Inszenierung von Religion Wir werden euch rocken!

Religiöse Inszenierungen passen durchaus zu populärer Eventkultur. Auf der ganzen Welt wird Religion daher als Großereignis in Szene gesetzt - nur nicht in Deutschland. Das größte Problem bei der Inszenierung von Religion bleibt, dass sich Glaube und Einkehr nicht kollektivieren lassen.

Von Felix Stephan

Wenn man sich ein wenig auf die Suche begibt, kann man in den gründlich säkularisierten Innenstadtbezirken der Hauptstadt derzeit erleben, wie einzelne Berliner Kirchengemeinden versuchen, sich den medialen Sehgewohnheiten der Gegenwart anzupassen. Sie schicken ihre jüngeren Mitglieder jeden Sonntag in Bars, Klubs oder Kinos, um dort in informeller Atmosphäre den Herren zu preisen. Die jungen Christen singen selbstkomponierte Songs über Liebe und Gewissheit, es gibt Erdnussflips und Cola. Meist finden diese Gottesdienste am späten Nachmittag statt, man möchte auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen.

Massenprozession in Brasilien: Am "Cirio de Nazare" in Belem nahmen im September vergangenen Jahres mehr als zwei Millionen Menschen teil.

(Foto: AFP)

Als die Künstlerinnen Dorothea Nold und Magdalena Kallenberger am vergangenen Wochenende nun diese lockeren Gebetsperformances in das Haus der Kulturen der Welt brachten für die Konferenz "Global Prayers", drängte sich die Frage auf, ob der Ursprung des chronischen Niedergangs traditioneller Gemeindestrukturen hierzulande vielleicht weniger in den kirchlichen Botschaften selbst, als vielmehr in der grandios unzulänglichen Bühnenrede liegt. Zwei dieser Gemeindebands bespielten in der Konferenz als lebende Installation die ehrwürdige Kongresshalle. Wie Nold und Kallenberger die eifrigen Sängerknaben im Hipstergewand nebst Büfetttafeln ausstellten, hatte etwas Herzloses. Sollte es dem religiösen Zeremoniell tatsächlich um die Stiftung von Gemeinschaft gehen, sind Pop-Propheten vom Range der französischen Elektroband Justice weit enteilt. Selbst das außerkörperliche Erlösungserlebnis bekommt man dort verlässlicher.

Dass religiöse Inszenierungen durchaus auch im Kontext populärer Eventkultur mithalten können, führen indes jeden Tag zahllose religiöse Gemeinschaften vor, die rund um den Globus die Sehnsüchte und Leidenschaften breiter Bevölkerungsschichten kanalisieren. In London mieten sich etwa westafrikanische Pfingstgemeinden in stillgelegte Gewerbehallen ein und beschwören den heiligen Geist unter Einsatz aufwendiger Projektions- und Klangtechnik. In Lagos unterhält die korrupte und elitäre "Redeemed Christian Church of God" den größten Saal der Metropole und versammelt wöchentlich Hunderttausende. In Brasilien befinden sich auf vielen evangelikalen Events mehr Menschen in Trance als auf einem Shakira-Konzert. Und in Indonesien werden die gigantischen Großveranstaltungen der muslimischen Habib-Brüder von Twitterbotschaften und riesigen Projektionen begleitet.