Beatles-Songs als Therapie: Natascha Kampusch stellt in Hamburg eine ARD-Dokumentation über sich vor - der ORF hat das Nachsehen.
Über sie ist in allen Teilen der Welt berichtet worden, sie war das Ereignis des Sommers 2006. Das Fernsehen, alle Zeitungen, der Rundfunk, das Internet, kein Medium kam ohne Sondersendung über den Fall Natascha Kampusch aus. Achteinhalb Jahre war sie eine Gefangene, die Gefangene des Wolfgang Priklopil, der das Mädchen der Welt einfach weggenommen hatte. Am 2. März 1998 verschwand Natascha, zehn Jahre alt, erst in einem weißen Lieferwagen und dann in einem fensterlosen Verlies im Keller eines Hauses in Strasshof bei Wien, hinter drei dicken Türen.
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3096 Tage lang war Natascha Kampusch ein "abgängiges Mädchen" aus dem XXII. Wiener Bezirk. (© Foto: NDR)
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Oben lebte sie weiter, in den Erinnerungen ihrer Verwandten, als "abgängiges Mädchen" aus dem XXII. Wiener Bezirk im Polizeibericht, später als Aktensammlung. 167 Ordner. Aber 3096 Tage später, am 23. August 2006, tauchte Natascha Kampusch plötzlich wieder auf, als lebendes Wesen. Sie war geflohen aus der Einsamkeit ihrer Gefangenschaft und geriet mitten hinein in eine gierige Medienwelt. Das verlorene Kind war nun die Frau des Jahres, ein vor allen verstecktes Mädchen erschien als die öffentlichste Person überhaupt.
Nun sitzt im Goldenen Saal des Hamburger Hotels Atlantic, dreieinhalb Jahre später. Schwere Vorhänge verdunkeln den riesigen Raum, und auf der Leinwand sieht Natascha Kampusch Natascha Kampusch singen. Später wird sie sagen, sie könne besser singen. Sie wird sich rechtfertigen für eine kleine Strophe aus dem Beatles-Song "From me to you", Singen habe es ihr leichter gemacht, daran erinnerte sie sich auch für diesen Film und sang deshalb einfach so.
Natascha Kampusch rechtfertigt sich oft. Warum sie ihren Peiniger nicht hasst. Warum sie nicht geflohen ist, bei all den scheinbaren Gelegenheiten. Warum sie die Öffentlichkeit erst suchte, sie dann mied. Was sie eigentlich will. Die Fragen, die ihr in den Jahren seit ihrer Entführung und Selbstbefreiung bis heute gestellt wurden, kamen ihr meistens wie Angriffe vor. Inzwischen verteidigt sie sich sogar, wenn sie gar nicht angegriffen wird. Wie für dieses Liedchen.
Vielleicht hat sie deshalb diesen Film gemacht, als die große, die befreiende Rechtfertigung. Über ein Jahr, nachdem der Hamburger Filmemacher Peter Reichard zum ersten Mal Kontakt aufgenommen hatte, gab Natascha Kampusch seinem Drängen nach und arbeitete an einem Dokumentarfilm mit, den der NDR am 25. Januar 2010 im Ersten zeigen wird und am Montag in Hamburg vorstellte. Für Österreich ist das ein Affront, der ORF hatte die ersten Gespräche mit Natascha Kampusch in die ganze Welt geliefert und war für eine Weile so bekannt wie al-Dschasira. Aber Natascha Kampusch sagt, sie wollte, dass das "mal von einer anderen Seite betrachtet wird". Dass es nicht "so einen Nachrichten-Wegwerfcharakter hat, wie wenn es nur so eine ORF-Produktion ist".
Sie muss sich für diesen Film nicht rechtfertigen, denn der Film gibt ihr recht. Mit dieser leisen Dokumentation zahlt das Fernsehen Natascha Kampusch auch etwas zurück von der Schuld, die alle Medien auf sich laden, wenn sie einfach nicht aufhören können, wenn sie immer noch mehr wissen wollen und irgendwann sogar Dinge, die gar nicht passiert sind. Aus Natascha Kampusch sollte eine Sexsklavin gemacht werden, aus Priklopil der Chef eines Kinderpornoringes. Als seien achteinhalb Jahre im Verlies, 3096 Tage, nicht schon obszön genug. "Man mag das Schreckliche, wie es schrecklich ist, nicht lassen", sagt Natascha Kampusch.
Das Verlies wird zugemacht
Das ist die Leistung dieses Films: Dass das Schreckliche schrecklich ist, so wie es ist. Stillleben der Grausamkeit zeichnen die 43 Minuten, einen tropfenden Wasserhahn, einen brummenden Ventilator, den verkommenden Garten, die Schrankwand im Wohnzimmer und immer wieder die elektrischen Rollläden, die das Haus verdunkelten, wenn Natascha aus ihrem Kellerloch nach oben durfte. Einen Tag hatte das Team Zeit, um in dem Haus zu drehen, das einst Priklopil gehörte und jetzt, im Rahmen der Opferentschädigung, Natascha Kampusch gehört. Die Enge des Verlieses, die Stille, das künstliche Licht - das Fernsehen gibt nichts hinzu, verknüpft diese Kulisse des Wahnsinns mit Interviewpassagen, Natascha Kampusch, ihre Mutter, Priklopils Freund. Dazu schildert Peter Reichard, 63, einst Polizist, den Vermisstenfall Kampusch aus Sicht der polizeilichen Ermittlungen. Fernsehen kann so unglaublich gut sein, wenn es nicht schreit, sondern flüstert.
