Dermaßen aufgeheizt und auch irgendwie beschenkt ging ich nach Hause. Immer wieder kam ich aus diesem Pippi-Langstrumpf-Häuschen und hatte den Kopf voll mit einem wahnwitzigen Frauenschicksal, das mich voyeuristisch beschäftigte, viel mehr beschäftigte als ihr Vater. Den hatte ich vergessen. Ich wollte nie wissen, wer ich bin. Ich wollte nur wissen, wem ich begegne. Ich wollte fühlen, welche Art Lust die Geschichte in mir auslöst, und mit diesem Gefühl wollte ich das Drehbuch lesen und in die Dreharbeit gehen.
Filmszene aus dem letzten Tauber-Polizeiruf "Endspiel": Der Staatsanwalt (Matthias Bundschuh, links) im Gespräch mit Kriminalhauptkommissar Jürgen Tauber (Edgar Selge). (© Foto: Bayerischer Rundfunk)
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Häufig gab es mit Cornelias Geschichten auch schon die Namen von Schauspielerinnen. Dann vermengte sich meine Neugier auf den Stoff noch mit der Sucht nach Gesichtern: Nadeshda Brennicke als Silicon Wally, Ulrike Krumbiegel als Mutter auf dem Müllberg, Nina Kunzendorf als im Internet strippende Jura-Studentin, die ihren Vergewaltiger erdrosselt, weil das Gericht ihre Aussage verhöhnt, Rosalie Thomass als um ihr Leben lügendes Heimkind, Franziska Walser als Taubers Schwester, die mit sarggroßen Kisten voller Nazireliquien in der Haustür steht, die Taubers Vater seinen Kindern aus seinem Versteck in Montevideo geschickt hat.
Menschliche Defizite als Drehbuch-Inspiration
Ich spürte, die Stoffe hingen alle mit Cornelias Leben zusammen. Sie erlebt zwar viel, aber wichtiger ist, dass sie ein Mensch ist, an dem Erlebtes kleben bleibt. Sie ist eine Anti-Verdrängerin. Ob in ihrem Bekanntenkreis eine Freundin ihr Kind bei einem Unfall verliert, oder ob sie in der Zeitung über ein von Männern in den Sexwahn getriebenes Busenwunder liest - immer verbindet sie die Defizite anderer Menschen mit ihren eigenen.
Natürlich ist es für Autoren schwer, ein Drehbuch zu entwickeln für eine Redakteurin, die das Schöpfungsrecht ihrer Figuren so authentisch fest in den Händen hält wie Cornelia Ackers. Sie gab nie Ruhe, bis sie den von ihr gefühlten Mangel in der Handlung glitzern sah. Und natürlich ist es eine Zumutung für Regisseure und Autorenfilmer, mit einer Redakteurin bis zur Endfassung eines Films streiten zu müssen: Als handele es sich um ein Remake, dessen Original sie in einem früheren Leben gedreht hat.
Hätten wir nicht so sensible, kreativ denkende Produzenten gehabt, wie Uli Aselmann, kein Film von Regisseur Klaus Krämer wäre entstanden. Ohne die Vermittlung Gloria Burkerts wäre Dominik Graf durch die Decke gegangen. Aber waren es nicht diese Streits, die die Qualität unsrer Filme entscheidend mitgeprägt haben?
Diese Streitgespräche sind es, die ich am meisten vermissen werde. Ich habe gelernt, wie gut man im Streit einen Stoff kennenlernt und den Grund, warum er überhaupt erzählt und verfilmt werden muss. Denn die Schmerzpunkte einer Geschichte traten in solchen Auseinandersetzungen so klar zu Tage, dass sie mich während des Drehs nie mehr verlassen haben.
