Im Westen was Neues "Der Popolski Show": Es gibt im deutschen Fernsehen doch noch Unterhaltungskunst, man muss sie nur finden

Es gab mal eine Zeit, da galt die WDR-Unterhaltung als Brutstätte ungehemmter Kreativität, wilder Experimente und stilbildender Wagnisse. Das ist vorbei. Heute finden sich solche Urteile über die Kölner Anstalt nur noch in archäologischen Abhandlungen, die von der TV-Steinzeit handeln, von Sendungen wie Bios Bahnhof, der Off-Show oder Schmidteinander.

Alles Geschichte. Dieser Tage wird brav das Programm zugemüllt mit biederer Standardware, die man problemlos direkt nach Sendeschluss vergessen kann. Doch wie alle generalistischen Einschätzungen krankt auch diese an der rühmlichen Ausnahme, die es kürzlich tatsächlich gab. Allerdings so gut versteckt, dass keiner auf den Gedanken kommen konnte, da sei irgendetwas geplant.

Es geschah an Ostern. Da rauschte es plötzlich mehrfach im Spätprogramm des WDR Fernsehens, das Bild verkrisselte eigenartig, und auf einmal saßen da in farbentsättigter Schrankwand-Atmosphäre verhärmte Pullunder-Menschen, deren deutsche Ansagen so klangen wie man das von illegalen osteuropäischen Fliesenlegern zu kennen glaubt. Man habe sich von einer polnischen Plattenbausiedlung aus ins WDR-Programm gehackt und wolle nun mal etwas klarstellen, behauptete der Schnauzbärtigste von allen. Er stellte sich als Pawel Popolski vor und räumte auf mit der Legende, dass alle gute Popmusik aus England, Amerika oder Deutschland kommt. In Wahrheit seien vielmehr alle großen Pop-Hits vom Großvater Popolski geschrieben worden, dann aber in die Hände eines skrupellosen Gebrauchtwarenhändlers gefallen, der sie an kopierwillige Weststars verscherbelte.

In den Fernsehzeitschriften fand sich kein Hinweis auf eine Sendung dieser Art, und nur wer genau hinschaute, erkannte, dass sich der WDR da mit Hilfe eines nicht ganz unbekannten Künstlers ein bisschen selbst unterwandert hatte. Hinter der Schnauzbart-Maske des Pawel Popolski steckte: Achim Hagemann. Den muss man nicht kennen, es sei denn, man interessiert sich für gehobene Unterhaltung, weil Hagemann vor anderthalb Jahrzehnten bei Total normal der damals aufstrebenden Komiker Hape Kerkeling am Piano begleitet hatte und für skurrile Knaller wie "Das ganze Leben ist ein Quiz" und "Hurz" mitverantwortlich zeichnete.

"Ich betrachte das als großen Glücksfall in meinem Leben", sagt Hagemann heute, denn die Zusammenarbeit mit Kerkeling eröffnete dem studierten Musiker (Schlagzeug und Klavier) ein großes Tor ins Reich der komödiantischen Art. "Damals sei das Comedyfeld noch völlig offen" gewesen. Es gab noch keine Mario Barths, keine Paul Panzers, keine Cindys aus Marzahn. Comedy hatte durchaus noch was mit Kunst zu tun.

Nach der Zeit mit Kerkeling etablierte sich Hagemann als erfolgreicher Produzent von Filmmusik, vertonte Serien wie Der kleine Vampir, Anke oder Kinofilmen wie Rennschwein Rudi Rüssel. Irgendwann wurde es ihm am Mischpult zu einsam, und es machte sich in ihm die Idee breit, mit einer Band große Hits der Popgeschichte in gänzlich neuer Form zu präsentieren. Tony Marschalls "Schöne Maid" als Soulschmelzer oder Dieter Bohlens "Cheri Cheri Lady" im Stile der Red Hot Chili Peppers. Weil ihm das einfache Herunterspielen aber zu öde erschien, ersann Hagemann irgendwann die Idee mit dem polnischen Großvater, dem man die Hits geklaut und sie dann westlich verhunzt hatte. Er trete nun an mit dem Anspruch, diese berühmten Nummern in ihrer Originalversion zu präsentieren, behauptete er dreist. Der Popolski Show war geboren.

Eine Weile tourte Hagemann mit seiner wilden Musikertruppe durch die Lande, spielte Abend für Abend den polnischen Robin Hood und eroberte mit konsequenter Auslassung aller Artikel außer "der" und dem angeblichen Sprichwort "Dieter Bohlen hat gestohlen alle Hits aus Polen" eine erkleckliche Fanschar. Irgendwann wurde eine wackere WDR-Redakteurin auf ihn aufmerksam und beschloss, ihn im Sender unterzubringen - ohne ihn zu verbiegen.

