Intendantenwahl Dorny und Jurowski

Serge Dorny, noch Intendant in Lyon.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Die Leitung der Bayerischen Staatsoper in München vom Jahr 2021 an scheint nun festzustehen.

Von Egbert Tholl

Seit Monaten wartet das Publikum in München darauf, dass verkündet wird, wer von 2021 an die Geschicke der Bayerischen Staatsoper bestimmen wird. Zu diesem Zeitpunkt wird Kirill Petrenko endgültig, nach zwei Jahren Übergangszeit, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker sein, und der Intendant Nikolaus Bachler in einen vermutlich unruhigen Ruhestand gehen. In Bayern gibt es für die Suche nach möglichen Kandidaten der Nachfolge keine Findungskommision, das regelt man hier in postfeudaler Bestimmungshoheit des Ministeriums - zumindest der anhaltende Erfolg von Bachler und Petrenko gibt diesem Verhalten bislang recht.

Erklärter Wunschkandidat für die Petrenko-Nachfolge und gleichfalls Liebling der Fachpresse war Antonio Pappano. Dessen Absage jedoch ist inzwischen bestätigt. Nach langen Jahren als Musikchef der Royal Opera Covent Garden wollte er vermutlich nicht unmittelbar von einem großen Leitungsposten auf einen anderen wechseln. Abgesagt hat auch der sehr erfolgreiche Intendant der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky, der seine Erfolgsgeschichte als Erneuerer der Operette, ein Teil seiner künstlerischen Leistung, in München nicht hätte fortsetzen können. Damit waren zwei der am heißesten begehrten Kandidaten aus dem Rennen.

Nun scheint sicher zu sein, dass das neue Leitungsduo gefunden ist, der russische Dirigent Vladimir Jurowski und der belgische Intendant Serge Dorny. Fragt man im Kunstministerium nach diesen beiden Namen, so antwortet Toni Schmid, Ministerialdirigent im Ruhestand, mittels eines Beratervertrags aber nach wie vor zuständig für die Nominierung der Leitungsposten: "Ja, wir sind im Gespräch. Das sind doch keine schlechten." Speziell zu Dorny sagt er noch, der komme aus der Schule von Gerard Mortier, sei aber besser, weil er aufs Geld schauen könne. Was Auskunftsfreude zu noch nicht bestätigten Fakten angeht, ist Schmid normalerweise verschwiegener als die Sphinx. Eine Äußerung wie obige muss man als enthemmte Euphorie werten.

Noch weniger verschwiegen ist Kunstminister Ludwig Spaenle. "Ich widerspreche diesen Namen nicht. Es geht um absolute Hochkaräter des europäischen Kulturbetriebs. Da ist es richtig, in Ruhe alle Details zu klären." Die Gespräche seien weit gediehen, die Verhandlungen aber noch nicht abgeschlossen. Ganz genau wissen wird man dies aller Wahrscheinlichkeit nach ohnehin erst im nächsten Jahr. Dass dies so lange dauert, hat auch mit dem derzeitigen Zustand der CSU in Bayern zu tun. Denn erst muss das Finanzministerium die Vertragsdetails definieren (vulgo: die Höhe der Gage), dann muss das Kabinett entscheiden. Dessen Mitglieder treiben momentan andere Fragen um als die Besetzung der Staatsoper-Leitung. Doch Spaenle hofft, dass die Entscheidung "in einem zeitlich überschaubaren Rahmen" geschehe.

Warum wären Jurowski und Dorny die Richtigen? Vladimir Jurowski gab gerade einen fulminanten Einstand als Chefdirigent der Berliner Rundfunksinfoniker (SZ vom 26. 9.). Wie Petrenko Jahrgang 1972 wurde er mit 25 erster Kapellmeister an der Komischen Oper Berlin, noch bevor dort Petrenko Generalmusikdirektor wurde. Jurowski war Musikdirektor des Glyndebourne Festivals und gilt, entgegen seiner genialischen Erscheinung, als kollegialer Musiker ohne Allüren.

Serge Dorny wurde 1962 geboren und 1983 Dramaturg an der Brüsseler Oper unter Mortier, leitete das Flandern-Festival und von 1996 an das London Philharmonic Orchestra - in der Zeit debütierte dort Jurowski. 2003 übernahm Dorny die Intendanz der Oper in Lyon mit dem Vorsatz, das Haus, untergebracht in einem spektakulären Bau von Jean Nouvel, auf Augenhöhe mit der Pariser Oper zu bringen. Das hatte vor ihm Kent Nagano versucht, aber nicht ganz erreicht. Unter Dorny wurde Lyon das Spannendste, was Frankreich neben Paris in Sachen Oper zu bieten hat.

Dorny gab Uraufführungen in Auftrag, bringt eine Neuproduktion pro Monat heraus, bespielt die Amphi genannte Zweitbühne im Keller mit Jazz und unkonventioneller Populärmusik, richtet jede Saison ein Minifestival aus, das auch mal, wie dieses Frühjahr, aus der Rekonstruktion dreier alter, aber legendärer Inszenierungen von Heiner Müller, Ruth Berghaus und Klaus Michael Grüber bestehen kann. Ähnlich retrospektive Ausflüge wollte er an der Dresdner Semperoper machen, neben seiner Lust an der Moderne in Regieästhetik und Repertoire. Doch der dort 2013 unterschriebene Vertrag wurde aufgelöst, er ausbezahlt - vermutlich waren Musikchef Christian Thielemann Dornys Pläne des Neuen zu viel.

München hat seit kurzem zwei Drei-Sterne-Lokale. Der Feinschmecker Dorny kann die Paul-Bocuse-Stadt Lyon leichten Herzens verlassen.