Der NDR leistet mit dieser Dokumentation auch eine Wiedergutmachung an Natascha Kampusch. Er beweist, wie anmaßend all die Besserwisser sind, die diesem Mädchen einreden wollen, es hätte auf jeden Fall fliehen können, die ihm unterstellen, es hätte sich gefügt in die Beziehung zu seinem Entführer, die der jungen Frau nun vorwerfen, sie wollte eine Karriere auf ihrem Fall aufbauen. Schon wer zuschaut, fühlt sich eingesperrt. "Es ist ein Wunder, dass sie jetzt hier so bei uns sitzt", sagt Autor Reichard, der den Fall akribisch recherchiert hat.
Sie hat noch nie vor so einer Menge Journalisten gesessen. Natascha Kampusch, bald 21, gibt an diesem Montag in Hamburg ihre erste Pressekonferenz. Bisher ist sie zwar zigmal interviewt worden oder hat selbst interviewt, als sie für kurze Zeit eine eigene Fernsehsendung bei einem österreichischen Privatsender hatte. Sie hat vieles ausprobiert und viel nachgeholt in der neuen Freiheit. Doch jetzt stellt sie sich zum ersten Mal frei und ungeschützt den Medien. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie auch in Zukunft nicht vorhat, ein Opfer zu sein, das sich wie ein Opfer verhält.
Das Verlies, in dem sie 3096 Tage lebte, auf 4,78 Quadratmetern, hinter drei schweren Türen, habe sie zuletzt erst vor Kurzem betreten, mit einer Statikerin und einer Architektin. Die Gemeinde Strasshof wollte wissen, ob das Haus ihrer Gefangenschaft womöglich einsturzgefährdet ist durch Priklopils Baumaßnahmen im Keller. "Das Verlies", sagt Natascha Kampusch mit fester Stimme, "wird jetzt ordnungsgemäß zugemacht. Zugeschüttet."
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(SZ vom 15.12.2009/iko)
Bundespräsident Gauck in Israel
Meine Meinung:
natascha kampusch: clever.
Zuschauer/innen: größtenteils erschreckend naiv.
Ein eher ätzender Beitrag, nicht? Es ist mir sowas von egal, was und wieviel die junge Frau damit verdient. Es geht mich nichts an. Geht es Sie etwas an?
Wir wollen hier nicht außer acht lassen, dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt werden. Deswegen würde ich hier von Menschen sprechen. Wobei ich nicht außer Acht lasse, dass mehr Frauen als Männer zu den Opfern zählen.
Natascha Kampusch war aber nicht das Opfer häuslicher Gewalt. Sie wurde entführt. Sie wurde entführt, festgehalten und misshandelt. Das alles als Kind.
Wenn man ihren Vergleich aber hinzu zieht, dann sollte man sich Fragen:
Wenn schon erwachsene Frauen es so schwer haben vor der häuslichen Gewalt zu fliehen, wie schwer wird es dann ein entführtes Mädchen, dass irgendwann im Fernsehen sehen musste, dass die Suche nach ihr eingestellt wurde?
@srb70:
Diesem Mädchen jetzt vorzuwerfen, dass es schlim ist, dass Sie mit dem jahrelangen Martyrium jetzt auch Aufmerksamkeit sucht und auch Geld verdienen will finde ich schäußlich.
Zu Natascha Kampusch. Diese Frau, deren Kindheit aufs schlimste gestohlen und misshandelt wurde. Wie mag Sie sich gefühlt haben? Als Sie da im Keller sehen musste (Sie hatte ja dort einen Fernseher), dass die Menschen, vor allem aber die Eltern, aufgehört haben nach ihr zu suchen? Wie mag Sie sich gefühlt haben, als Sie jeden Tag dort in diesem Bunker leben musste mit der Gewissheit, bald wieder von diesem Mann vergewaltigt zu werden? Wie muss Sie sich gefühlt haben, wenn Sie jeden Tag überlegen musste, ob Sie den nächsten überlebt?
Wie musste Sie sich schließlich fühlen, als Sie dem Schrecken aus eigener Kraft geflohen war und die Menschen, die nur allzu gerne bei der Suche nach Ihr aufgegeben haben, jetzt ihr vorwarfen nicht wirklich fliehen zu wollen? Wie war es wohl, als die Mutter, nach diesen Jahren anstatt Ihre Tochter um Verzeihung zu bitten, und versuchen ihr jetzt eine gute Mutter zu sein, sich einfach in die Opferrolle gedrängt hat, und mit Büchern und Co. versuchte noch Geld damit zu verdienen?
Diese Fragen habe ich bei Ihnen "srb70" vermisst. Es ist immer so einfach andere schlecht zu reden, vor allem, da wir Menschen jeden Tag mit schlimmen Dingen konfrontiert werden und da meist einfach wegsehen.
Schämen sie sich!
Wer sich über Natascha Kampusch aufregt, sollte zumindest mal versuchen, sich vorzustellen, welche psychische Belastung so eine Gefangenschaft für einen Menschen - noch viel mehr für ein Kind - bedeutet. Ich finde, sie hat jedes Recht, das Beste aus ihrer besonderen Situation zu machen. Ihr deswegen Geschäftemacherei vorzuwerfen, ist schon ziemlich geschmacklos. Wenn hier eine Doku mit Niveau und Fingerspitzengefühl gemacht wurde: Da spricht nichts, aber auch gar nichts dagegen.
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