Interaktives Erzählprojekt Das offene Kunstwerk

Der "Star Wars"-Regisseur J. J. Abrams und der Autor Doug Dorst haben sich ein höchst ungewöhnliches Buch ausgedacht. "S. - Das Schiff des Theseus" heißt ihr überaus interessantes literarisches Experiment.

Von Nicolas Freund

Wer oder was ist S.? Für welches Wort oder welchen Namen der geschwungene Buchstabe stehen soll, ist ein Rätsel. Sicher ist nur, dass sich hinter "S." gleich mehreres verbirgt: zunächst ein ganzer Roman mit dem Titel "Das Schiff des Theseus", angeblich aus der Feder des berüchtigten Autors und Aktivisten V. M. Straka. Dessen Identität ist - der Logik von "S." folgend - mit zwei Initialen im Namen ein mindestens so großes Rätsel wie die der Person S., die diesen Roman erzählt. Denn schon im Vorwort des angeblich 1949 als erstes und einziges Buch der Winged Shoes Press in New York verlegten Romans weist der Übersetzer F. X. Caldeira - eine dritte Person von fragwürdiger Identität - darauf hin, mindestens das letzte Kapitel in Teilen selbst verfasst zu haben. Zudem hat er den Text mit eigenartigen Fußnoten versehen, in denen es ihm anscheinend nur darum ging zu zeigen, wie gut er, im Gegensatz zu jedem anderen, den berüchtigten V. M. Straka kannte.

Eine Bibliotheksausgabe dieses Buches haben nun zwei Studenten, der Englisch-Doktorand Eric und die Bachelorstudentin Jen, als Postfach missbraucht, um einander Ansichtskarten, Fotos und kleine Nachrichten zukommen zu lassen. Wofür andere Studenten heute Whatsapp verwenden, brauchen die beiden Literaturstudenten eben einen altmodischen Band aus der Bibliothek. Über Monate haben die zwei so auf den Seiten dieser Ausgabe miteinander den Roman interpretiert, über Kommilitonen gelästert und - das vor allem - geflirtet, bis fast jede Seite vollgeschmiert war. Eben diese Ausgabe des Buches "Das Schiff des Theseus" hat nun der Leser vor sich liegen. Etwas ratlos sitzt man zunächst vor diesem Chaos aus Dutzenden Zettelchen, Hunderten Anmerkungen und - fast nebenbei - einem ganzen Roman.

Eine der beschriebenen Seiten aus "Das Schiff des Theseus". Abbildungen: aus dem besprochenen Band

Die Idee zu diesem Projekt kam dem Hollywood-Regisseur auf dem Flughafen

Vielleicht ist der Hinweis nötig, dass das alles erfunden ist. "S." soll ein literarisches Experiment sein: ein Spiel mit mehreren Textebenen und mit der Form des physischen Buches. Die Idee für dieses Projekt stammt von dem Filmemacher J. J. Abrams, den Text geschrieben hat der Romanautor Doug Dorst. Letzterer hat in den USA einen Roman und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht, ist in Deutschland aber praktisch völlig unbekannt. Über J. J. Abrams ist dagegen, obwohl er wie die notorischen Figuren des Buches zwei Initiale im Namen trägt, eine ganze Menge bekannt. Berühmt wurde er mit der kompliziert erzählten Fernsehserie "Lost" über eine Gruppe Gestrandeter auf einer geheimnisvollen tropischen Insel. Das Produzententeam um Abrams machte sich einen Spaß daraus, in der Serie und im Internet falsche Hinweise auf den Fortgang der Handlung zu streuen. Dank seines Hangs zu so obskuren Dingen wie Erzähltheorie hat sich Abrams einen hartnäckigen Ruf als Hollywood-Nerd erarbeitet. Inzwischen aber ist er vor allem als der Regisseur bekannt, der frevelhafterweise sowohl "Star Wars"-, als auch "Star Trek"-Filme gedreht hat.

Und nun hat Abrams eben einen Roman geschrieben. Oder eher: schreiben lassen. Bei den meisten seiner Projekte gibt Abrams nur den Anstoß. Mit "Lost" hatte er schon schnell nicht mehr viel zu tun. Meist entwickelt er das Konzept zu einer Serie, dreht eine Handvoll Episoden und widmet sich dann dem nächsten Projekt. Auch bei seiner "Star Trek"-Neuerfindung hat Abrams den Kommandosessel schon wieder geräumt.

Die Anregung zu "S." kam Abrams, wie er dem Fernsehsender CNN sagte, als er am Flughafen von Los Angeles wartend ein Buch fand, in das jemand geschrieben hatte, man solle es bitte lesen und dann wieder für jemand anderen liegen lassen. Diese Idee erschien ihm so genial, dass er mit Doug Dorst das Konzept für ein Buch ausarbeitete, dessen Geschichte sich mit den hineingekritzelten Anmerkungen seiner früheren Leser verschränkt.

