"I'm Not a F**cking Princess" im Kino Zwischen Abscheu und Faszination

Softpornographische Akte mit vier, mit elf Jahren im Playboy - Eva Ionesco verwandelt ihre eigene Geschichte in ihren ersten Spielfilm "I'm Not a F**cking Princess". Eine Geschichte, die skandalös und schamlos ist - und die doch melancholisch und sehr intim erzählt wird.

Von Fritz Göttler

Von einer traurigen kleinen Rumpffamilie handelt dieser Film, einer bizarren Ménage-à-trois: eine Mutter, alleinerziehend, ihre Tochter und die Kamera der Mutter - und wegen der kommt es dann tatsächlich auch zu Eifersuchtsgefühlen bei den beiden Frauen. Eva Ionesco verwandelt ihre eigene Geschichte in ihren ersten Spielfilm I'm Not a F**cking Princess, eine Geschichte, die skandalös und schamlos ist, und die der Film doch melancholisch und sehr intim erzählt. Und entschärft im Vergleich zu dem, was sich wirklich abspielte - es war mir nicht möglich, sagt Eva Ionesco, im Kino eine Vierjährige mit gespreizten Beinen zu zeigen.

Der Skandal war wohl kalkuliert, in den Siebzigern, als Irina Ionesco, die Mutter, Bilder von ihrer minderjährigen Tochter Eva machte und an Magazine und in Ausstellungen verkaufte. Ausgefallene Kostümierungen, infantile softpornographische Akte, Kindfrau- und Lolita-Posen, aber auch Anklänge an Präraffaeliten- und Impressionistenkunst. 1976 wurde Eva, mit elf, für den italienischen Playboy fotografiert, sie war dessen jüngstes Nacktmodell. Im selben Jahr hatte sie ihre erste Kinorolle, in Roman Polanskis Der Mieter. Dutzende weitere Rollen sollten folgen.

Von Travestie und Inszenierung lebt das Kino, von der Lust an der Verkleidung, an den phantastischen Kostümen und Kimonos, Diademen und Broschen, Pelzen und Capes, Hüten und Netzstrümpfen, an grellen roten oder künstlichen goldenen Fingernägeln, an weißer Schminke und Lidschatten. Dazu ein entrücktes Lächeln, das unheimlich müde wirkt und wie eingebrannt ins Gesicht. Inszenierung von Extravaganz, Kreation einer kindlichen Diva, totale Künstlichkeit, die schnell zu einer zweiten Natur wird. Das Vorbild ist Marlene Dietrich, die künstliche Kinofrau, geschaffen von Josef von Sternberg - die erste große Liebe, die erste erotische Beziehung, die durch eine Kamera ging.

Eine Groteske der Kindheit, die einen hin- und herreißt zwischen Abscheu und Faszination - das Kino war wohl am schnellsten bereit, Anfang des vorigen Jahrhunderts, Freuds Mahnung zu bekräftigen, man dürfe die Perversionen nicht kategorisch in die Ecke der Anomalien verbannen. Der Film wirkt wie ein surreales Gegenstück zu Maïwenn Le Bescos Polisse, der parallel in dieser Woche anläuft, er behandelt das gleiche Thema, Kindesmissbrauch, gewissermaßen hinter den Spiegeln. Er löst den gesellschaftskritischen, juristischen, feministischen Tatbestand auf in ein Gewebe von Motiven, Sehnsüchten und Träumen.

Die Fotoaktionen der Mutter - sie heißt Hannah im Film und wird gespielt von Isabelle Huppert, in großer säuseliger, exzentrischer Manier - sind ein Emanzipations-, ein Fluchtversuch, sie will Arbeit, Wohlstand, Erfolg. Die Küche, in der sie hausen, ist unerträglich spießig, mit Nähmaschine, Blumentopfhalter, Pfannen an der Wand. Und in einer dunklen Ecke hockt, nörgelig und immer gebetsbereit, Hannahs Großmutter, die hält die Verbindung zur rumänischen Heimat, ein wirres, brummelndes Familien-Über-Ich.

Melancholisch war gestern

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