Imageberatung, Presse-Showcases und das ganze andere branchenübliche Brimborium bekannt. Stattdessen verschenkten sie bei Konzerten großzügig CDs,·und missionarische Fans verbreiteten die Musik im Netz. Heute behaupten die Arctic Monkeys in Interviews kokett, dass sie ihre Songs zu schlecht fanden, um sie zu verkaufen - und dass sie anfangs gar keinen eigenen Internetanschluss besaßen. Dass Journalisten solche Geschichten gern aufschreiben und Leser sie sympathisch finden, das haben die Arctic Monkeys auch ohne PR-Trainer begriffen.
Aber das ausgeklügeltste Marktdurchdringungs-Konzept würde ihnen wenig nützen, wäre die Musik nicht so gut. Es ist nicht so, dass sie den Rock, wie Kritiker gerne sagen, ¸¸neu erfinden", aber sie holen aus zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug heraus, was herauszuholen ist. Das Äußerste an Härte, Dichte und Bums. Sheffield ist eine alte Stahlstadt, aber die Arctic Monkeys klingen weniger stählern als flüssigmetallisch. Beweglich. Elastisch. Die Lieder hüpfen fröhlich wie Flummis. Diese Band ist ziemlich einzigartig in ihrer höflich zurückhaltenden Raserei. Die zu unrecht vergessene Hamburger Gruppe Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs veröffentlichte mal ein Album mit dem Titel ¸¸Hallelujadingdonghappyhappy" - was ziemlich genau den Effekt von einmal Arctic-Monkeys-Hören beschreibt. Menschenfreundliches Krachbumm-Bängbäng.
Auch wenn Sänger Alex Turner aussieht wie jemand, der jederzeit Kröten sicher über die Schnellstraße geleiten würde, hat seine Stimme das Grollen eines heiseren Nilpferds, oder, wenn"s musikhistorisch etwas präziser sein soll: die Vitalität des ganz frühen Paul Weller. Er singt in einfachen Worten über das, was er kennt. (Wohltuend, weil doch neuerdings alle immer gleich ¸¸Pop-Poet" sein wollen). Ihren Witz beziehen Turners Lieder aus seiner genauen Kenntnis der unmittelbaren Umgebung und dessen minimalnaturalistischer Beschreibung: nächtliche Taxifahrten, Ärger mit der Polizei und mit den Frauen. Die Arctic Monkeys wissen, wie es ist, beim Billard-Spielen von einem Betrunkenen mit dem Queue vermöbelt zu werden, und sie kennen das erniedrigende Gefühl, wenn einen der Türsteher nicht in den Club lassen will.
Anfang Dezember 2005, als es offiziell erst eine Single von den Arctic Monkeys gab, ·spielten sie im Münchner Atomic Cafe. ·Vor der Tür eine lange Schlange, als wären Oasis in der Stadt. Blanke Panik in den Gesichtern derer, die vom Türsteher auf das ¸¸Ausverkauft"-Schild hingewiesen wurden. Und drinnen dann Szenen des Aufruhrs.
Plötzlich war (wieder einmal) 1965. ·Besinnungslos euphorische Engländer, die kurzfristig mit Billigfluganbietern angereist waren, lagen sich binnen kürzester Zeit mit taumelnd glücklichen Münchnerinnen in den Armen: ¸¸Get on your dancing shoes, you sexy little swine!" Der totale Hype. Aber ein basisdemokratisch erzeugter Hype. Die Arctic Monkeys sind offensichtlich Könige der Herzen.
Es waren auch einige von den Eingeweihten im Atomic Cafe. Aber Insidertum war nicht wichtig. Es gab kein Drinnen oder Draußen, denn die Arctic Monkeys ließen am Ende jeden rein, der noch draußen ohne Karte stand. Und hinterher redeten seit langem mal wieder alle über - ja wirklich: Musik.
Denn ob man die Arctic Monkeys auf einem Fünfte-Generation-Video-i-Pod oder auf einer billigen Chromdioxid-Kassette hört, es ist ziemlich egal. Diese Musik öffnet die Herzen und verbessert das Dasein. Mehr kann man von vier bleichen Engländern nicht verlangen.
(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.14, Mittwoch, den 18. Januar 2006)
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