Interkonfessionelles Fest Feiert Weihnukka!

Karikatur zu Weihnukka in der zionistischen Satirezeitschrift Schlemiel von 1904.

(Foto: Schlemiel, Nr. 1, 1904)

Früher haben viele Juden das interkonfessionelle Fest zelebriert. Heute könnte es Christen- und Judentum weniger hermetisch erscheinen lassen. Eine Spurensuche.

Von Ekaterina Kel

Es gibt diese wunderbar bezeichnende Anekdote eines jüdischen Humoristen: Ein kleines jüdisches Mädchen guckt aus dem Fenster in die Nachbarwohnung und ruft erstaunt aus: "Mutti, die Christen haben auch einen Weihnachtsbaum!" Es war der deutsch-jüdische Publizist und Theologe Schalom Ben-Chorin, der diesen Witz in seiner Autobiografie wiedergab.

Juden, die Weihnachten feiern? In vielen bürgerlichen Familien des assimilierten Judentums im Deutschland des 19. Jahrhunderts überhaupt keine Frage. Weihnachten gehörte für sie als Bürger Deutschlands ganz selbstverständlich dazu. Wie bei Ben-Chorin, der sich an die Geschenke und den Duft der Tanne erinnerte. Der Zauber des Feiertags, den die Lichter am Weihnachtsbaum beschworen, das gemütliche Beisammensein im Familienkreis - wiederkehrende Momente, die auch für viele Juden wichtig waren. Obwohl sie keine Christen waren, haben sie Weihnachten gefeiert, bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Weihnachten ist längst nicht nur Religion - sondern auch Kultur

Was an diesem Bild verdutzen sollte, ist nicht die Tatsache, dass Juden Weihnachten gefeiert haben - oder genauer: "Weihnukka", ein erfundenes Wort, das sich aus Weihnachten und Chanukka, dem jüdischen Lichterfest, zusammensetzt. Das eigentlich Frappierende ist, dass man in Deutschland diesen Teil der gemeinsamen Kulturgeschichte nahezu vergessen hat. Schließlich konnten die Juden Jesu Geburt überhaupt nur feiern, weil Weihnachten irgendwann nicht mehr nur Religion war, sondern auch Kultur geworden ist.

Es lohnt sich also, das Kuriosum Weihnukka aus der Historie hervorzukramen, denn es zeigt, wie eine kulturelle Praxis über religiöse Zuschreibungen hinweg eine Gemeinschaft stiften konnte. Es ist die Geschichte einer Säkularisierung. Und es ist eine, von der man heute noch etwas lernen kann. Gibt es also noch Weihnukka oder Spuren davon? Und was bringt es, danach zu suchen?

Klar ist: Aus religiöser Sicht gehört Weihnukka heute nicht zum Judentum. "In den jüdischen Gemeinden werden solche hybriden Formen nicht sonderlich gut geheißen", sagt Miriam Rürup, Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg. Bei orthodoxen Juden ist jegliche Aneignung von anderen Religionsbräuchen ohnehin verpönt. Aber auch das progressive Judentum, das ausdrücklich an die Tradition des liberalen Judentums im 19. Jahrhundert anknüpft, hält nicht viel von der Symbiose von Chanukka und Weihnachten. Irith Michelsohn, Generalsekräterin der Union progressiver Juden in Deutschland, sagt: "Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wir respektieren die christlichen Bräuche, aber ein Weihnukka ist schon seltsam." Natürlich gebe es auch Fotos von ihrem Großvater vor einem Tannenbaum, aber das sei ja kein christliches Symbol, so die in Israel geborene Michelsohn.

Weihnukka, das war einmal, finden die offiziellen Vertreter des Judentums in Deutschland. Für sie ist es nur noch eine Randnotiz der Assimilation von damals. "Von einem religiösen Standpunkt aus hat Weihnachten im Judentum keine Bedeutung", betont der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Von Weihnukka hält auch er wenig. "Ich bin der Meinung, dass jeder sein Fest begehen sollte." Weihnachten und Chanukka - "das sind zwei verschiedene Feiertage. Ich sehe da überhaupt keine Konfliktsituation." Man könne Weihnukka nicht feiern, lautet auch Rürups Urteil. "Es ist nur eine Ironisierung davon, dass man verschiedene Symboliken zusammenlegt. Sonst würde man ja eine neue Religion erfinden."

Zwei Feiertage, zwei Religionsgemeinschaften, zwei Kulturen. Klingt nach klaren Definitionen. Aber was ist dann mit den vielen deutschen Juden, die mit Weihnachten aufgewachsen sind? Schalom Ben-Chorin, der unter dem Namen Fritz Rosenthal groß geworden ist, wurde 1913 in eine gutbürgerliche jüdische Familie in München hineingeboren. Für den Jungen war Weihnachten ein Teil seiner Kindheit. "Ich liebte dieses Fest mit allen Sinnen", schrieb er. Die Geschenke, das Dekorieren des Baums, die Kerzen, das Festessen prägten seine Erinnerung.

Auch der Begründer des Zionismus wollte nicht auf Weihnachten verzichten. Theodor Herzl schrieb am 24. Dezember 1895 in sein Tagebuch: "Eben zündete ich meinen Kindern den Weihnachtsbaum an." Ein Freund sei durch den christlichen Brauch allerdings verstimmt gewesen. "Na, drücken lasse ich mich nicht!", schrieb Herzl weiter. "Aber meinetwegen soll's der Chanukkabaum heißen - oder die Sonnenwende des Winters?"

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Die Verschmelzung der Feste sei erst dann möglich gewesen, als Weihnachten in erster Linie nicht als religiöses Fest sondern als Familienfeier verstanden wurde, erklärt Miriam Rürup. "Der Tannenbaum stand fürs Deutschsein, für ein Bürgerlich-Sein und für ein gutes Heim." Deshalb sei er für viele Juden meistens vereinbar mit ihrem Glauben gewesen. Und auch mit dem Zionismus. Der Weihnachtsbaum gehörte zum Inventar eines bürgerlichen Wohnzimmers genauso wie das Klavier und die Enzyklopädie.

Dennoch blieb für viele eine innere religiöse Zerissenheit, die auch der 15-jährige Ben-Chorin spürte. Er, der sich doch immer mehr für den aufstrebenden Zionismus interessierte. Er, den es immer mehr zu den Lehren des Talmud zog. Vielleicht war das Feiern von Weihnachten ja doch ein Irrweg für das Judentum? "Ich mache diesen Klimbim nicht mehr mit!", entschied Ben-Chorin eines Tages und riss von Zuhause aus. Er war auf der Suche nach Eindeutigkeit und fand sie im orthodoxen Judentum.