Der Segen der Wechselwirkungen
Unsere Scheu vor Auseinandersetzungen, das Übergehen stattgefundener Streits im Nachhinein ist aber symptomatisch für die Einstellung unserer Branche zur Filmarbeit: Wir sehen im Film bestenfalls die Summe der Einzelleistungen, aber nie den Segen der Wechselwirkungen. Uns entgeht, wie sehr wir uns ständig verändern durch die Vorschläge der anderen. Wir merken nicht, dass diese interaktiven Veränderungen das Beste unsres Berufes sind, sie sind das sogenannte Lebendige. Eine Filmgeschichte individualisiert sich eben nicht dadurch, dass einer seine Vision durchsetzt, sondern dass die Vision im Feuer der Auseinandersetzungen geschmiedet wird.
So formten sich die Grundmuster der Stoffe unsrer Redakteurin durch den produktiven Widerspruch von Autor, Regisseur, Schauspielern, Kamera, Szenenbild, Kostüm, bis sie Film wurden. Einigkeit bestand darin, dass nichts Menschliches tabuisiert sein darf, dass also alles im Fernsehfilm gestalterisch ausgedrückt werden kann.
Nischenproduktionen wurden unsere Polizeirufe in der großen ARD-Runde genannt. Gott gebe uns viele Nischen, damit wir uns nicht als Individuen in der totalen Industrialisierung unsres Geschmacks auflösen (Dominik Grafs vielfach preisgekrönter Scharlachroter Engel - die Geschichte der sich im Internet nackt zeigenden Jura-Studentin - liegt immer noch im Giftschrank der ARD, Wiederholung nicht einmal nach 21Uhr möglich).
Die Abteilung von Fernsehspielchefin Bettina Reitz im Bayerischen Rundfunk ist - neben einigen anderen ähnlichen Abteilungen anderer Sender - eine Bastion für extreme individuelle Geschichten.
Den Vater beerdigen
Immer, wenn ich Cornelia verließ, infiziert mit einer neuen Geschichte, versteckte ich sie - und vor allem die Wirkung, die sie auf mich hatte - vor meiner großen Partnerin Obermeier, meiner Kollegin Michaela May. Das war Teil des Spiels. Diese unbestechliche Realistin, moralische Expertin, ehemalige Brockdorfdemonstrantin, die auf ihrem langen Marsch durch die Institutionen bei der Polizei hängengeblieben war, ausgerechnet in meinem Büro am Schreibtisch gegenüber, sie war der erklärte Gegner meiner subjektiven Vereinnahmung der Stoffe. Ihr Appell zur Objektivierung der Fälle, ihr steter Aufruf zur gemeinschaftlichen Arbeit waren meine größte Angst und doch meine einzige Chance zu überleben - als Kommissar und Mensch. Und ihre Geduld, ihr treues Festhalten am Menschen Tauber ist die eigentliche Utopie dieser Polizeiruf- Reihe mit uns beiden.
Instinktiv habe ich begriffen, dass es gut war, nicht darüber nachzudenken, wer ich eigentlich war: Cornelias Vater. Und es war ebenfalls gut, nicht darüber nachzudenken, wer sie war: Taubers Tochter. Instinktiv habe ich verdrängt, dass ich mich vielleicht in einer Art Versuchsanordnung befand. Instinktiv bin ich in Deckung geblieben wie ein Vierzehnjähriger.
Aber war das nicht bei ihrem Vater genauso? Waren seine abenteuerlichen Fluchten nicht ein Weglaufen vor sich selbst? Wollte Cornelia vielleicht in allen Geschichten ihren Vater zwingen, erwachsen zu werden? Da hat sie lange gebraucht bei mir. Aber sie muss es geschafft haben. Denn beim Abschlussfest all unserer Polizeirufe, nach "Endspiel" beim Münchner Filmfest im Sommer dieses Jahres, sagte sie, und es klang wie eine Erlösung: Nun könne sie endlich ihren Vater beerdigen.
Hier können Sie den Trailer zu "Endspiel" sehen.
Edgar Selge, 60, lebt in München. Der letzte Polizeiruf 110 ("Endspiel") mit ihm und Michaela May wird am Sonntagabend um 20.15 Uhr in der ARD ausgestrahlt.
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- ARD: "Polizeiruf 110" Jörg Hubes Erbe 24.06.2009
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(SZ vom 07.11.2009/iko/jobr/iko)
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