Integration und Leitkultur Das Fremde der anderen

Multikulturell sind wir schon ohne Einwanderer: Warum die Sehnsucht nach einer deutschen Leitkultur nicht nur kleinbürgerlich, sondern geradezu unpatriotisch ist.

Von Armin Nassehi

Seit zehn Jahren wird in der Bundesrepublik in regelmäßigen Abständen über die Leitkultur debattiert. Anlass waren stets Folgen von Einwanderung und Auseinandersetzungen um den Integrationsstatus von Einwanderern und ihren Nachkommen. Die Forderung nach Anerkennung einer "deutschen Leitkultur" wird stets dann laut, wenn die Analyse empirischer Realitäten zu kompliziert wird und man für populistische Forderungen verträglichere Formulierungen sucht. Schwerer scheint man vermitteln zu können, dass die Integration auch türkischer Arbeitsmigranten und ihrer Nachkommen in Deutschland weitgehend als gelungen angesehen werden kann, wie auch neueste Forschungsergebnisse belegen.

Political Verrücktness

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Einfacher ist es dagegen, manche ohne Zweifel problematischen Einwanderungsmilieus in sozialen Brennpunkten als Bedrohung für unser Land auszugeben und dann nach einer Leitkultur zu rufen - ohne genau sagen zu können, was das eigentlich sei. Besser wäre es, die Anstrengungen der letzten beiden Legislaturperioden zu intensivieren, eine aktivere Integrationspolitik zu betreiben und migrationspolitisch auf den Stand von aktiven Einwanderungsländern zu kommen. Die Wirtschaftsverbände sind hier weiter als die Politik oder die Bildungsadministration. Von anderen Ländern kann man lernen, dass sich Migration durchaus kreativ gestalten lässt; auch lernen könnte man übrigens, dass die Integrationskraft der Bundesrepublik offensichtlich stärker ist, als wir glauben.

Die Einwanderungsgeschichte der Bundesrepublik zeigt, dass die Institutionen des Staates und des Rechts, der Bildung und der Kultur, der Wirtschaft und sogar der Religion eine Integrationskraft entwickelt haben, ohne dass das jemand gewollt hat und ohne dass dies irgendwie leitkulturell flankiert werden musste. Die Land war integrativer, liberaler, republikanischer, als ihre politischen Stichwortgeber es wussten oder wissen wollten.

Wer die Integrationskraft unserer Gesellschaft verstehen will, muss jenseits aller Migrationsfragen zur Kenntnis nehmen, dass moderne, liberale Gesellschaften vor allem dadurch integriert werden, dass sie auf kulturelle Homogenität und einen Konsens über Lebensformen weitgehend verzichten können. Sie zehren weniger von Gemeinsinn und Gemeinschaftlichkeit, sie sind vielmehr Gesellschaften von Fremden - die ihre Fremdheit als Ressource begreifen, nicht als Problem.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum man eine deutsche Leitkultur nicht braucht.

Das Wirtschaftswünder

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