Internationaler Hochhauspreis Ein bisschen Grün

Hochhauspreis Bosco Verticale

(Foto: Kirsten Bucher; Kirsten Bucher)

Ein Garten vor der Tür, mitten in der Stadt: der Architekt Stefano Boeri hat auf zwei Mailänder Wohntürme einen Hektar Wald gepflanzt. Dafür gab es nun den Internationalen Hochhauspreis. Doch wer ins Innere der Häuser blickt, ist schnell enttäuscht.

Von Laura Weißmüller

Sieht so die urbane Zukunft aus? Wohnhochhäuser, auf deren Balkonen nicht nur adrett zurecht gestutzte Buchsbäumchen stehen, sondern Meter hohe Birken, Tannen und dichte Büsche wachsen? Wo also der Wald, weil ihm der Mensch durch seine Gier nach mehr Wohnquadratmetern und Shopping in der Vorstadt horizontal immer weniger Platz lässt, sich nun vertikal ausbreiten darf? Auf unzähligen Terrassen, die wie kleine Bauchläden aus dem Turm herauskragen?

Ja, findet die Jury des Internationalen Hochhaus-Preises 2014, der alle zwei Jahre von der Stadt Frankfurt, dem Deutschen Architekturmuseum (DAM) und der DekaBank für das "weltweit innovativste Hochhaus" verliehen wird. Deswegen hat sie die zwei 80 und 112 Meter hohen Wohnhochhäuser "Bosco Verticale" in Mailand des italienischen Architekten Stefano Boeri und des Bauherrn Manfredi Catella mit dem mit 50 000 Euro dotierten Preis ausgezeichnet.

Aus über 800 Hochhäusern, die innerhalb der vergangenen zwei Jahre fertiggestellt wurden, hatte das DAM 26 Gebäude nominiert. Eine Jury unter dem Vorsitz des letzten Preisträgers Christoph Ingenhoven wählte daraus dann fünf Finalisten. Rem Koolhaas' "De Rotterdam" gehörte dazu, drei Türme, die sich so nah aneinanderschrauben, dass dadurch nicht nur das größte, sondern auch das dichteste Gebäude der Niederlande entstanden ist. Vertikale Stadt nennt Koolhaas das.

Grün für die stadtgeplagte Psyche

Der Jury war offenbar mehr nach Wald: "Bosco Verticale bietet auf ehrliche Art Schutz und Raum, bezieht zugleich Natur, Licht und Luft ein und bringt damit die menschlichen Grundbedürfnisse in ein ausgewogenes Verhältnis. Eine mutige und radikale Idee für die Städte von morgen", sagte Peter Cachola Schmal, Direktor des DAMs, das bis zum 1. Februar 2015 alle 26 nominierten Projekte zeigt, und Mitglied der Jury. Diese erklärte die Türme im Norden Mailands zur "Symbiose von Architektur und Natur".

Das klingt natürlich verlockend: Man stelle einfach ein paar (Hundert) Bäume und Sträucher vor die Balkontür seines zukünftigen Hochhauses und sofort hat man nicht nur ein angenehmes Raumklima, sondern auch viel erholsames Grün für die stadtgeplagte Psyche. Klima- und Seelenschutz in einem sozusagen.

Was will man mehr? Einiges! Boeris Wohnhochhäuser im Park "Porta Nuova", die Teil einer Verdichtung des Stadtgebiets unter umweltverträglichen Bedingungen sind, sehen hinter ihrer begrünten Außenfassade erschreckend gewöhnlich aus. Stockwerk stapelt sich hier über Stockwerk. Auf den Bildern wirken die Bäume denn auch wie bei einer Fotomontage vor die klassische Standardinvestoren-Architektur geklebt. Die Preise für die 70 bis 500 (!) Quadratmeter großen Apartments kann man so sicherlich in die Höhe treiben - die Umwelt retten eher nicht. Das schafft nur eine Architektur, die kleine Wohnungen groß wirken lässt, die den Bewohner zu einem umweltverträglicheren Leben animiert und ihm nicht durch Terrassengrün suggeriert: "Alles ist gut. Bleib wie du bist."