Doug Dorst hat zuerst den Roman "Das Schiff des Theseus" geschrieben, der sich liest, als hätten Franz Kafka und Karl May nach einer durchzechten Nacht noch eben gemeinsam einen Abenteuerroman heruntergeschrieben. Ein Mann, der nur S. genannt wird, ist die Erzählerfigur, und jemand musste diesen S. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte (oder der Leser davon weiß), wird er auf den Spuren eines Komplotts von fiesen Agenten durch ein stilisiertes Osteuropa gejagt, gerät in Nordafrika in einen Bürgerkrieg und findet sich immer wieder auf einem eigenartigen Segelschiff mit einer zombiehaften Besatzung wieder. Scheinbar spiegelt sich der politisch (und vielleicht auch terroristisch) aktive Autor V. M. Straka in dieser Figur - so zumindest die These der kommentierwütigen Studenten Jen und Eric, die beide ursprünglich nach dem Band gegriffen haben, um endlich das Geheimnis um die wahre Identität Strakas zu lösen. Straka, in dessen Namen Kafka wie auch Stratum, also Schicht, widerklingen, ist das große Mysterium an der Pollard State University, in deren Bibliothek das Buch steht.

Vielstimmigkeit gibt es hier nicht nur zwischen den Zeilen, es ist vielmehr das Prinzip

Mit diesem durchgeknallten Kafka-Roman können die zwei Studenten nicht ganz mithalten: Obwohl der Doktorand Eric verschwörungstheoretische Ambitionen hat und beide jede Menge Problemchen mit sich herumtragen, treten die Kommentare neben dem Haupttext lange auf der Stelle. Sowohl die Straka-Ermittlungen als auch der zarte Flirt kommen nur langsam in Gang. Das Interessanteste an "S." ist neben der wunderschönen Aufmachung des Buches tatsächlich das literarische Experiment. Der Titel "Das Schiff des Theseus" weist schon auf ein antikes, philosophisches Problem hin: Ersetzt man nach und nach alle Teile eines Schiffes, ist es dann am Ende noch dasselbe Schiff? Ist ein Buch bei jedem Lesen und Kommentieren noch dasselbe Buch wie zuvor?

J. J. Abrams, Doug Dorst: S. - Das Schiff des Theseus. Roman. Aus dem Englischen von Tobias Schnettler und Bert Schröder. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 528 Seiten (im Schuber), 45 Euro.

Neu ist das alles nicht: Mehrstimmigkeit ist, mal mehr, mal weniger ausgeprägt, eine Eigenschaft jedes Romans. Eine Erzählung aus parallel laufenden Texten, die aus mehreren Perspektiven erzählen, schrieb auch J. M. Coetzee im "Tagebuch eines schlimmen Jahres". Und der Autor Mark Z. Danielewski bezieht in seinem Roman "House of Leaves" den Leser als Detektiv mit ein. Tobias Schnettler, der deutsche Übersetzer von "Das Schiff des Theseus", vergleicht "S." im Gespräch mit der SZ vorsichtig mit Arno Schmidts ebenfalls mit Nebentexten übersätem Monsterwerk "Zettel's Traum". Wie "S." ist das eigentlich ein Buch, in dem man sich Stellen ansieht, anstatt es von vorne bis hinten zu lesen.

In den USA ist "S." bereits vor zwei Jahren erschienen; für den deutschen Markt mussten nicht nur die Texte übersetzt werden, sondern auch die handschriftlichen Einleger und Kommentare neu gestaltet werden. Eine direkte Kopie des englischen Originals und der Kommentare war nicht möglich, da der übersetzte deutsche Text immer etwas mehr Platz benötigt als der englische. Im Falle von "S." sind das immerhin rund achtzig Seiten. Ein echtes Problem, wenn man die vielfarbig kommentierten, vergilbten Blätter des englischen Buches nachahmen möchte, die oft, jedes für sich, wie kleine Kunstwerke aussehen. Olav Korth, der sonst meistens Comics betextet, hat Seite für Seite von Hand mit den deutschen Kommentaren versehen. Die Übersetzung teilten sich Tobias Schnettler und Bert Schröder, wobei der eine den Romantext übertrug und der andere die Kommentare. "Das Schiff des Theseus" liest sich so auf Deutsch sogar noch ein wenig glaubwürdiger als das Original, da Schnettler den Groschenheftton etwas entschärfte. Den Studentenjargon und flirtenden Ton der beiden Studenten hat Schröder auch in den Kommentaren fast immer getroffen.

Obwohl in den USA sogar mit einem Trailer und einer mysteriösen Tonbandaufnahme auf Youtube für das Buch geworben wurde, teilten Abrams und Dorst mit, dass eine Verfilmung nicht geplant ist.