Indie-Rock von Car Seat Headrest Die richtigen Menschen, die falschen Drogen

Langzeitprojekt: Will Toledo hat in sechs Jahren 13 Alben veröffentlicht.

(Foto: Matador Records, Bearbeitung SZ.de)

Der 23-jährige Will Toledo schreibt als Car Seat Headrest große Lieder über das Aufwachsen in der Vorstadthölle. Und entdeckt dabei ein paar herrlich dumme Lebensweisheiten.

Off the Record: die Pop-Kolumne von Julian Dörr

"We learned more from a three minute record than we ever learned in school", sang Bruce Springsteen 1984. Und das stimmt auch heute noch. Pop kann uns die Welt erklären - in unserer neuen wöchentlichen Musik-Kolumne.

Es ist zwar erst Mai, eine popmusikalische Sache ist aber schon geklärt: Die schönsten Songtitel hat in diesem Jahr Will Toledo geschrieben. Glauben Sie nicht? Hier, bitteschön, ein besonders prächtiges Exemplar: "(Joe Gets Kicked Out of School for Using) Drugs With Friends (But Says This Isn't a Problem)". Toll. Oder der hier: "Drunk Drivers/Killer Whales".

Was das berichtenswert macht, ist die Tatsache, dass Will Toledo zu diesen Songtiteln auch noch ein paar der schönsten Songs des Jahres geschrieben hat. Große Lieder an der Schwelle zum Erwachsensein - manchmal weise, manchmal dämlich, manchmal geklaut. Lieder wie "Drunk Drivers/Killer Whales". Da geht es um Alkohol am Steuer, aber auch um das Schicksal der Menschheit. Wir sind keine stolze Rasse, singt Toledo da, wir versuchen doch alle einfach nur nach Hause zu kommen. Und packt dann zwischen verrauschten Falsettgesang und das feinste Power-Pop-Crescendo diesseits der Jahrtausendwende noch ein paar wirklich lebenskluge Beobachtungen: "You share the same fate as the people you hate". Du und die Leute, die du hasst, ihr teilt dasselbe Schicksal. Wow.

Man sollte sich jetzt all diese Alben unbedingt anhören

Dabei ist Will Toledo gerade einmal 23 Jahre alt. Unter dem Namen Car Seat Headrest hat er seit 2010 unglaubliche 12 Alben veröffentlicht - alle größtenteils selbst eingespielt, einige davon auf der Rückbank seines Autos (die Kopfstütze im Blick, daher der Name), und kostenlos auf einer Musik-Plattform im Netz abrufbar. "Teens of Denial" (Matador Records) ist nun eines der unwahrscheinlichsten Debüts dieses Musikjahres - das 13. Album von Car Seat Headrest, gleichzeitig das erste konventionelle Studioalbum mit Band. Und der bisherige Höhepunkt im Lebenswerk des jungen Will Toledo.

Dessen Œuvre ist nichts weniger als die spätadoleszente, musikalische Version von Richard Linklaters Großprojekt "Boyhood". In bislang 13 Alben erzählt Car Seat Headrest eine Coming-of-Age-Geschichte. Über das Leben in der Vorstadthölle von Leesburg, Virginia, über die richtigen Menschen und die falschen Drogen. Man sollte sich jetzt am Wochenende nichts mehr vornehmen und unbedingt all diese Alben an ein paar Sonntagnachmittagen durchhören. Egal ob verregnet oder sonnenklar, verkatert oder smoothiefrisch. So gescheit, wehmütig oder einfach auch nur irre gut sind diese 143 Songs nämlich. Herrlicher Neunzigerjahre-"Slacker"-Indie, womit wir wieder bei Richard Linklater wären, der dieser Bewegung 1991 seinen Debütfilm auf den schluffigen Leib geschrieben hat.

Wie in "Destroyed By Hippie Powers": eine ernüchternde Bestandsaufnahme des eigenen Geistes auf einer fremden Party, die zu dem Schluss kommt, dass es vielleicht doch ein Bier zu viel war. Und dann das: "That guy I kinda hate is here", nuschelt Toledo, die Gitarre wetzt los, später brüllt irgendwer irgendwas von den Beach Boys. So rotzig, so famos jungmännisch hat schon lange keiner mehr gerumpelt. Und so brutal ehrlich.

Das ist keine Kopie, sondern irrsinnig gelungener Imitat-Pop

Car Seat Headrest, das ist irgendwas zwischen Teenager-Tagebuch und selbstsicherer Zitatesammlung. "Last friday I took acid and mushrooms, I did not transcend, I felt like a walking piece of shit", heißt es in "Drugs With Friends", den eine heulende Gitarre fünf Minuten lang zur Uhhh-Uhhh-Conclusio treibt: "Drugs are better with friends are better with drugs". "Teens of Denial" quillt über vor herrlich dummen Lebensweisheiten wie dieser. Drogen sind besser mit Freunden. Gute Menschen geben gute Ratschläge, singt er. Und das Leben als beständige Suche nach guter Pornografie muss unerfüllt bleiben.

Wie es sich für ein Kind des Internets gehört, packt Will Toledo in seine Coming-of-Age-Geschichte alles, was die Popkultur hergibt. Da wird der Kapitän der Costa Concordia zur Identifikationsfigur für den verkaterten Jugendlichen auf der Schwelle zum Erwachsensein. Oder "The Gun Song" vom zehnten Album "Nervous Young Man": Da drängt sich nach einer Viertelstunde plötzlich der Refrain von Neil Youngs "Down By The River" nach vorne.

Auch auf "Teens of Denial" findet sich so ein Moment, der ja keine Kopie ist, sondern einfach irrsinnig gelungener Imitat-Pop. Den Riff-Spaß von "Just What I Wanted/Not Just What I Needed" lässt Toledo elegant in den Cars-Hit "Just What I Needed" hinübergleiten. Weil deren Frontmann Ric Ocasek dieser Nutzung seines Werks aber nicht zustimmte, muss nun die physische Veröffentlichung von "Teens of Denial" verschoben und ein Haufen Vinyl eingestampft werden. Digital erscheint Car Seat Headrests erstes dreizehntes Album ohne dieses Cars-Sample. Ärgerlich, aber kaum mehr als eine Randnote in der großen Geschichte. Denn Will Toledo hat vor Jahren auf der Rückbank seines Autos eines verstanden: Man kann heute nichts mehr neu machen, nur noch selbst.