Das erste Anliegen ließ sich noch vergleichsweise leicht bewerkstelligen, mit dem zweiten war das so eine Sache. "Der WDR musste ständig Neuland betreten", berichtet Hagemann von den leicht chaotischen Dreharbeiten. Aus seinem Düsseldorfer Studio wurde das winzige Popolski-Wohnzimmer im polnischen Zabrze, wo zwischen Wodka-Flaschen, geschmackloser Biedermann-Einrichtung und notdürftiger technischer Ausstattung die Musik spielen sollte. Alles sollte möglichst roh und unverfälscht aussehen, damit man es zumindest für einen Moment wirklich für das Werk osteuropäischer Hackerbanden halten könnte. "Den Grunge Effekt" nennt Hagemann das in Anspielung auf einen berühmten Musikstil.

Dazu gehörte auch, dass in der dritten Folge plötzlich der Generator schlapp macht und die Sendeleistung herunter gefahren werden muss. Im Gegenzug werden die Zuschauer aufgefordert, ihren Fernseher bis zum Anschlag lauter zu drehen, um noch etwas verstehen zu können. Wer je erlebt hat, wie tapfer WDR-Techniker für einmal gesetzte Standards kämpfen, kann ermessen, wie weh das getan haben muss, den Pegel mutwillig abzusenken, nur um ihn dann überraschender Weise am Schluss wieder voll hochzufahren. Das sorgte für einige Hallos.

Nicht alle waren begeistert von der Show. Die Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff soll es grässlich gefunden haben, was im WDR-Flurfunk aber inzwischen durchaus als Bestätigung der außergewöhnlichen Qualität gewertet wird. In der Tat vereint Der Popolski Show, die aufgrund begeisterter Mailanfragen an den drei kommenden Sonntagen nach Zimmer frei wiederholt wird, vieles von dem, was man früher am WDR zu schätzen wusste. Beleg dafür ist auch eine wackelige schwarz-weiß-Szene, in der zu sehen ist, wie auf dem Polen-Markt von Köln Nippes ein windiger Typ Kassetten von einem noch windigeren Typen kauft. Man meint so etwas wie "Makschendrahtzzaun" und "Watzki Hatzki Dudzi Dadzki" zu hören. Zu sehen ist dann Stefan Raab, der echte, der sich offensichtlich das Rohmaterial für seine späteren Hits "Maschendrahtzaun" und "Wadde hadde dudde da" sichert. Als Freund von Hagemann hat er es sich nicht nehmen lassen, den Spaß zu unterstützen.

Ob es nun mit Der Popolski Show weiter geht, hängt von den kommenden Quoten ab. Beim ersten Mal waren sie dank fehlender Ankündigung eher bescheiden ausgefallen und unter Senderschnitt geblieben. Gerne würde Hagemann über eine Fortsetzung reden. Ideen hätte er genug. Die allerdings haben ihren Preis. "Es ist nicht so billig, wie es aussieht", sagt er. Viele Szenen wurden mehrfach gedreht. "Das ist manchmal schon mehr Film als Fernsehen."

Ob der WDR Sinn und Qualität der subversiven polnischen Musikbande erkennt und neue Episoden ermöglicht? Hagemann könnte sich im Fall der Fälle auch einen anderen Sender als Produzenten vorstellen. Angewiesen ist der 43-Jährige nicht auf Fernsehpräsenz. Gerade hat er wieder mit Hape Kerkeling an dessen Horst-Schlämmer-Lied ("Gisela) gearbeitet und schreibt mit an der Musik zu Kerkelings Fernsehfilm Ein Mann, ein Fjord (ZDF). Außerdem ist Der Popolski Show ja auch eine Live-Show. Rund 70 Auftritte absolviert die Band in wechselnder Besetzung pro Jahr und erfreut sich zunehmender Beliebtheit.

Lästig ist nur der angeklebte Schnauzbart. Um den zu fixieren, hat Hagemann immer eine Tube Kleber in der Tasche. Die braucht er, wenn sich der Bart mittendrin löst. Dann muss er nachschmieren, moderieren und trommeln zugleich. Auch etwas, dass beim WDR früher sehr viele konnten.HANS HOFF

Der Popolski Show, dreimal sonntags beginnend am 24.8., 23.45 Uhr, WDR.