Von Marc-Felix Serrao

Arte lässt einen neuen "Jack the Ripper" von der Leine. Und das gleich dreiteilig. Kann ein Fernsehfilm von heute der bekanntesten Mördergeschichte der Welt noch etwas hinzufügen?

Joe Chandler ist genau der Typ Vorgesetzter, den die Polizisten vom Revier im Londoner Arbeiterviertel Whitechapel nicht ausstehen können. Ein Schnösel, der seine Anzüge in der Savile Row schneidern lässt und meint, den alten Straßenkötern erklären zu können, wie man einen Mord aufklärt. Als er schimpft, weil sie im Dienst keine Krawatten tragen, lachen sie ihm ihre Ablehnung offen ins Gesicht. "Der Penner hat 'ne Zwangsneurose", flüstert einer. "Bestimmt schwul", grummelt ein anderer. Was die Straßenköter noch nicht wissen, ist, dass sie und der Schnösel es mit einem Serienmörder zu tun bekommen, der die Taten von Jack the Ripper kopieren will.

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Chefermittler Chandler (Rupert Penry-Jones) folgt früh den Hinweisen eines "Ripperologen". (© Foto: Arte)

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Arte zeigt die drei Teile von "Jack the Ripper ist nicht zu fassen" hintereinander weg in deutscher Erstausstrahlung. Ein Wagnis. Kann ein Fernsehfilm von heute der bekanntesten Mördergeschichte der Welt noch etwas hinzufügen? Vom Ripper, der 1888 im Londoner East End fünf Frauen so bestialisch wie fachmännisch zerlegt hat, gibt es alles, was die mediale Verwertungskette hergibt; Bücher, Filme, Serien, Lieder. Das Magazin BBC History wählte ihn zum schlimmsten Briten des 19. Jahrhunderts (gefolgt vom Faschisten Oswald Mosley im 20.Jahrhundert). 2009 kam Sherlock Holmes versus Jack the Ripper auf den Markt, ein Computerspiel.

Der Regisseur S. J. Clarkson weiß um die Materialfülle - und macht die Tatsache, dass die Ripper-Geschichte Verrückte und Verschwörungstheoretiker anzieht, zum Thema. Als die Presse von der neuen Mordwelle erfährt, gibt es die gleichen reißerischen Schlagzeilen wie 1888, angereichert um schemenhafte Täterbilder von den Überwachungskameras, die London heute lückenlos abfilmen. Auch lässt Clarkson den Chefermittler Chandler (Rupert Penry-Jones) früh den Hinweisen eines "Ripperologen" (Steve Pemberton) folgen, einem Selfmade-Experten, der Touristen zu den alten Tatorten führt. Chandlers Kollegen sind entzückt: Der Neue ist also auch noch ein Spinner.

Der Krimi ist solide, schnell und spannend. Der Mörder selbst bleibt lange verborgen, und als er doch plötzlich auftritt, wirkt er seltsam blass. Da ist kein erkennbares Motiv, keine eigene Geschichte. Nur eine Folie, auf der mit schnellen Bildern - die an die schnippselige Ästhetik der letzten großen, hanebüchenen Ripper-Verfilmung From Hell erinnern - die alte Geschichte nacherzählt wird.

Die Nacherzählung aber funktioniert, das liegt vor allem an der Figur des Ripperologen, der mit seiner Wachsjacke und dem Karohemd unterm herbstfarbenen Pullunder aussieht wie eine Karikatur. Doch die Art, wie sich dieser rotbackige Nerd wandelt, vom stolzen Experten zum Verdächtigen zum Hilfsermittler, ist zauberhaft. So wie der Groll der Polizisten gegen ihren Chef, der sich im vom Klassencharme der unteren Mittelschicht grundierten Gefrotzel entlädt. Chandler sieht von Folge zu Folge unrasierter aus. Aber eine Restdistanz bleibt. Er heißt "Sir", die Kollegen haben Familiennamen. Nur der Schlitzer verschwindet wieder im Dunkel.

Jack the Ripper ist nicht zu fassen, Arte, 21 Uhr.

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(SZ vom 18.12.2009/iko)