Inge Jens spricht im "Stern" über ihren demenzkranken Gatten. Ein erschütterndes Gespräch.
In den letzten Dezembertagen des Jahren 1946 gelangte eine der gruseligsten Szenen der Literaturgeschichte zur Aufführung: der bereits sterbenskranke Hans Fallada, Patient in der Berliner Charité, wurde von seinem betreuenden Professor aus der Nervenklinik in den Hörsaal verbracht und dort den Studenten als das Wrack vorgeführt, das er war:
"Er ist in einer Welt, zu der ich wenig oder gar keinen Zugang habe": Inge Jens über Walter Jens im "Stern". (© Foto: ap)
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"Das, meine Herren, was Sie hier sehen, ist der Ihnen wohl bekannte Schriftsteller Hans Fallada oder vielmehr das, was die Sucht nach dem Rauschgift aus ihm gemacht hat: ein Appendix!"
So schändlich wird die medizinische Wissenschaft nicht immer mit ihren Opfern umgegangen sein, aber den Teilnehmern der Mediengesellschaft ergeht es nicht viel besser. Als mündige Bürger gieren sie sogar nach einem solchen Schauspiel. Die Wunde muss um jeden Preis gezeigt, muss meistbietend versteigert werden. Ein nicht in den populären Medien mitgeteiltes Leid ist doch nur halbes Leid.
Seit vier Jahren leidet Walter Jens an progredierender Demenz. Der inzwischen 85-jährige Gelehrte, der sein erwachsenes Leben vom Wort und mit dem Wort gelebt hat, kann keinen vernünftigen Satz mehr formulieren. Er weiß nichts mehr von der Welt, noch weniger von sich, von seinem Lebenswerk. Er weiß nichts mehr von der Gruppe 47, in der er als junger Autor debütierte, nichts von einem Lehrstuhl für Rhetorik, den die Tübinger Universität für ihn einrichtete, nichts von den Händeln mit Marcel Reich-Ranicki.
Mit Schrecken
Seine Frau Inge fand ihren Mann einmal inmitten von Büchern, die er wahllos aus dem Regal gezogen hatte. In einem hatte er zu lesen begonnen, nur hielt er es, wie sie mit Schrecken bemerkte, verkehrt herum. Besucher erkennt er nicht mehr, inzwischen auch nicht mehr Inge Jens, mit der er seit 57 Jahren verheiratet ist. "Er ist nicht mehr mein Mann", sagt seine Frau. "Er ist in einer Welt, zu der ich wenig oder gar keinen Zugang habe."
Frau Jens hätte ihr Schicksal zu Kerner tragen und sich in den allfälligen Show-Tränen baden können. Sie hätte sich bei Beckmann begöschen lassen können, aber sie hat es anders gehalten. So verführerisch es wäre, die Herausgeberin der Werke Thomas Manns, die Biographin seiner Frau Katia, vermarktet ihr Leid nicht, sondern spricht als Wissenschaftlerin und deshalb umso eindrücklicher darüber.
Das Gespräch mit Arno Luik, das am Donnerstag im Stern erscheint, ist so erschütternd, wie es die Krankengeschichte eines Intellektuellen nur sein kann. Inge Jens beobachtet den großen Geist, der vor ihren Augen zu Grunde geht, aber sie verzweifelt nicht. Es gehört nicht wenig Mut dazu, den folgenden Satz nicht bloß zu denken, sondern ihn auch noch an die Presse zu geben: "Ich bete, dass er eines Morgens einfach nicht mehr aufwacht." Natürlich wünscht sie ihrem kranken Mann einen sanften Tod.
Der Schrecken des Alters muss hier nicht mehr beschworen werden, er ist so sinnlos gegenwärtig wie das Verhängnis in der antiken Tragödie. Dem Übersetzer des Johannes-Evangeliums hilft am Ende nicht einmal der christliche Glaube, und auch der Tod ist keine Lösung mehr: "Der Zeitpunkt, seinem Leben ein Ende machen zu können, den hat er im wahrsten Sinne des Wortes verpasst."
Manchmal geht der kranke Mann mit seiner Pflegerin in den Supermarkt und schiebt den Einkaufswagen. Er genießt es, dabei angesprochen zu werden. "Wenn er am Fleischstand ein Leberkäsweckle kriegt, dann freut ihn das", klagt seine Frau. Das Sterben ist grausam, ein solches Leben erst recht.
(SZ vom 2.4.2008/rus)
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grausam ist es wahrlich, solche kommentare lesen zu müssen.Dem gewesenen
Professor schmeckts: was ist da grausam.Wer wie ich es geschafft hat , vom
hohen Ross seiner ach so tollen Intelligenz zu steigen und im umgang mit
Dementen festzustellen, daß es so einfach ist dazusein und zu lieben wird das
ganze mit anderen Augen sehen
ist das leben für einen demenzkranken grausam? ich weiss es nicht.sicher ist nur,dass es für die angehörigen,wenn sie ihn selbst pflegen,äussert anstrengend ist.ich weiss wovon ich rede,da ich selbst eine mutter habe,die langsam in die demenz hineinwächst.dennoch ist dieses schwere los meiner mutter auch für mich eine aufgabe,die ich zusammen mit ihr meistern möchte - ich wünsche ihr,ganz pathetisch ausgedrückt, ein langes leben.
der fall jens zeigt aber wieder einmal,wie so oft,dass die finanzieller polsterung eine entscheidende rolle spielen kann,das los zu erleichtern,pflegeversicherung hin oder her.im gegensatz zu frau jens kann ich mir eine teure pflegerin nicht leisten....
Das Krankheitsbild wird gepägt vom Verlust des Erinnerungsvermögens.
Leider hat dies sehr verzweifelte Situationen zur Folge, wenn vertraute Personen vermisst werden, die Umgebung nicht erkannt wird, Durst nicht gelöscht werden kann, weil das Trinken nicht mehr bekannt ist, schlicht ein Albtraum, weil alles fremd ist und Gespräche nicht mehr verstanden werden.
Dann wird man auch noch ständig bestohlen, weil man die Verstecke der Gegenstände nicht mehr findet.
Leider führt das alles oft zu einer Bösartigkeit, die es für die pflegenden Menschen sehr schwer und seelisch anstrengend macht.
Offenbar kann Frau Jens mit dem Unbekannten an ihrer Seite sehr gut umgehen.
Vielleicht ist Altersdemenz ja auch so etwas wie ein Vorausschicken des Geistes, bevor der Tod kommt und deshalb auch gar nicht so grausam, wie wir glauben. Vielleicht ist der Mensch irgendwann einfach nur müde vom vielen Nachdenken und den damit einhergehenden traurigen Erkenntnissen über die Welt und darübe, dass man selbst nur wenig ändern kann.
Wissen wir's?
"Wenn er am Fleischstand ein Leberkäsweckle kriegt, dann freut ihn das", klagt seine Frau. Das Sterben ist grausam
Wer sich über ein Leberkäsweckle freut, stirbt nicht. Der Artikel handelt von Frau Jens verständlichen Problemen mit der Erkrankung ihres Mannes. Für Walter Jens selber muß aber diese Situation nicht grausam und furchtbar sein, nur weil er sich in einer anderen, seiner jetzigen Welt befindet.
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